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„Uschi auf den Zaun“ – Frauenfußball und seine Fankultur

allg5Ich höre Euch alle schon zetern. „Frauenfußball ist kein Sport“, „Interessiert doch keine Sau“, bollern die Männerfußballfans. „Wir sind viel besser und friedlicher als die Männer-Hooligans“, „Der Arminiamännergucker hat doch keine Ahnung!“, kreischen die Frauenfußballfans. Geboller hin, Gekreische her, es wird Zeit, den Frauenfußball und seine Fankultur vorzustellen, zu betrachten und auf breiter Basis drüber zu reden.

Die Situation des Frauenfußballs

Kurzer historischer Überblick: Im Jahre 1955 verbot der DFB ein organisiertes Fußballspielen für Frauen mit der Begründung, daß der krude Sport „der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd“ sei, „Körper und Seele“ der Frau „unweigerlich“ Schaden nähmen und das „Zuschaustellen des Körpers Schicklichkeit und Anstand“ verletze. Das Verbot hatte bis Oktober 1970 Bestand. Im Jahre 1974 hatten dann sämtliche Landesverbände Frauenligen ins Leben gerufen. Der TuS Wörrstadt wurde der erste offizielle deutsche Meister. 1981 wurde der DFB-Pokal für Frauen eingeführt. Nachdem es bereits in den 1950er Jahren ein – eher belächeltes – Frauenländerspiel gab, bestritt am 10. November 1982 die „Deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen“ ihr erstes Länderspiel, ein 5:1 gegen die Schweiz. 1990 wurde die zweigleisige Bundesliga eingeführt. Seit 1997 ist sie eingleisig. Seit 2001 gibt es europäische Vereinswettbewerbe.

Doris Fitschen, Managerin der Frauennationalmannschaft, stellt gegenüber SPOX Media fest, daß Frauenfußball in den vergangenen Jahren eine „sehr positive Entwicklung genommen“ habe. Die Aufmerksamkeit sei „stetig gestiegen und damit auch die Attraktivität für Unternehmen“. Aushängeschild des Frauenfußballs ist die A-Nationalmannschaft. 1989 gewann das Team die erste offizielle Europameisterschaft. Bis heute folgten zwei Weltmeisterschaften, weitere sechs Europameisterschaften und drei olympische Bronzemedaillen. Spielerinnen wie Birgit Prinz, Nia Künzer, Fatmire Bajramaj und Kim Kulig sind bekannte Gesichter. Der durchschnittliche Stadionbesuch der Bundesliga stieg 2011/2012 um „beachtliche“ (Wolfgang Niersbach) 34 % im Vergleich zur Vorsaison. Der 1. FFC Turbine Potsdam erzielte einen besseren Saisonschnitt als die im gleichen Stadion spielenden Männer vom SV Babelsberg 03. Für die Basisarbeit seien laut DFB vor allem die Vereine in der Pflicht, die „lokal und regional kreativ“ sein sollen. Sie sollen Schulkooperationen eingehen, politische Lobbyarbeit leisten und Sponsoren begeistern. Für erfolgreiche Vereinsarbeit in dem Sinne gibt es Praxisbeispiele. Unter der mittlerweile vierzigjährigen sportlichen Führung von Bernd Schröder ist der 1. FFC Turbine Potsdam „Serienmeister“, die zweite Mannschaft spielt erfolgreich in der Zweiten Liga. Siggi Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, setzt auf Sponsorenarbeit und –betreuung und generiert so die Gelder zur Zusammenstellung eines fast nur aus Nationalspielerinnen bestehenden Kaders. Der VfL Wolfsburg – bzw. Volkswagen – investiert Millionen in den Ausbau und die Präsentation seines Frauenbundesligateams.

