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Freitag, 11 Januar 2013 10:48

Ein vierter Platz als Denkzettel

geschrieben von  Lizas Welt

Eine Liste des Simon Wiesenthal Centers (SWC) sorgt hierzulande derzeit für aufgeregte Diskussionen. Fast alle Medien behaupten, auf ihr seien die zehn nach Ansicht des SWC gegenwärtig schlimmsten Judenhasser weltweit verzeichnet. Und weil das Zentrum auch Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Freitag“ und Kolumnist bei „Spiegel Online“, aufgrund israelfeindlicher Äußerungen aufführte, begann der deutsche Blätterwald vernehmlich zu rauschen. Dabei umfasst diese Liste genau genommen die „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also die zehn nach Einschätzung des SWC erwähnenswertesten antisemitischen respektive antiisraelischen Verunglimpfungen des vergangenen Jahres. Sie ist demzufolge wesentlich eher eine Sammlung markanter Zitate als ein Fahndungsaufruf. Und das Ziel des SWC war es dabei auch weniger, eine Rangliste entlang der machtbedingten Gefährlichkeit der Urheber dieser Zitate zu erstellen, als vielmehr, plakativ zu verdeutlichen, wie groß das Spektrum der Judenfeindlichkeit weltweit ist und wie sich der Antisemitismus in den einzelnen politischen Lagern äußert – nicht nur bei Neonazis und radikalen Islamisten, sondern manchmal eben auch selbst bei vermeintlich unverdächtigen Akteuren wie einem deutschen Journalisten.

Und, so wäre hinzuzufügen, im Fußball – weshalb das SWC auch den „Antisemitismus europäischer Fußballfans“ in seine „Top Ten“ aufgenommen hat, an vierter Stelle sogar, fünf Plätze vor Augstein. „Das Problem antisemitischer Schmähungen bei Fußballspielen, das bis vor kurzem auf Osteuropa beschränkt schien, lebt auch in Westeuropa wieder auf“, begründet das Zentrum seine Entscheidung. Am gravierendsten seien dabei „die antisemitischen Gesänge gegenüber einem ganz bestimmten Team, nämlich Tottenham Hotspur, das in einem traditionell jüdischen Teil Londons beheimatet ist“. Bei einem Spiel gegen den Lokalrivalen West Ham United hätten Teile von dessen Fans vor kurzem „Adolf Hitler kommt euch holen“ sowie „Am nächsten Morgen werdet ihr vergast“ gesungen und Zischlaute von sich gegeben, die ausströmendes Gas imitieren sollten. Das SWC zitiert zudem aus einem Artikel in der britischen Tageszeitung „Telegraph“, in dem ein Reporter diese Vorfälle bestätigte und deutlich machte: „Wir sprechen hier nicht über ein paar isolierte Schreihälse. Ein bedeutender Teil der mitgereisten Anhänger von West Ham hat sich daran beteiligt.“ Zwei von ihnen wurden von der Polizei festgenommen, gegen einen der beiden sprach West Ham zudem ein lebenslanges Stadionverbot aus. Darüber hinaus leitete der englische Fußballverband Ermittlungen ein und prüft weitere Maßnahmen.

Ungewöhnliche Reaktion der Spurs-Fans auf den Antisemitismus

Antisemitische Schmähungen und Verunglimpfungen gegenüber den Spurs sind bei deren Spielen nicht erst seit gestern zu beobachten; die Anfänge reichen bis in die 1960er Jahre zurück. Damals lief in England die populäre Comedyserie „Till Death Us Do Part“* im Fernsehen, deren von Warren Mitchell gespielter Hauptdarsteller Alf Garnett – ein rassistischer Nationalist, der um den Hals einen Schal seines Lieblingsklubs West Ham United trug – fortwährend den Niedergang seines Landes beklagte. In einer Folge titulierte er die Spurs als „Yids“ – eine abfällige Bezeichnung für Juden. „Seitdem ist die Verbindung von Tottenham und ,Yids’ in die Umgangssprache eingegangen“, sagt John M. Efron, Professor für jüdische Geschichte an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Und das hatte Folgen, denn die Anhänger gegnerischer Mannschaften – vor allem der Londoner Konkurrenten – begannen, die von Efron benannte Verbindung bei den Spielen ihres jeweiligen Favoriten gegen Tottenham immer häufiger zu verbalisieren. „Yiddos! Yiddos! Does your Rabbi, does your Rabbi, does your Rabbi know you’re here?“ („Yiddos! Weiß euer Rabbi, dass ihr hier seid?“), brüllten Arsenal-Fans am 3. April 1976 – und da reichte es den Tottenham-Supportern: Eine Abordnung von ihnen stürmte die Nordkurve, wo die Arsenal-Anhänger standen, und skandierte dort: „Yiddos took the North Bank! Yiddos took the North Bank!“ („Yiddos haben die Nordkurve eingenommen!“)

