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Stellungnahme der aktiven Fanszene von Kickers Offenbach zum DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“

db OFC-VfB II 2012-13 0071Vergangene Woche trafen sich auf Einladung des OFC-Fanbeauftragten und des Offenbacher Fanprojektes über zwanzig Vertreter/innen unterschiedlichster Fanclubs wie Fangruppen und unorganisierte Einzelpersonen aus der Offenbacher Fanszene.

Bei dieser Zusammenkunft stand die Diskussion über das DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ im Mittelpunkt. Die Vorschläge aus diesem Papier einer „Kommission Sicherheit“ des Ligaverbandes sollen am 12. Dezember auf der Tagung aller Vereine der ersten und zweiten Liga besprochen bzw. beschlossen werden. Aber auch die Vereine der dritten Liga beraten darüber Anfang November.

Nach intensiver Diskussion waren sich alle Anwesenden in der Ablehnung des Papiers einig, sowie seiner Intention und der daraus erwachsenen Vorschläge. Gemeinsam wurde nachfolgender Tex formuliert:

Stellungnahme der aktiven Fanszene von Kickers Offenbach zum DFL-Papier:

INFORMATION UND DISKUSSION ÜBER WEITERE SCHRITTE ZUR UMSETZUNG DER ERGEBNISSE DER SICHERHEITSKONFERENZ IN BERLIN UND DER INNENMINISTERKONFERENZ-(Arbeitstitel: „Sicheres Stadionerlebnis“)

Die aktive Fanszene der Offenbacher Kickers nimmt Stellung zu dem von der DFL präsentierten Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ und setzt ein Zeichen gegen die dort vorgeschlagenen, äußerst repressiven und fragwürdigen Maßnahmen seitens des Verbandes der 1. und 2. Liga. Dieses Papier betrifft nicht nur die 36 Profimannschaften der 1. und 2. Liga, da sich alle vorgeschlagenen Änderungen der Sicherheitsrichtlinien auch immer auf die darunter liegenden Ligen auswirken. Die Vereine der 3. Liga haben im Rahmen eines Treffens beim DFB am 6./7. November 2012 ebenfalls die Gelegenheit, dieses Papier zu diskutieren und eine Stellungnahme abzugeben.

Wir empfehlen dem Vorstand von Kickers Offenbach eine ablehnende Stellungnahme dazu!

Im vorliegenden Dokument werden der Stadionbesuch und die Stadioninfrastruktur im Zusammenspiel aller Sicherheitsträger bereits als „auf höchstem Niveau“ beschrieben, was die Frage nach Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit für weitere Maßnahmen aufwirft. So lohnt sich der Blick auf die Verfasser des Papiers, die Mitglieder der „Kommission Sicherheit“, welche seitens der beteiligten Vereine überwiegend aus dem Bereich Marketing stammen und dementsprechend eine völlig andere Auffassung von einem „sicheren Stadionerlebnis“ vertreten, als wir Fans.

Vor dem Hintergrund, dass es sich bei den Verfassern des Konzeptes überwiegend um Marketingexperten handelt, hat der Vorschlag, dass Zertifikat „sicheres Stadionerlebnis“ zur Lizenzauflage zu machen, einen bitteren Beigeschmack, da es wie der Versuch wirkt, durch das Anheben der infrastrukturellen Voraussetzungen kleinen und „unattraktiven“ Vereinen den Zugang zur 1. und 2. Liga zu versperren. Aus Marketingsicht nachzuvollziehen, aus sportlicher-und Fansicht ein Unding!

Die fachliche Kompetenz von Marketingexperten ist hier offensichtlich überschritten, wenn Forderungen aufgestellt werden, die eindeutig in die Persönlichkeitsrechte jedes Fans eingreifen, zudem rechtsstaatliche Prinzipien außer Kraft setzen und den Datenschutz missachten. Ebenso zeugt es von Unkenntnis, dass Maßnahmen erlassen werden sollen, die schon jetzt jedes Wochenende in vielen Stadien gängige Praxis sind. In die Diskussion wurden weder diejenigen einbezogen, die sich auskennen noch diejenigen, die betroffen sind: die Fans, die bundesweiten Faninitiativen, die Fanbeauftragten oder die Fanprojekte.

Der Maßnahmenkatalog sieht unter anderem vor, dass die Vereine bei der Ermittlung von Straftätern aktiv mitwirken sollen und somit den Vereinen eine Rolle als „Strafermittlungs-behörden“ zugewiesen wie aufgezwungen wird. Abgesehen davon, dass der Staat sein Strafverfolgungsmonopol kaum aufgeben wird, würde hierdurch ein Keil zwischen Fans und den entsprechenden Verein, ganz konkret zwischen uns und unserem OFC getrieben und ein Misstrauen die Folge sein. Nicht zuletzt sollte erwähnt werden, dass in einem Rechtsstaat mit Gewaltenteilung Strafermittlungen allein den dafür zuständigen Behörden obliegen und nicht etwa in die Hände privater Unternehmen, beziehungsweise in diesem Fall in den Aufgabenbereich eines Vereins, gegeben werden kann.

Fankultur, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter entwickelt, und in Offenbach insbesondere auf der größten Stehplatz-Gegengeraden Deutschlands ihren Platz hat, ist plötzlich nur noch ein Sammelsurium aus „Fanprivilegien“, die bei „Fehlverhalten“ Einzelner kollektiv verboten werden können.