Liest sich gut und vielversprechend. Doch hat der Frauenfußball Defizite, die seine Situation weitaus entscheidender prägen als die optimistischen Tendenzen. Generell mögen zwar belastbare Strukturen vorhanden sein, doch unterscheiden sie sich deutlich im Niveau, sowohl national als auch international. Die Folge ist ein signifikantes Leistungsgefälle. Wenn der Aufsteiger aus Sindelfingen am ersten Spieltag der Bundesliga den deutschen Meister aus Potsdam zu Gast hat, kann nicht von einer Sensation ausgegangen werden. Das 9:1 für die Turbinen ist fast erwartungsgemäß. Das gleiche gilt, wenn die Frauennationalmannschaft mit ihrem zumindest semiprofessionellen Background eine völlig überforderte Schulhofmannschaft aus Kasachstan empfängt und diese mit 17:0 vom Rasen fegt. Solche Ergebnisse klingen spektakulär, für den Zuschauer jedoch ist das Scheibenschießen wenig unterhaltsam, bei aller Freude über den Erfolg. Fußballerinnen können nicht „vom Sport leben“. Sie sind in der Ausbildung oder arbeiten, was im Umkehrschluß wieder die Fußballkarriere und damit auch die Strukturen des Sports beeinflußt. So spielt die Fußballerin des Jahres 2012, Célia Okoyino da Mbabi, auch deswegen beim SC Bad Neuenahr, weil sie im nahe gelegenen Koblenz studiert.

Daß die Fußballfrauen mehr Aufmerksamkeit verdient haben, als sie (im Moment) tatsächlich bekommen, ist unbestritten. Birgit Prinz hat recht, wenn sie zu SPOX sagt, daß man durch „erfolgreichen und schönen Fußball“ ein „Ansehen“ habe und daher „Anerkennung nur fair“ sei. Doch scheint die breite fußballinteressierte Öffentlichkeit den Frauenfußball nur am Rande mitzubekommen. Ausnahme ist die Nationalmannschaft und ihre Turniere, die genau wie bei der Männernationalmannschaft konsumiert werden, wenn nur genug Schland, Kirmes und Klatschpappe mit dabei ist. Ebenso nachvollziehbar wie traurig ist das Verhalten der Sponsoren: Die Deutsche Bahn AG, ehemals stolzer Sponsor des deutschen WM-Teams, erklärt auf Anfrage des WDR-Magazins „sport inside“ zu seinem Rückzug aus dem Sponsoring, daß dem Frauenfußball „leider immer noch die Aufmerksamkeit fehle, um eine attraktive Werbeplattform darzustellen“. Der „beachtliche“ 34%-Zuwachs an Zuschauern bei Bundesligaspielen sieht in absoluten Zahlen eher nüchtern aus. In der Saison 2010/2011 besuchten im Schnitt 836 Zuschauer ein Spiel der Frauenbundesliga, 2011/2012 waren es 1.121 Zuschauer. Damit liegt die Frauenbundesliga unter dem durchschnittlichen Spielbesuch der NRW-Liga (1.298, Zahlen: weltfussball.de). In der Fernsehpräsenz rangiert die Frauenbundesliga hinter der Dritten (Männer)Liga und nur knapp vor der Regionalliga.

So wird Frauenfußball als „Randsportart“ wahrgenommen und qualifiziert. Das „Herabblicken“ vor allem der Männer auf die kickende „weibliche Anmut“ ist sicherlich auch Ausdruck der allgegenwärtigen „Gender-Debatte“, schließlich wird Fußball ja immer zum „Spiegel der Gesellschaft“ hochgelobt. Doch ist festzustellen, daß es vor allem die ProtagonistInnen des Frauenfußballs selbst sind, die zum Bild des Frauenfußballs als „Randsportart“ beitragen, indem sie den Vergleich zum Männerfußball ziehen und dabei die athletischen Unterschiede betonen. So sagt Kim Kulig zu SPOX, daß man mit männlichen A-Jugendmannschaften technisch mithalten könne, aber einfach „überrannt“ werde, da die Jungs schneller und kräftiger seien. Ariane Hingst stellt fest, daß man als Frau „den Ball eben nicht über den ganzen Platz hauen“ könne.