Seit diesem Tag nennen sich viele Tottenham-Fans „Yids“ oder „Yiddos“, unabhängig davon, ob sie selbst Juden sind oder nicht. Sie schwenken im Stadion Israelflaggen, intonieren den Kanon „Yid Army“ und tragen T-Shirts mit Aufdrucken wie „Yiddo 4 Life“ („Jude fürs Leben“). Tatsächlich favorisieren traditionell viele fußballbegeisterte Juden die 1882 gegründeten Spurs aus dem Londoner Norden; gleichwohl ist der Verein kein explizit jüdischer. John M. Efron erläutert: „Dass die Tottenham-Anhänger den rassistisch gemeinten Spitznamen, statt sich vor ihm zu ducken, sich als Ehrennamen zu Eigen machten, das hat dem Spott die Wirkung genommen.“ Anders gesagt: Die Fans begegneten der in antisemitischer Absicht eingesetzten Bezeichnung ihres Lieblingsvereins als „Judenklub“ nicht mir einer Distanzierung, sondern mit Identifikation. Ähnlich verfahren übrigens auch viele Supporter von Ajax Amsterdam. Die Unterstützer der Spurs gehen aber noch weiter und ernennen auch Spieler, die sie verehren, zu „Yiddos“. Das vielleicht bekannteste diesbezügliche Beispiel ist Jürgen Klinsmann – 1994 als Spieler zu Tottenham gewechselt –, dem die Fans ein Lied widmeten. Zur Melodie von „Mary Poppins“ sangen sie seinerzeit: „Chim chiminee, chim chiminee, chim chim churoo, Jürgen was a German, but now he is a Jew!“

Doch natürlich hört der Antisemitismus nicht auf zu existieren, wenn man der Selbstverständlichkeit Ausdruck verleiht, das Wort Jude nicht als Beleidigung aufzufassen. Vielmehr fuhren gegnerische Anhänger bei Tottenham-Spielen immer schwerere Geschütze auf: Zunächst ging es bei den Schmähungen oft um die Beschneidung oder Essgewohnheiten, doch allmählich rückte der Holocaust immer stärker in den Mittelpunkt. „Die Spurs sind auf dem Weg nach Auschwitz, Hitler wird sie wieder vergasen“, wurde beispielsweise von Arsenal- und Chelsea-Fans skandiert. Eine andere Variante besteht in der erwähnten Imitation des Ausströmens von Gas durch Zischlaute. John M. Efron berichtet: „Die nichtjüdischen Tottenham-Fans haben darauf so entsetzt reagiert, wie man es nur von wirklichen Juden erwarten würde.“ Und sie intensivierten ihre Sprechchöre und Aktivitäten nochmals.

Auch international ein Problem

Mit Antisemitismus sind die Spurs und ihre Fans aber nicht nur in England konfrontiert, sondern bisweilen auch bei internationalen Spielen, wie ein jüngeres, besonders übles Beispiel zeigt: Am Tag vor der Europa-League-Partie des Klubs bei Lazio Rom attackierten mehrere Dutzend rechtsradikale Ultras von Lazio und dem AS Rom mit Baseballschlägern, abgebrochenen Flaschen und Schlagringen Anhänger von Tottenham in einer Bar in der Innenstadt von Rom. Sieben Fans der Spurs wurden verletzt und mussten in ein Krankenhaus gebracht werden. Die italienischen Behörden sprachen von einem „gezielten antisemitischen Angriff“ und ermitteln nun wegen versuchten Mordes. Auch während des Spiels selbst kam es zu antisemitischen Aktivitäten: Anhänger von Lazio Rom skandierten mehrmals „Juden Tottenham, Juden Tottenham“ und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „Befreit Palästina!“. Darüber hinaus wurden die dunkelhäutigen Tottenham-Profis Jermain Defoe, Aaron Lennon und Andros Townsend rassistisch beleidigt. Die UEFA hat wegen dieser Geschehnisse ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Und auch in anderen europäischen Ländern kommt es immer wieder zu antisemitischen Vorfällen. So zeigten ungarische Fans während des Freundschaftsspiels zwischen Ungarn und Israel Mitte August 2012 judenfeindliche Transparente und riefen antisemitische Parolen; die FIFA verurteilte den ungarischen Verband deshalb kürzlich dazu, das nächste Heimspiel in der Qualifikation zur WM 2014 unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren ebenfalls mehrere antisemitische Aktivitäten im Fußball bekannt geworden. Um nur einige Beispiele zu nennen: Anhänger von Energie Cottbus zeigten während des Zweitligaspiels gegen Dynamo Dresden im Dezember 2005 ein großes Transparent mit der Aufschrift „Juden“; der Buchstabe „D“ stellte dabei das Dynamo-Vereinswappen dar. Im September 2006 verließen die Spieler des unterklassigen jüdischen Amateurklubs Makkabi Berlin den Platz, nachdem sie den Schiedsrichter während der Partie vergeblich darauf hingewiesen hatten, dass eine Gruppe von Neonazis vom Spielfeldrand aus unablässig antisemitische Slogans grölt. Und im April 2008 riefen Anhänger des Halleschen FC während eines Oberligaspiels gegen Carl Zeiss Jena diverse Male in beleidigender Absicht „Juden Jena“ in Richtung der Gästespieler.

