Mi29Mar2017

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wenn spieltag ist coverSepp Herbergers berühmte Aussage, Menschen gingen zum Fußball, „weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, hinkt. Denn auch beim Minigolf oder Volleyball weiß man nicht, wie es ausgeht. Und doch sind die Aktiven dort zumeist unter sich, während Fußball schon vor dem Ersten Weltkrieg enorme Zuschauerscharen anlockte und zum ersten und bis heute beliebtesten Publikumssport in Deutschland (und der Welt) wurde.

Natürlich ist, um bei Herberger zu bleiben, das Ungewisse ein bedeutender Bestandteil des Fanwesens. Borussia Dortmunds magische Wende im Champions-League-Spiel gegen Málaga im April 2013 hat wohl selbst Menschen bewegt, die mit Fußball eigentlich gar nichts am Hut haben. Weil sich da vor aller Augen ein Wunder abspielte. Weil sich eine Mannschaft, die geschlagen am Boden lag und auf den finalen Tritt wartete, aufrappelte und gegen das Schicksal kämpfte. Und es zwang. Fußball als Mikrokosmos des Lebens!

Das Kernwesen des Fanseins ist Parteilichkeit. Im Stadion muss man nicht fair und korrekt sein. Dass der Dortmunder Siegtreffer aus Abseitsposition erzielt wurde, erzürnte nur in Málaga und Gelsenkirchen die Gemüter. „Gleicht sich alles irgendwann aus“, ist die landläufige Ansicht, nach der Glück und Pech, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit eng beieinanderliegen. Diesbezüglich herrscht im Fußballuniversum Gleichgewicht. Viele Menschen reizt dieser kleine Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen, dieses kribbelige Gemisch aus Hoffnung auf einen Sieg und Sorge vor den Folgen einer Niederlage. „Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“ – da stimmt Herbergers Aussage natürlich.

Eine Klassifizierung des Fußballpublikums ist schwierig, denn es gibt zig Möglichkeiten, ein Fußballspiel zu verfolgen. Allein, zu zweit, in der Gruppe. Schweigend, quatschend, mit Bier, mit Kaffee oder gar nichts. Konzentriert, unkonzentriert, aufgeregt, müde, hellwach, stehend, sitzend, frierend, schwitzend. Das Fußballpublikum kann man nicht in Schubladen packen. Höchstens grob unterteilen in Fans und Zuschauer. Fans kommen, weil sie müssen. Zuschauer kommen, weil sie sich unterhalten lassen wollen. Auch sie sind bisweilen parteiisch, ohne allerdings die Attribute jenes bedingungslosen losgelösten Fanatismus aufzuweisen, den es braucht, um in der auflösenden Masse der Kurve zu verschwinden.

Fanatismus. Wenn jemand fanatisch ist, sieht er die Grenzen nicht mehr, befindet sich im Blickfeld ausschließlich der Gegenstand seiner Leidenschaft. Fanatisch zu sein heißt, sich zurückzuziehen aus der Welt der logischen Abwägungen und vernünftigen Handlungsweisen. Als Fanatiker macht man keine Kompromisse. Alles ist ausgerichtet auf das ausgewählte Objekt – sei es nun eine religiöse Gemeinschaft, eine politische Doktrin oder ein Fußballverein. Mit Fanatikern zu diskutieren, ist anstrengend und zumeist vergebliche Liebesmüh. Denn über das Stadium der Diskussion – und damit der Infragestellung der eigenen Werte und Moralvorstellungen – ist der Fanatiker längst hinweg. Seine Parteilichkeit ist alternativlos. „Im Sport wird der ichschwachen autoritätsbedingten Persönlichkeit eine Kompensationschance durch Identifikation mit den Erfolgen ‚seiner‘ Lokal- oder Nationalauswahl geboten“, behauptete der Philologe Dr. Horst Geyer einst – so brutal deutlich will man sein Fansein dann allerdings auch wieder nicht erläutert bekommen.