Der Frauenfußball steckt in mehreren Teufelskreisen: Die Strukturen des Sports sind nicht auf breiter Basis gleichwertig. Entsprechend sind die Ergebnisse, entsprechend ist das Interesse der Berichterstatter abseits von Schland. Ohne das Medieninteresse ist es nur schwer möglich, Sponsoren zu generieren. Ohne Sponsoren ist auch die Kapitalisierung nicht möglich. Ohne Kapital können kaum professionelle Rahmenbedingungen geschaffen und somit die Strukturen nicht ausgebaut werden. Die geringe Medienpräsenz bedingt außerdem eine mehrheitliche Wahrnehmung des Frauenfußballs als „Randsportart“, was wiederum kaum den sportlichen Leistungen gerecht wird. Ein „Boom“, der im Frauenfußball – vor allem nach Turnieren – immer wieder erwartet und vermeintlich festgestellt wird, ist nicht zu erkennen. Und es ist fraglich, ob ein „Boom“ tatsächlich gewünscht ist. Die Aktiven haben ein Gefühl von Ungerechtigkeit, wenn sie sich im Vergleich mit dem Männerfußball sehen, scheinen aber mißtrauisch gegenüber den dort herrschenden Mechanismen mit ihren bekannten Nachteilen. Es ist nicht ohne tragische Ironie, daß die Frauennationalmannschaft beim Heimturnier 2011 ausgerechnet an dem Druck einer öffentlichen Aufmerksamkeit scheiterte, die man sich immer gewünscht hatte.

Lange Vorrede bis hier, doch sind all diese Aspekte wichtig, wenn man sich der Fankultur des Frauenfußballs nähern will.

Die Fankultur des Frauenfußballs

FK-DU2Die demographische Zusammensetzung des Publikums im Frauenfußball unterscheidet sich stark vom Männerfußball. Der Fanforscher Hans Stollenwerk führt aus, der Anteil von Zuschauern unter 20 Jahren sei erheblich höher. Von denen seien 70 bis 80 Prozent Mädchen, die zumeist selbst Fußball spielen. Auch kämen deutlich mehr ältere Zuschauer zu Spielen der Frauenbundesliga ins Stadion, so Stollenwerk (de-Redaktion 2011). Doris Fitschen sagt zu SPOX, daß junge Mädchen eine wichtige Zielgruppe der „Marke Frauenfußball“ seien. Man wolle sie so zum Fußballspielen motivieren. Hinzu kämen die dazugehörigen Familien. Folgerichtig sind Familienbesuche im Frauenfußball weitaus häufiger als im Männerfußball. Außerdem finden sich Familien, Freunde und Bekannte der Spielerinnen auf den Rängen. Das sei für die Aktiven, so Ariane Hingst gegenüber dem ZDF, ein „wichtiger Halt“. Ebenfalls prägend ist ein „harter Kern“ an Fans, die zwischen Verein, Spielerinnen und Publikum aktiv sind, bei jedem Spiel des jeweiligen Clubs dabei sind und oftmals ehrenamtliche Arbeiten übernehmen, wie etwa Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Fanfahrten oder den Fanartikelverkauf. Beispiele hierfür sind der „1.Fanclub“ des 1.FFC Frankfurt und der Fanclub „Bierbudenpower“ des FCR Duisburg. Natürlich gibt es auch eine „Laufkundschaft“ aus „Neugierigen“, wie Hannelore Ratzeburg im Interview mit 11FREUNDE betont. Es sei charakteristisch, daß man sich untereinander kennt, miteinander spricht und viel Kontakt zu Verein und Spielerinnen habe, so Ludwig Guril vom Frankfurter Fanclub zur taz. „Man kennt die Gesichter“, bestätigt Ariane Hingst. „Wir kennen die vom Sehen“, sagt Kim Kulig.

Entsprechend ist auch die Stimmung im Stadion weniger „extrem“ (Ratzeburg), da die „kritische Gruppe“ männlicher Fans zwischen 18 und 35 Jahren hier deutlich in der Minderheit ist (Stollenwerk) Die Anwesenden sind, so Ludwig Guril, erstmal „alle Fans des Frauenfußballs“. Es gebe Rivalitäten, doch bleibe die Atmosphäre immer ohne Haß. Der „1.Fanclub“ des 1.FFC Frankfurt untersagt Schmähungen gegen gegnerische Spieler und Fans sowie gegen Schiedsrichter in seiner Satzung. Im Outfit unterscheiden sich die Fans im Frauenfußball nicht vom Männerfußball: Schal und Trikot werden gern getragen. Auch Fahnen werden gern genommen. Transparente bezeugen, daß man „stolz auf die Mädels“ sei (VfL Wolfsburg), und da sei, „wo ihr spielt“ (Turbine Potsdam).  Der Support ist nicht unkreativ, als Beispiele seien das „Ecke! Ecke! Ecke! – Tor! Tor! Tor!“ der Frankfurt-Fans beim eigenen Eckball genannt oder die Marotte der Potsdam-Fans, auswärts nach Toren der eigenen Mannschaft selbst eine „Stadiondurchsage“ einschließlich Torhymne zu imitieren.

