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Aus der Gefühlswelt eines FC-Fans

Wut, Trauer, Entsetzen, Scham, Verzweiflung und auch emotionale Leere. Das sind die Gefühle, die ich Woche für Woche seit einem halben Jahr durchlebe. Einige werden vielleicht anhand dieser Zeilen schon erraten haben, was die Ursache für meine Qualen ist: Ich bin Fan des 1. FC Köln.

Ich bin wütend über die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die trotz Videobeweis nicht weniger wurden und häufig zu Ungunsten des FC ausfielen. Auch das unseriöse, an Peinlichkeit nicht zu überbietende Verhalten unseres Vorstandes macht mich wütend. Ich empfinde es als eine Schande für diesen Klub, von dem Toni Schumacher immer sagte, es sei „ein feiner Verein“. Allein der offene Brief des Vorstandes an die Fans nach dem Spiel gegen Freiburg spricht für sich. Die Mehrheit der Fans wollte mit Peter Stöger notfalls auch in die zweite Liga gehen, doch der Vorstand schreibt, dass es ein Fehler gewesen sei, ihn nicht früher zu entlassen, da er „nicht mehr funktioniert“ habe. Gerade angesichts der Tatsache, dass Stöger nun in Dortmund Trainer ist, empfinde ich eine solche Formulierung schlichtweg als respektlos, und es ist leider nicht das erste Mal, dass die Vereinsfunktionäre jeglichen Anstand gegenüber der Konkurrenz vermissen lassen.

Ich finde es traurig, dass unser Kader auseinanderbrechen wird, da zwar alle Spieler auch Verträge für die zweite Liga haben, wie Geschäftsführer Wehrle betont, viele von ihnen aber mit Sicherheit trotzdem anderswo ihr Glück suchen werden – immerhin haben die wichtigsten Leistungsträger Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen. Das würde den FC diesmal sicher härter treffen als das bei bisherigen Abstiegen der Fall war, denn diesmal haben wir einen jungen, entwicklungsfähigen Kader und es sind auch viele Kölsche Jungs dabei, die sich durchaus mit dem Verein identifizieren und denen man auf keinen Fall mangelnden Einsatz attestieren kann.

Beschämt bin ich angesichts der Tatsache, dass wir ein halbes Jahr nach dem Einzug in den Europapokal, dem größten sportlichen Erfolg seit 25 Jahren, sämtliche Negativrekorde brechen und aller Voraussicht nach kein einziges Spiel in der gesamten Hinrunde gewinnen werden. Auch die Stimmung und das Fanverhalten in Belgrad haben ihr Übriges dazu beigetan, dass ich mich dieser Tage schäme, Fan dieses Vereins zu sein. Während die Ultras beinahe eigene Spieler mit Pyrotechnik abschießen (was zwar sicher keine Absicht, aber mindestens grob fahrlässig war), strafen die anderen Fans auch die eigene Mannschaft, indem sie aus Protest nicht mehr mitsingen. Eine Spaltung der Fanszene ist das Letzte, was uns noch gefehlt hat, aber weder scheinen die Ultras öffentlich zugeben zu wollen, dass zumindest einzelne von ihnen etwas falsch gemacht haben, noch scheint den anderen Fans eine bessere Reaktion auf das Geschehene einzufallen, als „Scheiß Wilde Horde“ zu singen.

Die WH, die am Tag des Spiels in Belgrad ihren 21. Geburtstag feierte, ist aber längst nicht mehr die einzige Ultrá-Gruppe in Köln. Damit will ich gar nicht die Schuld auf die anderen Gruppen schieben, aber es scheint so, dass immer die Horde dafür verantwortlich gemacht wird, wenn Einzelne aus der Kölner Szene über die Stränge schlagen und das ist nicht fair. Auch diejenigen, die sich nun moralisch überlegen wähnen und sich vermutlich selbst auf die Schulter klopfen, weil sie sich von den Aktionen in Belgrad distanziert haben, sollten sich also selbst hinterfragen und auch ein wenig mehr differenzieren, den Dialog suchen, statt sich einfach nur abzugrenzen. Schließlich waren es gerade die Ultras, die den FC immer und überall begleiten und trotz Allem bedingungslos unterstützen. Dieser Support war bisher der einzige Lichtblick in einer Saison, in der ansonsten alles schief läuft, was schief laufen kann.

Allein gegen Belgrad waren 14 Spieler nicht einsatzbereit, davon zwölf aufgrund von Verletzungen. Ein derart krasses Verletzungspech ist beispiellos in der Geschichte des Fußballsports. Wer ein Team kennt, das ebenfalls so viele Ausfälle zu beklagen hatte, möge mir bitte Belege liefern.

Doch all die negative Gefühle, die ich in diesem Text annähernd zu beschreiben versuche, weichen mittlerweile einer emotionalen Leere, da ich den Klassenerhalt längst abgeschrieben habe. Das zeigte sich vor allem nach dem Elfmeter zum 4:3 für Freiburg, den ich achselzuckend hinnahm. Interimstrainer Stefan Ruthenbeck hat schon Recht: Ob das Spiel am Ende 3:3 oder 3:4 ausgeht, ist egal – nur ein Sieg wäre akzeptabel gewesen. Selbst die so lang ersehnten 3 Punkte hätten nicht mal gereicht, um ernsthaft noch an die Wende zu glauben.

Schließen möchte ich diesen Beitrag mit einer Bitte an andere Fußballfans: Ich möchte weder euer Mitleid, noch kann ich den Niedergang meines Herzensklubs noch mit Humor nehmen und über eure witzigen Sprüche lachen, dafür ist das Ganze einfach zu bitter. Niemand von euch kann sich vorstellen, wie hart es gerade ist, FC-Fan zu sein, weil noch niemals eine Mannschaft so schlecht war, zumindest nicht in der Bundesliga. Man könnte meinen, es macht keinen Unterschied, mit wie vielen Punkten man absteigt, aber es ist einfach extrem frustrierend, wenn man 19 Spiele vor Saisonende so abgeschlagen Letzter ist, dass man den Rückstand auf den Vorletzten, geschweige denn den 16. Platz, der für die Relegation reichen würde, mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr aufholen kann. Ach ja, und kommt mir jetzt bitte nicht mit Phrasen, was rechnerisch noch alles möglich ist!

Über Yannik Stracke

Ein Kommentar

  1. Du triffst den Nagel voll auf den Kopf…

    Die Fallhöhe war hoch.

    Kopf hoch, zusammen schaffen wir das!

    LG aus Müngersdorf (hier wohne ich tatsächlich…)
    Carsten

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