Versuchen wir uns an einer kurzen Geschichte der Fußballfankultur in Deutschland. Zugrunde liegt eine Trennung zwischen Aktiven und Passiven. Die gab es quasi von Anfang an. Ursprünglich bildeten Ersatzspieler, Bekannte und Freunde das Publikum. Schon vor dem Ersten Weltkrieg schälte sich an vielen Orten eine echte Zuschauerkultur heraus, wurde Fußball zum gesellschaftlichen Ereignis und damit Kulturgut. Bald entstanden entlang der Sportplätze Stehtraversen, wurden überdachte Sitzplatztribünen für jene Teile der Anhängerschaft errichtet, die mit ihren finanziellen Zuwendungen dazu beitrugen, dass sich ein Fußballverein weiterentwickeln konnte. Waren beim ersten Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1903 noch kaum 2.000 Neugierige gezählt worden, lockte das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1911 zwischen Viktoria 89 Berlin und dem VfB Leipzig bereits 12.000 Zuschauer nach Dresden – das schaffte damals in Deutschland kein anderes „Event“. Aus Berlin kam übrigens ein Sonderzug mit Viktoria-Anhängern, die neun Mark und dreißig Pfennige für das Vergnügen bezahlt hatten.

In Ausstattung und Verhalten beschränkte sich die damalige Fankultur auf das Zeigen von Vereinswimpeln und gelegentliche aufmunternde Rufe. Freilich war Fußball vor dem Ersten Weltkrieg auch noch eine Domäne des wohlhabenden und sittsamen Bürgertums. Auf zeitgenössischen Fotos sind Frauen in eleganten Kleidern zu sehen, tragen die Männer Hut, Krawatte und Sakko. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als auch die Arbeiterklasse nach Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages Zeit für den Stadionbesuch fand. In den 1920er Jahren gehörte der Fußball zu den wenigen gemeinsamen Vergnügungen von Bürgertum und Proletariat. Das Proletariat auf den billigen Stehrängen und unter den aktiven Spielern, das Bürgertum auf der Sitztribüne und in der Führung der Klubs.

Mit der veränderten Zuschauerstruktur veränderte sich auch die Atmosphäre auf den Sportplätzen und in den reichsweit entstehenden Stadien. Das betraf die Kleidung, statt nobler Bowlerhüte waren nun die typischen Schiebermützen der Arbeiterklasse zu sehen, das betraf die Geschlechtermischung – Frauen wurden zur Ausnahme –, und das betraf das Verhalten. Die kumpelhafte Ruppigkeit der Arbeiterklasse sorgte für eine deutlich aufgeräumte Stimmung auf den Rängen. Ganz Mutige oder Progressive bastelten Vereinsfahnen und karrten martialische Krachinstrumente wie Bahnsirenen auf die Sportplätze, wo es neben verbalen auch erste körperliche Attacken auf die gegnerische Mannschaft und deren Anhänger gab. Damit stand der Fußball freilich nicht alleine, denn bei sämtlichen populären Massenveranstaltungen kam es seinerzeit regelmäßig zu Gewalt. Viele junge Menschen waren eben im Krieg sozialisiert, und sowohl auf der Straße als auch in der politischen Diskussion galt Gewalt als probates Mittel, waren die verbalen Verhandlungsspielräume erst mal ausgeschöpft.

Im Dritten Reich ließ sich der Fußball bereitwillig instrumentalisieren und wurde während des Krieges zum Hoffnungsträger und Botschafter im Sinne von „alles in Ordnung an der Heimatfront“. „Das Herz des Kämpfers sehnt sich zwischen den Schlachten nach dem freien Spiel des Sports. Keine Nachrichten stimmen ihn zuversichtlicher über die Unbekümmertheit der Heimat als der Fortgang der Meisterschaft“, schrieb das Fachmagazin „Fußball“ im Juni 1942. Drei Monate später staunte Propagandachef Goebbels nach einer Länderspielniederlage gegen Schweden: „100.000 sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen. Den Leuten liegt der Gewinn dieses Fußballspiels mehr am Herzen als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten.“

Die Blütezeit des Fußballs als massenbewegender Publikumssport waren die 1950er Jahre. Kriegsende und Wirtschaftswunder, Bevölkerungsveränderungen durch die Ostflüchtlinge – Fußball wurde zu dem gesellschaftlichen Sozialisierungsfaktor. Und war zugleich ungeheuer ortsgebunden. Selbst in den Kreisligen und auf kleinsten Dörfern strömten bisweilen Tausende von Zuschauern zu den Spielen. Fußball verkörperte das reizvolle „Wir gegen die“, befriedigte sowohl das Bedürfnis nach Wettkampf als auch das nach Unterhaltung. Nie zuvor – und nie wieder danach – war Fußball als Publikumssport derart flächendeckend installiert wie in jenen Tagen. Nach dem Höhepunkt mit dem „Wunder von Bern“ gingen die Besucherzahlen allmählich zurück. Andere kulturelle Errungenschaften wie das Kino, das Fernsehen, das Automobil und Tanzlokale umwarben die Wirtschaftswunderkinder.

