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Stellungnahme

Als die Südkurve ihre eigene Choreo absagte

Vor dem Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona im April 2013 war eine Ganzstadionchoreografie in der Münchner Arena fertig geplant. Das Material war vorbestellt, die Brandschutzfragen geklärt, markenrechtliche Hürden bestanden nicht. Am 18. April 2013 teilte der Club Nr. 12, die Vereinigung der aktiven Bayern-Fans, mit, dass sie nicht stattfindet – und nannte den Grund selbst die vielleicht bitterste Entscheidung seiner damals fünfzehnjährigen Geschichte.

Kein Verbot, sondern eine Abstimmung

Der entscheidende Satz der Mitteilung war eine Verneinung: Die Absage kam nicht vom Verein, nicht vom Brandschutz, nicht von der Polizei und nicht von der UEFA. Sie kam von der Fanseite selbst.

Zustande gekommen war sie in einer Kampfabstimmung im Südkurvenrat, in der die Gruppen, die für die Choreografie waren, knapp unterlagen. Bemerkenswert für die Beteiligten war zusätzlich, dass auch die Vertreter der Nordkurve gegen die Aktion stimmten – die Entscheidung lief also nicht entlang der Grenze zwischen Steh- und Sitzplatzpublikum.

Der Südkurvenrat, im Herbst zuvor gegründet

Dieses Gremium war jung. Gegründet im Herbst 2012, sollte es genau das verhindern, was in anderen Fanszenen jener Monate offen ausbrach: dass Streitigkeiten innerhalb einer Kurve öffentlich werden und die Kurve als zerstrittener Haufen auftritt. Jeder Fanclub und jede Gruppe, die mit mindestens zehn Personen in der Südkurve steht, entsendet einen Vertreter.

Damit ist die Absage weniger ein Zerwürfnis als das Ergebnis eines funktionierenden Verfahrens – mit einem Ausgang, den die eigene Vorstandsebene nicht wollte. Ein Fanverband, der abstimmen lässt, muss auch verlieren können.

Woran sich der Streit festmachte

Der unmittelbare Anlass war die ungelöste Zugangsproblematik zu den Blöcken 112 und 113 bei Champions-League-Spielen. Dahinter lag ein längerer Konflikt, den die Mitteilung deutlich benennt: ein seit Jahren gestörtes Verhältnis zwischen dem aktiven Kern und der Vereinsführung, in dem die Institutionen, die dafür zuständig wären – das Fanprojekt und die Fanbetreuung – nach Auffassung der Fanseite von der Führung nicht ernst genommen werden.

Dazu kam ein Eindruck, der sich über zwei Jahre aufgebaut hatte: dass der Stehplatzfan in der Südkurve zuerst als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wird, Stichwort Blocküberfüllung. Und der Verdacht, dass bei Konflikten nicht an einer dauerhaften Lösung gearbeitet wird, sondern an der kurzfristigen Beruhigung der Lage.

Zwei Vorgänge, die das Misstrauen erklären

Der erste betraf Flugblätter und Fanzeitungen, die in der Arena verboten worden waren. Nach Protesten kündigte der Berater des Vereins in Fanangelegenheiten eine Regelung an: wieder erlaubt, sofern mit Impressum und namentlich gekennzeichneten Autoren – in Kraft ab der neuen Saison, da noch letzte Details zu klären seien. Der Protest ebbte daraufhin ab. Auf mehrfache Nachfrage nach diesen Details kam die Auskunft erst zu Beginn der folgenden Saison.

Der zweite betraf den Versuch eines Kompromisses. Für das Spiel gegen Marseille hatte der Club Nr. 12 ein Jahr zuvor eine Choreografie mit dem Motto „Wir lassen unsere Meinung nicht verbieten, für uns seid Ihr die Favoriten“ eingereicht – eine Doppeldeutigkeit, die unter den Fangruppen breiten Konsens fand, weil sie die Mannschaft unterstützt und den Konflikt nicht übergeht. Genau wegen dieser Doppeldeutigkeit wurde sie von der Vereinsführung verboten. Wer einmal erlebt hat, dass der Kompromiss ebenfalls untersagt wird, stimmt beim nächsten Mal anders.

Was zusätzlich im Umlauf war

Die Mitteilung führt zwei Gerüchte auf, die die Entscheidung mitbestimmt hätten, und kennzeichnet sie ausdrücklich als solche. Das erste: das elektronische Blockeinlasssystem für die Blöcke 112 und 113 solle in der nächsten Saison auch in Bundesliga und DFB-Pokal kommen. Das zweite: die Jahreskartenpreise sollten wegen des schon spürbaren Guardiola-Effekts angehoben werden.

Die Sorge dabei richtete sich nicht auf die eigenen, günstigen Stehplatzkarten, sondern auf die Sitzplatzkarten – und der Gedankengang lohnt sich, weil er zeigt, wie eng eine Kurve kalkuliert: Werden Sitzplätze teurer, wechseln weniger ältere Anhänger dorthin, und dadurch werden weniger Stehplatz-Jahreskarten für junge Fans frei.

Was der Vorgang zeigt

Eine abgesagte Choreografie ist der teuerste Protest, den eine Kurve führen kann, weil er zuerst sie selbst trifft: Das Halbfinale kommt nicht wieder, und die Mannschaft bekommt die Aktion nicht, die für sie gedacht war. Dass eine Mehrheit im Südkurvenrat sie trotzdem absagte, sagt mehr über den Zustand des Verhältnisses zur Vereinsführung als jede Stellungnahme – und es ist der Grund, warum dieser Vorgang bis heute als Referenz zitiert wird, wenn es um die Frage geht, was eine organisierte Fanszene gegen ihren eigenen Verein überhaupt in der Hand hat.