Klingt nicht unspannend. Also: Ab ins Stadion!

Frauenfußball live – Rundumbeobachtungen

FFC Heike Rheine – 1.FFC Frankfurt (2005/2006)

Bis dato kenne ich nur die Frauennationalmannschaft, deren Spiele ich bei Gelegenheit geschaut habe. Völlig unbedarft fahre ich nach Rheine, um Birgit Prinz mal live spielen zu sehen. Die Frau ist eine Legende, und sie einmal spielen gesehen zu haben, gehört meiner Meinung nach zur fußballerischen Allgemeinbildung. Der 1.FFC siegt souverän und unspektakulär mit 2:0. Um die 20. Minute herum denke ich, daß irgend etwas fehlt. In der 30.Minute fällt es mir ein: Es gibt kaum Freistöße. Ich zähle bis zum Schlußpfiff mit – elf Freistöße. Ich mache die Gegenprobe abends in der Stammkneipe beim (Männer)Bundesliga-Sonntagsspiel: Die elf Freistöße sind nach 13 Minuten zusammen. „Körperlos“ ist das Spiel in Rheine aber keinesfalls: Pia Wunderlich verdreht sich im Zweikampf das Knie und verläßt den Platz auf der Trage. Auf den Tribünen des Jahnstadions sitzt interessiertes, aber irgendwie gesichtsloses Publikum. Es gibt keine Fahnen, keine Schals, keine Trikots. Auffällig sind die vielen jungen Mädchen in Trainingsanzügen, die – so läßt sich aus den Aufdrucken schließen – aus dem gesamten Münsterland gekommen sind, um die prominent besetzten Frankfurterinnen live zu sehen. Indiz dafür ist ihr „Support“, der einzige, den es das ganze Spiel über gibt. „Gaaaröfrekös“, „Frankfuat“ und „Steh auf, wenn Du Biagit magst“ schallt es in breitestem westfälisch aus den Kinderkehlen. Am Zaun der Kurve hängt ein Transparent in orange, das der niederländischen Torfrau des 1.FFC huldigt. Unerwartet leicht ist es, nach dem Spiel Autogramme zu bekommen. Die Spielerinnen bleiben auf dem Feld, das interessierte Publikum läuft auf den Platz. Ich komme mir etwas merkwürdig vor, ich stehe als „Turm mit Arminia-Schal“ zwischen den herumwuselnden Kickermädchen bei den Spielerinnen an.

SGS Essen – VfL Wolfsburg (2011/2012)