Die Bundesliga war eine der Maßnahmen, den Folgen zu begegnen. Eine Konzentration der stärksten Vereine sollte das Publikumsinteresse konzentrieren. Erstmals wurde dadurch auch die Ortsbindung der Fankultur aufgehoben. Fortan gab es Fans, die neben ihrem unterklassigen Heimatverein zusätzlich einen Bundesligisten unterstützten.

Mit der Bundesliga manifestierte sich eine schon in den letzten Oberligajahren auftretende „Fankultur“ auf den Rängen, bildeten mit Fahnen und Krachinstrumenten ausgestattete „Schlachtenbummler“ „Fanblöcke“. Anfänglich waren diese noch auf der Gegengeraden verortet, also gegenüber der überdachten Sitzplatztribüne. Bald aber ging es in die Kurven, weil die Vereine dort verbilligte Karten anboten. Die sich damit trennenden Zuschauerwelten waren nicht zuletzt an der Kleidung festzumachen, denn Mitte der 1960er Jahre ließen die ersten vom gesamtgesellschaftlichen Aufbruch jener Tage animierten Kurvengänger ihre Krawatten und Sakkos daheim und streiften provokative Jeansjacken oder Lederkluften über.

Damit einher ging eine zunehmende Sensibilisierung (oder muss man sagen: Obsession?) für die eigenen Farben, wurden die Fanblöcke zu bunten Farbklecksen in den von der damaligen Männermode in Einheitsgrau geprägten Zuschauerrängen.

75-76 Farbe

Fankultur – das war und ist vor allem Jugendkultur. In den Kurven versammeln sich – früher wie heute – überwiegend junge Menschen zwischen 16 und 25. Schon früh vermischten sich die Jugendkulturen, bildeten Rocker und Fußballfans bisweilen Personalunionen, hielt die Popmusik Einzug. Wie so häufig Vorbild: England. Auf der Liverpooler Kop swingten in den frühen 1960er Jahren Tausende zu Beatles-Songs wie „She loves you“. Und in Deutschland wurden sperrige Gesänge wie „Und dann hauen wir nach altem Brauch, Verein xyz mit dem Hammer auf den Bauch“ von griffigen Chart-Hits wie „Na, na, na, na, na“ verdrängt.

Es war aber auch eine Zeit, in der die Gewaltfrage verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Schon in den 1950er Jahren hatten sich die Kolumnisten in „kicker“ und „Sport-Magazin“ wiederholt über „Vereinsfanatiker“ aufgeregt, die gerne mal die Fäuste fliegen ließen. War die Gewalt zuvor situationsbezogen gewesen – oft ausgelöst durch einen vermeintlich falschen Schiedsrichterpfiff –, so wurde sie nun gezielt provoziert. Gegnerischen Fans lauerte man schon am Bahnhof auf, Gästeblöcke im eigenen Stadion wurden erstürmt. Es ging um Territorium, und es ging um Macht. Passend dazu das meist wütend herausgestoßene Stakkato „Hier regiert der xyz“. Die Gewalttäter wurden immer jünger, der Alkohol- (und bald Drogen-) konsum nahm exorbitant zu, und die Hemmschwellen fielen in immer schnellerem Tempo. „Fußball-Rocker sind ein Phänomen unserer Wegwerfgesellschaft“, sah Fanforscher Stemme bereits in den 1970er Jahren gesellschaftliche Zusammenhänge.

Das Symbol der neuen Fangeneration war die berühmte Kutte, die für gelebten Fanatismus und eine sichtbare Abgrenzung ihres Trägers (es gab quasi keine weiblichen Kuttenträger) zum restlichen Publikum stand, dem die Kutte das „echte“ Fansein absprach. In der Kurve war die Kutte König. Wer die entsprechend große Klappe und auch „etwas dahinter“ hatte, wurde zum Anführer, vor dem alle kuschten. Konkurrierende Anführer bildeten separate Fanklubs, die im besten Fall friedlich nebeneinander koexistierten. Bisweilen gab es personelle Überschneidungen mit dem örtlichen Milieu bzw. der kriminellen Szene, wobei es vor allem um Diebstahl, Drogen und Prostitution ging.

