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Kommentar: Rücktritt verständlich, aber nicht förderlich

Was ist die richtige Reaktion auf das DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“? Um es vorweg zu nehmen: Ich weiß es nicht! Es ist aber interessant zu sehen, wie die bundesdeutschen Fanszenen reagieren. Der organisierte Teil, also die Fanklubs, geben massenweise Stellungnahmen heraus. Die Unorganisierten schreiben sich in Weblogs einen Wolf. Und die Ultras? Nun, wir werden sehen. In Dortmund hat nun ein Fanklubvorsitzender seinen Rücktritt angekündigt.

„Der BVB wird hier bald auf die Fanclubs zukommen und eine Unterschrift verlangen, die auch der Grund für meinen Rücktritt ist. Mit der Unterschrift bestätigen die Fanclubs, dass Sie dem Maßnahmenkatalog der DFL zustimmen. Was ganz genau drin stehen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir wissen tun wir bereits, dass der Inhalt dort viele Einschränkungen mit sich bringt und gleichzeitig viel gefordert wird. Es wird Druck gemacht, ja sogar Erpressung steht im Raum.“ So begründet Matthias Saathoff seinen Rücktritt. Das ist eigentlich erst einmal nur folgerichtig: Wer will bitte als Fanklubvorsitzender verantwortlich für die Einführung des größtmöglichen undemokratischen Verhaltenskatalogs seit Gründung der Bundesliga sein?

Die Grenze zur Denunziation wird denkbar einfach: Der Fanclub „XY“ stand direkt daneben, als im Stadion ein paar Leute ein beleidigendes Plakat hochgehalten haben und ist nicht eingeschritten. Konsequenz? Bei dem, was das Papier der DFL erahnen lässt, reicht künftig schon „mangelnde Zivilcourage“ dafür, Fanklubs den Status als eben solcher aberkennen zu lassen. Als Preis für ihre Fanklubprivilegien soll künftig jeder den anderen überwachen – das unter der Situation die Lust am Engagement schwinden dürfte, ist normal.

Aber zur anderen Seite: Was bringt so ein Rücktritt oder eine Fanklubauflösung aus Protest gegen die DFL eigentlich? Den eigenen Verein kümmert es vielleicht noch am Rande, wobei das nicht gesagt ist. Die DFL kümmert es keinen Deut. Und es wird auch immer Leute geben, die dann eben Verantwortung für einen Fanklub übernehmen müssen. Oder die einfach sagen: „Mir doch egal, ich hab keine Probleme, wenn gegen Chaoten vorgegangen wird.“

Und hier liegt das eigentliche Problem. Wer das DFL-Papier richtig gelesen hat, wird feststellen: Hier versuchen ein Unternehmen (nichts anderes ist die DFL) und ein unternehmensartiger Verband, zwei Fankulturen gegeneinander auszuspielen: Die „Normalo“-Fanklubs, die sich nicht der Ultra‘-Kultur zugehörig fühlen, und eben die Ultras. Den Ultras sind Privilegien vermutlich nicht ganz herzlich egal, im Zweifel lassen sie sich aber durch Repressionen oder dem Entzug von Vorteilen nicht immer gleich aus dem Stadion oder der städtischen Kultur vertreiben.

Aber ein Stadion ist eben ein gesamtgesellschaftliches Spiegelbild und in den anderen Fanklubs sind eben auch Leute, die wenig bis gar nichts mit Pyrotechnik oder der Kritik an Polizeigewalt oder dem Ultra-Habitus, bis hin zum gewaltsamen Raub von Fanutensilien und Blockfahnen, anfangen können. Ich kann es natürlich nicht wissen, aber ich vermute hier liegt irgendwann zumindest ein Kompromiss mit der DFL in Aussicht, im Gegenzug für Privilegien.

Ich persönlich habe nie einem Fanklub angehört oder verspüre den dringenden Wunsch darauf. Dennoch frage ich mich, ob ein Rücktritt als solcher oder die ganze Auflösung eines Fanklubs ein wirklich nützliches Mittel des Protests ist. Sollte das Mode machen, wäre die Fankultur in Deutschland sicher schwer beschädigt. Aber es würde eben auch dem DFL-konformen Stadionpublikum Raum überlassen und das wäre wesentlich schlimmer. Aus meiner Sicht wäre wünschenswert, wenn Fanklubs und ihre Vorsitzende bleiben und den Verein aus der jetzigen Position unter Druck setzen – und bei ihnen vielleicht eine übergreifende Erklärung des Vereins und der Fans gegen die DFL erreichen. Das ist zwar nicht unbedingt die absolute Weisheit, würde aber sicher bei der DFL für mehr Kopfzerbrechen sorgen.

Über Carsten Pilger

Carsten Pilger

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