Der VfL Wolfsburg kann am letzten Spieltag Meister werden, wenn man in Essen gewinnt und Turbine Potsdam gleichzeitig zu Hause gegen den Tabellenletzten aus Leipzig verliert. Ich habe zwar schon gelernt, daß damit so gut wie gar nicht zu rechnen ist (und erwartungsgemäß schreddern die „Torbienen“ die Mädels von Lok mit 8:0), doch wenn es eine Sensation gibt, will ich dabei sein. Zumal es ein sonniger Pfingstmontag ist und ich eh noch das alte und neue Stadion an der Essener Hafenstraße fotografieren will. Die SGS Essen (damals noch: SG Essen-Schönebeck) und die weibliche Ausgabe des VW-Werksteams liefern sich einen lauen Sommerkick. 1:1 heißt es nach 90 Minuten. Das Spiel ist mit 2.012 Zuschauern gut besucht. Auf den Tribünen sitzen Freunde und Familien der Spielerinnen – man erkennt es daran, daß sich die Spielerinnen nach dem Match zu ihnen setzen. Ein Rundgang über die Tribünen des Stadions „Am Hallo“ zeigt, daß ich nicht der einzige bin, der aus reinem Interesse hierher kam. „Wir sehen uns dann an der Hafenstraße“ ist ein häufig gehörter Abschiedsgruß. Leider sind auch nicht wenige Kerls im Publikum, die schlicht Spanner sind und sich entsprechend äußern. Insgesamt herrscht Picknickatmosphäre, die eigentlich ganz angenehm ist – wenn man dazu gehört. Man wird den Eindruck nicht los, selbst als „Fremdkörper“ wahrgenommen zu werden. So fragt mich ein Backfisch aus heiterem Himmel, ob ich „vom Männerfußball“ sei. Auf meine Frage, woran sie das sehe, zuckt sie die Schultern und meint „Nur so.“. An der Absperrung der Haupttribüne hängt ein Fantransparent der SGS, dahinter sitzen ein paar Jungs in SGS-Trainingsanzügen, die gelegentlich ein „SGS! SGS!“ hören lassen. Auf der „Wolfsburger Seite“ der Haupttribüne hängt die Zaunfahne der „Wolfsburg Warriors“, eines Fanclubs, der offenbar „genderübergreifend“ unterwegs ist. „Toll“, meckert ein Wolfsburg-Fan an der Wurstbude, „jetzt singen sie beim Frauenfußball die alten Lieder“. Auf der Gegengeraden fällt ein Rentner auf, der leidenschaftlich mit einem Schlegel auf ein Tambourin schlägt. Hier hängt außerdem ein Transparent, das Ursula Holl, Torfrau der SGS und langjährige „deutsche Nr.2“ als „unsere Nr.1“ ausweist. Bei näherer Betrachtung und Nachfrage stellt sich heraus, daß das Transparent zu Freunden der Torfrau gehört. Nach dem Spiel fordern sie „Uschi auf den Zaun“- was diese nicht tut, sondern direkt zu ihnen auf die Ränge kommt.

FCR Duisburg 2001 – 1.FFC Turbine Potsdam (2012/2013)

Es gibt einen Shuttleservice zwischen Stadion und Duisburger Hauptbahnhof. Im Bus sitzen sieben Besucher. Man kennt sich, man plaudert fachkundig miteinander und erzählt auch von privaten Kontakten mit den Spielerinnen. Das „PCC-Stadion“ in Duisburg-Homberg ist familienfreundlich ausgerichtet. Den zahlreichen Kids unter den 1.200 Besuchern stehen Kirmesspielstände und eine Hüpfburg zur Verfügung, die mit Begeisterung genutzt werden. Die Teams liefern sich ein sehr ansehnliches Match, vor allem die Potsdamerinnen bieten einen technisch und taktisch ganz feinen Ballsport. Nachdem der FCR forsch begann, versenken die Turbinen kurz hintereinander zwei Freistoßflanken, das Spiel ist in der 18. Minute so gut wie entschieden, trotz des tapferen Einsatzes der Duisburger „Löwinnen“. Potsdam gewinnt am Ende mit 4:0, wobei sie auch noch einen Elfmeter verschießen. Interessant ist die Reaktion der FCR-Fans auf das Ergebnis. Man zeigt sich mit dem „nur 0:4 gegen Potsdam“ zufrieden. „Wir streben den fünften oder sechsten Platz an, da muß man solche Spiele eben auch mal verlieren“, scherzen sie. Auf der Tribüne sitzen Familien und Interessierte, die auf Nachfrage vor allem ein Spitzenspiel der Frauenbundesliga sehen wollen. Die Supporter beider Teams stehen auf der Gegengeraden direkt am Spielfeld. Die Turbinefans sind mit eigenem Bus angereist, ihre Zusammensetzung spiegelt exakt die Demographie wieder, die Han Stollenwerk beschreibt: Ü40-Herren samt Ehefrauen und Kindern. Die Turbinefans lassen eine im Männerfußball fast vergessene Sitte aufleben: Die Flaggen der Nationen der Spielerinnen werden auf den Wällen am Spielfeld ausgebreitet. Auf Nachfrage berichten sie, daß die Turbine-Fanclubs „Bindeglieder zwischen Verein und Fans“ seien. Man entwerfe Flyer für den Verein und besorge Geburtstagsgeschenke für die Spielerinnen. Sie tragen Schals und Trikots, haben Trommeln, Rasseln, Fahnen und Konfetti dabei und sind ziemlich stimmgewaltig. Die Fans des FCR sind ähnlich im Verein engagiert. Sie organisieren Auswährts-Busfahrten für „jeden, der möchte“. Sie sprechen sich regelmäßig mit der Vereinsführung über ehrenamtliche Tätigkeiten ab und übernehmen diese. Sie stehen mit einer Trommel und zwei großen Stockfahnen am Spielfeldrand. Auffällig sind ein paar grüne Kapuzenpullis, deren Rückseite die Träger als „FCR Ultras“ und „FCR Fanatics“ ausweist. Eine besondere Bedeutung habe das nicht, so erklärt man mir. „Stilkopie“, sagt einer augenzwinkernd. Die Supporter beider Clubs teilen sich eine Verpflegungsbude. Der Kontakt ist freundschaftlich-frotzelnd. Eine Trennung gibt es weder baulich noch durch Ordner noch durch Polizei – die steht mit vier Mann oben auf dem Wall und guckt Fußball. Der Support beider Gruppen richtet sich ausschließlich an das eigene Team. Schmähungen in Richtung Gegner gibt es nicht. Über die Schiedsrichterin wird zwar gemeckert, aber nicht bösartig- „Mach die Augen auf!“ ist noch das Heftigste.