Die heute üblichen verklärenden Rückblicke auf die „guten alten Zeiten“ sind insofern fehl am Platz, denn die bestimmenden Elemente waren Saufen, Grölen und Prügeln. Es war auch eine „verlorene Generation“, die da in den Kurven für Stimmung und Ärger sorgte. „Schalke bedeutet, besoffen zu sein. Schalke bedeutet, stark zu sein. Schalke bedeutet, gefragt zu sein. Schalke bedeutet, nicht allein zu sein“, zitierte „Stern“-Reporter UIrich Pramann einen königsblauen Fan 1980 in „Das bisschen Freiheit“. Marode Stadien, drohende Gewalt und Einschüchterungen durch gut organisierte Hooligan-Banden oder tumbe Skinhead-Nazi-Schergen, dumpfer Rassismus und Homophobie, eine gerne zu CS-Gas greifende Polizei: in den 1980er Jahren glich der Stadionbesuch eher einem Abenteuerurlaub bzw. Survivaltraining als einem Vergnügen – und übte gleichwohl einen enormen Reiz aus.

Tragische Ereignisse wie der Tod des Bremers Adrian Maleika vor dem Nordderby HSV gegen Werder 1982 waren Zäsuren für eine Fankultur, die vor allem in der Gewaltfrage aus dem Ruder zu laufen drohte. Nach Heysel und Hillsborough geriet die Fangewalt verstärkt in den öffentlichen Fokus und politischen Diskurs. Vor den nunmehr hermetisch abgeriegelten Fanblöcken wurden Videoüberwachungsanlagen aufgebaut, während sozialpädagogisch ausgerichtete Fanprojekte das Übel an der gesellschaftlichen Wurzel packen wollten. Dennoch dauerte es bis Lens 1998, ehe der triste Tiefpunkt erreicht wurde und sich selbst unter „erlebnisorientierten“ Fans die Gewissheit verbreitete, dass es so nicht weitergehen konnte.

Die nachrückende Kurvengeneration hatte eine andere Fankultur im Sinn. Sie gab sich einerseits verantwortungsbewusster und mischte sich über Fanmagazine („Fanzines“) u.ä. aktiv in die Vereinspolitik ein (zum entsprechenden Vorzeigeverein wurde der FC St. Pauli mit dem „Millerntor Roar“), und sie richtete andererseits den Blick vom großen Vorbild England nach Südeuropa, wo andere Varianten der Fankultur existierten. Zeitgleich kam es zu einem tiefgreifenden Wandel der Publikumsstruktur. Die Versitzplatzung vieler Stadionbereiche verdrängte bestimmte Schichten und lockte eine zahlungskräftigere Klientel an. Frauen entdeckten ihre Liebe zum Fußball (und der Fankultur), und die Bundesliga wurde zur Familienbühne. Fußball rückte in die Mitte der Gesellschaft.

Mit einer nie zuvor erlebten Intensität, aber auch einem kritischen Blick auf die zunehmende Vermarktung durch Medien und Vereine nach Einführung des Privatfernsehens entwickelte sich eine neue Form der Fankultur mit Choreografien und Pyrotechnik, mit Rauchbomben und Dauergesängen. Die alteingesessene Fanszene leistete dabei wenig Widerstand, denn die „Ultras“ genannten jungen Burschen und Mädels zeigten nicht nur eine innige Liebe zum Klub, sondern vor allem ein hohes Maß an Engagement, mit dem sie die Führungsrollen in den Kurven rasch an sich rissen.

Ihre oftmals spektakulären Choreografien wurden begierig von den Medien aufgegriffen, die spätestens mit der WM 2006 einen wahren Hype um den Massenfußball entfachten. Die sich daraus ergebenden Veränderungen führten wiederum zu klubübergreifenden Protesten wie „15:30“ und „12:12“, während die Verwandlung des einstigen „Proletensports“ Fußball zum gesellschaftlich anerkannten Massenvergnügen einen wachsenden moralischen Druck auf alles nicht Normative in den Kurven nach sich zog. Namentlich das Thema Pyrotechnik wurde zum Dauerbrenner, während brutale Überfälle gewaltbereiter Gruppen auf gegnerische Fans, Übergriffe durch rechtsorientierte Fangruppen sowie provokative Bengaloexzesse Schlaglichter auf die noch immer ungelöste und zunehmend wieder problematischere Gewaltfrage lenkten. Innerhalb der Fankurven entspann sich unterdessen eine hitzige Diskussion über die Frage, „was Stimmung ist“, wurde das Monopol der Ultras erstmals infrage gestellt, bahnt sich der nächste Umbruch in den Kurven an.