Anders, als es das Simon Wiesenthal Center schreibt, hat sich der Antisemitismus im Fußball also durchaus nicht bis vor kurzem auf den osteuropäischen Raum beschränkt, sondern er war stets auch im Westen zu beobachten. Dass die Verbände und Vereine bei judenfeindlichen Vorfällen Sanktionen aussprechen, ist fraglos eine richtige und notwendige Maßnahme. Doch auch die Fußballfans sind weiterhin gefordert, gegen Antisemitismus – und selbstverständlich auch gegen Rassismus und Homophobie – in ihren Reihen aktiv zu bleiben respektive zu werden. Der erwähnte vierte Platz in der „Top Ten“ des SWC sollte diesbezüglich als Denkzettel und mahnender Anstoß verstanden werden.

* Diese Serie war das Vorbild für die deutsche Produktion „Ein Herz und eine Seele“, die in den 1970er Jahren lief; sogar der Name des Hauptdarstellers, „Ekel Alfred“, orientierte sich dabei am englischen Original.


LizaTwitLogoIILizas Welt ist ein seit Februar 2006 bestehendes Weblog mit Ansichten zu Politik und Fußball. Der Name des Blogs ist dabei eine kleine Hommage an den ehemaligen Fußballprofi Bixente Lizarazu und seine dynamische Eleganz auf dem Spielfeld wie seine kosmopolitische Klugheit jenseits des Rasens.

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3 Kommentare

  • Kommentar-Link Roland Wolff Freitag, 11 Januar 2013 12:59 gepostet von Roland Wolff

    Ein wichtiger Artikel! Vieles wußte ich noch nicht. Einige Vorfälle habe ich selber oft genug kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Wie beispielsweise die rassistischen Gröhlereien der Real Madrid-fans, gehört bei Heimspielen gegen Bayern und Leverkusen, wenn immer ein dunkelhäutiger Spieler dieser Teams am Ball war. Das war Anfang 2000 und ich habe es bei diesem Verein auch nicht mehr beobachtet. Es zeigt aber, dass das wahrlich kein Problem unterklassiger Ligen ist.

    Das aber der gebührenfinanzierte Saftladen WDR es geschafft hat, mich 30 Jahre in dem Glauben zu lassen, Ekel Alfred wäre eine originär deutsche Idee und Wolfgang Menge ein Genie, das ist schon ein dickes Ding.

  • Kommentar-Link Sendl Freitag, 11 Januar 2013 14:38 gepostet von Sendl

    Die in ihrer Mehrheit eher "linken" Fans des Vereins VÃ¥lerenga IF aus Oslo nennen ihre beiden Fankurven "Gaza" und "Bredden" (Vestbredden = Westjordanland) und skandieren dies auch: "Vi er Gaza-", resp. "Vi er Bredden VÃ¥lerenga", singt man im Wechsel.
    Nun ist das per se nicht antisemitisch, doch im Kontext - links und israelkritisch, um es mal euphemistisch auszudrücken und nicht alle über einen Kamm zu scheren, sind hier i. d. R. synonym - und buchstäblich macht es deutlich auf welcher Seite man sich im Israel-Palästina-Konflikt verortet.
    Nun ist Våleranga international bedeutungslos, doch in einem theoretisch møglichen Spiel in der Euro League Qualifikation gegen eine israelische Mannschaft, bekäme der Schlachtruf nochmal eine ganz andere Dimension.

  • Kommentar-Link Carol Carr Samstag, 12 Januar 2013 09:25 gepostet von Carol Carr

    Interessanter Artikel mit verblüffenden Infos, die mir in dieser Detailtiefe bislang nicht bekannt waren. (So das Geschriebene denn der Wahrheit entspricht... ;-) )

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