FSV Gütersloh – SC 07 Bad Neuenahr (2012/2013)

Auf dem Firmengelände des Riesenschlachthauses von Schalke-Boss und FSV-Mäzen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück spielen zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Tabelle gegeneinander. Das Spiel wird zehn Minuten später angepfiffen, da viele Zuschauer das reichhaltige Schnitzel-Outlet der rechtzeitigen Sitzplatzwahl vorzogen – so zumindest die nicht ganz unberechtigte Vermutung der „Celtics Bad Neuenahr“ auf ihrer Facebook-Seite. Sie befürchten die Kommerzialisierung des Frauenfußballs – auch das ist nicht unberechtigt angesichts der penetranten Werbung für Fleisch im Stadion. Die Teams liefern sich ein ansehnliches Match, bei dem Célia Okoyino da Mbabi den Unterschied macht: Ihr Doppelpack sichert dem SC 07 den 2:0-Auswärtssieg. Bei den 937 Zuschauern überwiegen ältere Herren und ältere Ehepaare nebst Familien. Das Tribünenpublikum, reichlich mit FSV-Schals ausgestattet, geht die Begegnung intensiv mit, man hat hörbar Spaß am Fußball. Ein paar Kids auf der Haupttribüne sind mit Rasseln und Minitröten ausgestattet und brüllen leidenschaftlich: „Gü-ters-loh!“. Die eben schon erwähnten „Celtics Bad Neuenahr“ sind zu zehnt, haben ein Transparent, eine Trommel und zwei Stockfahnen dabei. Sie präsentieren ein umfangreiches Repertoire an Chants, auch wenn nichts neues dabei ist: „SC Null-Siiieben“, „Auf geht’s Neuenahr, Kaämpfen und Siegen“, Soccerbeat, Namen der Spielerinnen. Hinter den „Celtics“ sitzt ein Kindergeburtstag. Die Kids haben sichtlich Spaß daran, ausdauernd „FSV! FSV!“ zu kreischen und sich so eine Art Supportduell mit den „Celtics“ zu liefern. Unfreiwillig skuril, aber nicht unsympathisch. In den Katakomben der Tribüne findet sich ein Kaffee- und Kuchenstand. Hier bedienen zehn Damen jeglichen Alters. „Machen wir alles freiwillig“, erklärt mir die aufgeweckte 12jährige, die mir ein Stück Schwarzwälder Kirschkuchen kredenzt. Auf meine Frage, ob tatsächlich alle hinter der Theke Ehrenämtler seien, erklärt sie: „Ja, natürlich alle. Für zwei wäre es zu stressig.“. Es sei noch erwähnt, daß die „Tönnies-Arena“ eine eigene Raucherecke hat. Auf der Haupttribüne herrscht ein konsequent vom Stadionsprecher durchgesagtes und ebenso konsequent vom Publikum mißachtetes Rauchverbot.