So ist das eben mit der Fankultur: Sie ist ein schwer zu greifendes Phänomen, das sich in einem beständigen Wandel befindet.

Wenn Spieltag ist, erschienen im Werkstatt-Verlag - 29,90€

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stadionbesuch teaserIm Rahmen eines Interviews zu den Höhepunkten seiner außergewöhnlichen Karriere befragt, erwähnte der seinerzeit als Rebell am Ball bezeichnete Superstar aus Mönchengladbach, Günter Netzer, eine Bundesligapartie seiner als Fohlenelf bekannten Borussen. Ein Spiel Anfang der Siebziger Jahre in der alten Radrennbahn zu Köln gegen den heimischen FC.

„Dieses Spiel gehört zu den unvergesslichen Höhepunkten meiner Karriere“, so Netzer heute. Ich kann mich, so wie Netzer auch, also über 40 Jahre später, gut an einzelne Gegebenheiten und unvergessliche Details erinnern. Denn  es war mein erster Stadionbesuch!

Das Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem gastgebenden Ersten Fußballclub aus Köln, fand am 02.10.1971 statt und ich zählte gerade mal 12 Lenze.

Fussballfans TeaserFußballfans sind derzeit ständig in den Medien präsent, meistens aber leider nur, wenn es um Randale und Ausschreitungen oder Pyrotechnik geht. Doch Fankultur in Deutschland ist wesentlich mehr. Das beweist das neue von Martin Thein herausgegebene und im Verlag Die Werkstatt  rschienene Buch „Deutschland, deine Fans. Ein Jahrhundert deutsche Fankultur“. Erstmals wird das spannende Phänomen umfassend dargestellt. In diesem als Zeitreise konzipierten Sammelband, der mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt, werden alle relevanten Entwicklungen der Fanszenen sowie phänomenbezogene Aspekte thematisiert. Dazu gehören Kuttenfans, Hooligans, Ultras, Groundhopper, Fanklubs, Frauen und viele mehr. Bekannte Journalisten wie Jörg Jakob vom Kicker, Michael Horeni von der FAZ, Thomas Wark vom ZDF oder Hardy Grüne, aber auch Autoren aus der  Fußballfanszene nähern sich diesen Themen nicht streng wissenschaftlich, sondern in sehr gut lesbaren Beiträgen aus verschiedensten Perspektiven. So wird allen Fußballanhängern die Möglichkeit gegeben, die letzten 100 Jahre Fankultur in Deutschland Revue passieren zu lassen – in all ihren wunderbaren und natürlich auch weniger schönen Facetten. Von FANKULTUR.com haben einige Blogger Beiträge zum Buch beigesteuert. Grund Genug mit Martin ein kurzes Interview zu führen.

Martin, um was geht es in "Fußball - Deine Fans"?

"Fußball - Deine Fans" ist der Versuch, die Geschichte der Fans seit etwa 1900 chronologisch darzustellen und dabei wichtige Phänomene umfassend und spannend, aber vor allem authentisch darzustellen. In diesem als Zeitreise konzipierten Sammelband werden alle relevanten Entwicklungen der Fanszenen thematisiert. Dazu gehört das Fansein im Kaiserreich und Nationalsozialismus, aber auch die Kuttenfans, Hooligans, Ultras, Groundhopper, Fanklubs, Frauen und vieles mehr. Dafür habe ich mir Experten ausgesucht, die entweder diese Entwicklungen selber durchlebt haben oder Experten auf dem jeweiligen Gebiet sind. Bekannte Journalisten wie Jörg Jakob vom Kicker, Michael Horeni von der FAZ oder Thomas Wark vom ZDF aber auch Autoren aus der Fußballfanszene nähern sich diesen Themen nicht streng wissenschaftlich, sondern in sehr gut lesbaren Beiträgen aus verschiedensten Perspektiven. Neben diesen "Prominenten" sind auch viele tolle Artikel von "normalen" Fans dabei, die etwa aus der Hooligan- oder Ultraszene berichten.

Ist das Buch denn was für alle Fans oder nur für Fachleute?

