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Besser wie Kino, ey! – Arminia gegen den FC St.Pauli

Rundumbeobachtungen

Irgendwann habe ich mal auf Block 3 gehört, wie jemand „Unterhaltung wie im Kino“ forderte. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Aussage beweist, warum die Debatte „Fan oder Kunde“ nicht tot zu kriegen ist – gestern Abend ist sie voll! und! ganz! erfüllt worden. Warum? Perfekte Dramaturgie!. Spoilerwarnung brauche ich nicht, oder? Falls doch: WIR HAM 5:0 GEWONNEN!

Natürlich ist die Alm kein Kino. Erstmal sind die Tickets viel billiger, dann darf man laut brüllen und rauchen. Lediglich die Schlangen vor dem Einlass erinnern an Kino, ebenso die damit verbundene Zuschauerpanik. „Mist, wir verpassen die ersten fünf Minuten“. Flutlicht, 22.826 Zuschauer, davon mehr als 3.000 Paulianer und Vorweihnachtsstimmung sind auch ein cooleres Setting als ein Lichtspielsaal. „Danke, dass Sie dem Weihnachtsmarkt den Vorzug gegeben haben“, sagt Lothar nach dem 3:0 (Spoilerwarnung: WIR HAM 5:0 GEWONNEN!). Oder dem Kino.

Im Film ist es ja so, dass der Antagonist (lies: Arminias Gegner) zu Beginn obenauf ist. So auch heute auf der Alm. Die ersten Minuten gehören dem Gast vom Millerntor, sowohl auf der Wiese als auch auf dem Beton. Der Protagonist (lies: Arminia) ist erstmal im Konflikt. Und ja, das sind die Blauen zu Beginn, auch länger als nur zu Beginn (Spoilerwarnung: WIR HAM  T R O T Z D E M  5:0 GEWONNEN!). Wären sie Zeichentrickfiguren, hätte der Experte wohl von „schlechter Animation“ gesprochen. Die größten Experten auf der Alm stehen auf Block 3 und stellen genau dasselbe fest: „Zu wenig Bewegung, ey, viel zu wenig Bewegung!“. Das Publikum beginnt, unruhig zu werden. Nicht, dass die anfangen, Popcorn zu schmeißen. Oder Sachen, die man anstelle des nicht vorhandenen Popcorns von Block 3 geschmissen werden können. Da dafür eine Menge in Frage kommt, ist es höchste Zeit, dass der Film …äh…das Spiel Fahrt aufnimmt.

Uuuuund Action! Über Klos, über rechts, über Dick, über Olchi, auf Putaro. Der Junior-Rechtsaußen trifft die Kirsche perfekt, Himmelmann im St.Pauli-Tor (das könnte fast ein Filmfigur-Name sein) hat keine Chance. Mit der ersten richtig geilen Actionszene sind die Protagonisten obenauf bzw. in Führung. Das Publikum fällt über sich her…um kurz drauf in Schockstarre zu verfallen. Aber nein, war abseits! Wuuuah, wie bei einer Gruselszene, die sich nachher als Missverständnis herausstellt (Reaktion der Süd: „Scheiß St.Pauli!“). Und der Werbebreak genau dann, kurz bevor es richtig abgeht.

Halbzeit. Es folgen fünf Gründe, warum Arminia grundsätzlich besser ist als Kino:

1.) Die Verpflegung (Mantaplatte schlägt Nachos. Alleine schon in der Saucenauswahl. Pommes was drauf?)

2.) Es ist egal, wenn die Videoleinwand’ne Viertelstunde ausfällt

3.) Chants (sind im Kino verboten. Obwohl die Idee recht lustig ist. Aber man riskiert lebenslanges Kinoverbot)

4.) man muss nur eine Woche auf das Sequel warten

5.) Die Helden (selbst Jack Nicholson kriegt den Blick eines wütenden Locke Hemlein nicht hin)

Noch eine Gruselszene (Kopfball der Kiezkicker), und dann ran an den Action-Part im Drehbuch. In jeder Hollywood-Schmonzette kommt kurz nach der Hälfte die Phase, in der die tragischen Helden die Handlung voranbringen. Erst scheitert Klos an Himmelmann (Block 3: „Maaaaann, schieß eher). Dann wird die folgende Ecke kurz auf halbrechts geklärt. Block 3 vorher: „Dick ist übern Zenit, der ist durch“. Dick nimmt Maß und feuert in den Knick. Block 3: „JAAAA, *jubelabklatschknuddel*, dem gönnen wir’s!“. Ein paar schnelle Spielzüge später: Arminen vorher: „Hartherz ist ein Schwachpunkt!“. Hartherz rast los, grätscht einen Kiezkicker weg, lässt lässig wie John Wayne zwei weitere liegen und versenkt – keine Chance für den Millerntorwart. Block 3: „JAAAA, *jubelabklatschknuddel*, wenn Hartherz überhaupt mal ein Tor macht, dann so!“. Und das ist korrekt. Reingewuchtet. Lothar: „Das Florianergebnis!“. Danke! Bitte! Großes Kino!

Eigentlich müsste sich der Antagonist jetzt nochmal aufbäumen. Und sein letzter Versuch muss scheitern. Ist auch heute so. Ortega holt einen Kopfball aus dem Winkel. Es folgt der endgültige Heldenritt. Prietl rennt, spielt quer auf den Olchi, der kerschbaumert die Kugel rein. Euphorie im Publikum. No Limit! „Und schaut mal, wie das Punktekonto wächst!“. „Oh, wie ist das schöööön!“ und jahreszeitlich: „Oh Du fröhliche [oh ja!], Oh Du selige [ooooh ja!!] toreschießende Arminia [oooooohhhh jaaaaa!!!]“. Kann ein Happy End schöner sein?

Ja!  Der vergangene Held, fast verblasst, nickt ein nach 788 Minuten ohne Tor und 230 Minuten vor dem 30. Geburtstag. Alle feiern Fabi, sämtliche Arminen kommen im Innenraum zu ihm. Und auch die Ränge freuen sich für ihre Tanne, ihren Panzer, ihren Kristallschädel, ihre Charline Hartmann. Noch dazu eine Reminiszenz an die Gänsehautsaison: Flanke Dick, Tor Klos. Das hätte selbst Disney nicht schmachtiger hingekriegt. Extremly happy end!

Lasst uns feiern! Eine Dramaturgie, die fast surreal toll war! Alle auf den Zaun. Die obligatorische Heldenrede zum Jahresabschluss. Von Jeff le Chef, der so redet, wie er arbeitet: Mit schlichten Worten eine Menge sagen. Und dafür kriegt er so viel Applaus wie lange kein Trainer mehr bei Jahresabschlussgrüßen – selbst beim Gänsehaut-Käsebrötchen vor drei Jahren nicht. Was für ein schöner Film!

 

 

Fehlt noch was? Ach ja, Abspann!

WIR HAM 5:0 GEWONNEN!

Der kritische Blick auf die Tabelle:

Aus so einem Film, …ääh…Spiel geht man mit fettem, seligem Grinsen raus. Und wie bei Filmen (oder noch beliebter: Serien *nerv*) kann man dann drüber reden, wie es in der Fortsetzung weitergeht. Aber Vorsicht: Arminia hat bei Sequels weitaus mehr Spannung zu bieten als Hollywoods Drehbuchschmierer. Sogar mehr als gute Drehbuchschmierer. Also:

Spannung (noch  nicht) raus!

Über Jan-H. Grotevent

Jan-H. Grotevent
Jahrgang 1975. Gefühlte Zuständigkeiten: Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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