Nachspielzeit

allg4Die Fankultur des Frauenfußballs ist emotional, aber nicht fanatisch. Sie unterstützt, aber hetzt nicht. Sie ist familiär. Der Frauenfußball hat sich eine eigene Existenz mit einer eigenen Fankultur geschaffen. Es ist unzweifelhaft, daß die Eigenheiten der Frauenfußballfankultur – guter Sport, enges, herzliches Verhältnis zwischen Spielerinnen, Vereinen und Fans, ein Stück Kirschkuchen dabei – nur im aktuellen, kleinen Rahmen funktionieren können. Eine Kommerzialisierung, die Aktivierung einer Kapital- und Medienmaschinerie, große Zuschauerzahlen, dämliche Schlagzeilen im Boulevard, paranoide Sicherheitskonzepte, alles das würde zwar für eine „Gleichberechtigung im Fußball“ sorgen, die Eigenheiten der Frauenfußballfankultur aber unweigerlich beseitigen. Es ist schwer, gleichzeitig für beides zu sein. Auf keinen Fall sollen Frauenfußball und seine Fans zum Spielball der Emotionssteril-Satt-und-Zufrieden-Markenpolitik des DFB werden – die wird Aktiven und Fans des Frauenfußballs genauso wenig gerecht wie denen des Männerfußballs. Schade ist, daß Frauenfußball und Männerfußball ohne Austausch nebenher existieren.

Im Grunde ist doch alles ganz einfach. Steffi Graf und Boris Becker haben mal im selben Jahr Wimbledon gewonnen. Beide wurden abgefeiert, Steffis Sieg galt um nix weniger, bloß weil sie eine Frau war. In den olympischen Finals in London fielen über 200 Meter Brustschwimmen bei Frauen und Männern die Weltrekorde. Die Goldmedaille der Amerikanerin Rebecca Soni galt um nix weniger als die Goldmedaille des Ungarn Daniel Gyurta, bloß weil Soni eine Frau war. Hier käme auch keiner auf die blödsinnige Idee, die Siegerzeiten miteinander zu vergleichen. Und ausgerechnet im Volkssport Nr.1 soll das anders sein? Es geht nicht um Männerfußball und Frauenfußball. Es geht um FUSSBALL! Was die Fankulturen betrifft: Es geht darum, Fußball zu erleben. Egal, wer nun auf dem/der RasIn steht. Einiges mag „anders“ sein, aber beide Seiten – und der Frauenfußball ganz besonders- haben es verdient, sich gegenseitig kennenzulernen und sich auszutauschen. „Richtig“, „Falsch“, „Besser“, „Schlechter“ und „die einzig wahre Wahrheit“ gibt es auch in der Fankultur nicht. Hiermit lädt fankultur.com zum „interkulturellen“ Fanaustausch ein. Teilt Euch in Kommentaren mit! Wie schon eingangs gesagt: Ich höre sie alle schon zetern. Haut Euch meinetwegen Eure Klischees um die Ohren. Noch besser: Ihr beschnuppert Euch, lernt Euch kennen und tauscht Euch aus. Versteht Ihr Männerfußballgucker, warum Lira Bajramaj direkt nach einem WM-Spiel auf die Tribüne klettert? Und versteht Ihr Frauenfußballgucker, warum es eine Ultra-Bewegung gibt? Na seht Ihr!

Und falls jemand unter Euch ist, der über „seine/ihre“ Mädels und deren Fans bloggen will…Wir brauchen Eure Stimmen aus der Kurve! Ihr seid willkommen und erwünscht!

Das Spiel ist angepfiffen.

 

Ein zweiteiliges Spiegelbild dieses Artikels und viele andere spannende Artikel rund um den Frauenfußball findet Ihr übrigens auf fansoccer.de. Lohnt sich!

Über Jan-H. Grotevent

Jan-H. Grotevent
Jahrgang 1975. Gefühlte Zuständigkeiten: Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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