Die Empfehlung an Vereine und Fans, sich zu Stehplätzen zu bekennen, klingt im ersten Moment sinnvoll, jedoch ist die ständige Drohung, bei „andauerndem Fehlverhalten“ von „Störern/Problemfans“ (was immer das bedeutet?) Stehplätze als Kollektivstrafe abzuschaffen, nicht zu akzeptieren! Scheinbar halten manche Vertreter der Fußballdachverbände die schon seit langem abgeschafft geglaubte Sippenhaft für ein adäquates Strafmaß.

Gerade in Offenbach wäre die Abschaffung der Stehplätze ein undenkbares Horrorszenario, denn mit der Waldemar-Klein-Tribüne als Stehplatz-Gegengerade würde eine fest verankerte jahrelange Tradition zerstört. Dass die Abschaffung der Stehplätze im Allgemeinen soziale Ausgrenzung zur Folge hätte, muss an dieser Stelle bewusst vor Augen geführt werden. Als abschreckendes Beispiel dient die Abschaffung der Stehplätze in England und die damit verbundene Änderung der dortigen Zuschauerstruktur. Ganze Generationen von jungen Fußballfans fehlen, weil Familien die Eintrittspreise in den reinen Sitzplatzstadien nicht mehr zahlen können.

Ein Erklärungsansatz für den Aktionismus der DFL ist sicherlich der Druck, der von Politik und insbesondere den Medien auf den Verband ausgeübt wird. Laut dem Großteil der medialen Berichterstattung zu Fußballspielen finden regelmäßig Ausschreitungen und bürgerkriegsähnliche Zustände rund um Fußball statt. Jedoch sind die Straftaten und die Verletztenzahlen im Verhältnis zu den Millionen Zuschauern noch nicht einmal auf dem Niveau eines durchschnittlichen Volksfestes. An einem Oktoberfestwochenende gibt es mehr Verletzte, als in einer Saison der ersten drei Ligen in Deutschland.

Ganz so schlimm kann die Lage offenbar auch nicht sein, warum sonst brechen die drei ersten deutschen Ligen Jahr für Jahr neue europäische Besucherrekorde? Medial und seitens einiger Innenminister wird ein Notstand suggeriert und massiv mit Bildern angeblicher Ausschreitungen durch Pyrotechnik („Bengalos“) untermalt, um möglichst schnell weitere Repressionen durchzusetzen, die das Ende der Fankultur bedeuten. Das Ende der Fankultur, die den Fußball erst zu dem gemacht hat, was er heute ist.

Auch hier lohnt ein Blick in eine andere ehemals europäische Topliga. Wozu ausschließlich repressive Maßnahmen, Medienhetze und Drangsalierung einer Fankultur führen können, zeigt das Beispiel Italien eindrucksvoll. In Italien liegt die Fanlandschaft größtenteils brach, weil dort Konflikte ausschließlich mit Gesetzesverschärfungen beantwortet wurden. Zwangsläufig führte ein Verschwinden der italienischen Fanlandschaft zu einem massiven Zuschauereinbruch. Die einst berüchtigte italienische Stimmung ist aus den Stadien verschwunden.

Ohne auf jeden einzelnen Punkt des Konzepts gesondert einzugehen, müssen wir festhalten, dass das Konzept der DFL von blindem Aktionismus und Populismus zeugt. Ebenso ist es behaftet mit Widersprüchlichkeiten und einer Doppelmoral, was wir auf das Schärfste verurteilen und entschieden ablehnen.
Um es noch einmal deutlich zu sagen:
Unserer Überzeugung nach sind die vorgeschlagenen Maßnahmen unverhältnismäßig, stigmatisierend und eine deutliche Belastung für Fans und Vereine. Die geforderten drastischen Sanktionen wie kollektive Strafen, mögliche Streichungen von Fernsehgeldern oder das Aussprechen von Lizenzstrafen würden eher eine Radikalisierung im Fanumfeld fördern und die derzeitige Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Fangruppen und Sportverbänden nachhaltig beeinträchtigen. All dies lässt unserer Meinung nach nur einen Schluss zu, nämlich dass das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ vollumfänglich abzulehnen ist. Auch hier möchten wir unserer Forderung nochmals Nachdruck verleihen: Die vorhandenen Probleme lassen sich nur mit einem konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten lösen und nicht durch verschärfte Strafen oder Sanktionen, die die Grundsäulen der Rechtsstaatlichkeit missachten.

Unterzeichner des Positionspapiers

– Die Rote Zora
– Gelnhausen
– ZUK
– Alzenau
– Dick & Durstig
– Kickerswelt
– Bemblerorden
– Feuer und Flamme
– Red Fire
– Wetzlarer Elite
– Odenwald
– Fanabteilung OFC
– Kollektiv 71′
– Interessengemeinschaft Stadionbau
– Offenbach Supporters Club (OSC)
– Kategorie Offenbach
– Steinberger Jungs
– Commando Hessen
– Diversity
– Inferno Rodgau
– Ostkreispower
– Offenbacher Chaos Crew
– Fanclub Birstein
– Flamingo

sowie zahlreiche unorganisierte Einzelfans.

Foto: http://www.ofc1901.de/

Über Oliver Gottwald

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