Das Buch ist eindeutig für alle Fans. Ich bin mir absolut sicher, dass sich viele Fußballfans in den Geschichten wiederfinden werden. Wenn nicht, dann gibt das Buch Aufklärung über eine verborgene Welt, von der man immer nur aus den Medien erfährt. An dieser Stelle sind die Fans doch die besten Fachleute, die wir uns vorstellen können. Über Fans wird häufig geschrieben, aber wann kommen sie denn mal wirklich zu Wort!

Nach welchen Kriterien hast Du Deine Autoren ausgewählt?

Wie schon erwähnt war es mir sehr wichtig, die ganze Bandbreite der Meinungsvielfalt über das Thema "Fans" und "Fankultur" einzuholen. Dabei habe ich mir alle Autoren gezielt ausgesucht. Zum einen, weil sie Experten (Ultras, Fanprojektler, Forscher, renommierte Journalisten etc.) waren, zum anderen weil sie diejenigen sind, worüber ich schreibe, eben Fußballfans. Bei manchen Autoren und Mitwirkenden war es ein langer Weg, sie für das Projekt zu gewinnen. Ich war stolz, Sie doch noch von dem Buchprojekt überzeugen zu können. Aber es hat sich gelohnt und ich bin allen Mitwirkenden sehr dankbar.

 

Warum gerade jetzt dieses Buch?

Betrachtet man die medialen Darstellungen der letzten Jahre, so werden Fußballfans allzu oft unreflektiert als Chaoten oder Gewalttäter klassifiziert. Oft wir in diesem Zusammenhang behauptet, dass es gefährlich sei, ein Fußballstadion zu besuchen, was natürlich Blödsinn ist. Ich will mit diesem Buch aufzeigen, dass Fans und Fankultur wesentlich mehr ist.

Hat der Fußball und das Fansein heute eine wichtigere gesellschaftliche Bedeutung?

Fußball war während der zurückliegenden Jahrzehnte, spätestens seit der WM 54 in der Schweiz, gesellschaftspolitisch wichtig. Hatte Fußball in der Nachkriegszeit primär eine identitätsstiftende Funktion zur  Wiedererlangung von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, speziell als Folge der  der vielen zerrütteten und gebrochenen Lebensentwürfe, so hat sich dies seit mehr als zehn Jahren fundamental verändert. Der Sport wird heute vielfach zunächst als Freizeitgestaltung und Event angesehen, als ein Konsumgut unter vielen anderen. Dadurch ist  der Fußball aber einer viel breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden, sozusagen vom "Proletensport" der 1970er und 1980er Jahre zum "Allesbediener-Sport" der Gegenwart mutiert. Jeder spricht heutzutage gerne über Fußball, vom Busfahrer bis zum Manager. Diese enorme Ausweitung lässt den Fußball, aber auch die Gespräche über Fußball zu einem gesellschaftlichen Kernthema erscheinen.

Gegen Ende ist der Schwerpunkt des Buches auf das augenblickliche "Fanproblem" ausgerichtet. Haben wir im deutschen Fußball ein Gewaltproblem?

Die deutschen Stadien sind mit die sichersten der Welt. Über 90 Prozent der "normalen" Fans hat aber überhaupt keine Gewaltaffinität, ist auch nicht subkulturell geprägt, wie beispielsweise die Ultras. Entscheidend ist letztlich, dass diese Differenzen nicht in körperliche Gewalt umschlagen. Denn die wollen wir im Fußball natürlich alle nicht sehen. Die Zuschauerzahlen sind in den vergangenen Jahren explodiert. Wenn man diese Zahlen in Relation zu der Anzahl der Vorfälle setzt, hat die Gewalt nicht zugenommen.

Wenn wir von Gewalt in Stadien sprechen, müssen wir vorsichtig sein: Pyrotechnik ist nicht gleich Gewalt. Wenn es zu Vorfällen kommt, verlagert sich das meist in den Vorraum, auf umliegende Gelände oder Autobahnraststätten. Aber eines ist sicher: Der Vater kann mit seinem Sohn ganz genüsslich und ohne Bedenken ins Stadion gehen. Und so soll es auch bleiben.

Ist Fußball gewaltlos vorstellbar?

Fußball gewaltlos - das ist sicherlich ein schöner wenngleich utopischer Gedanke. Hass und Gewalt haben selbstverständlich im Fußball nichts zu suchen. Gleichwohl gehören gewisse verbale Feindschaften seit Jahrzehnten dazu. Da sind über Jahre gewachsene Feindschaften entstanden, das kann nicht auf Ultras beschränkt werden. Auch unter „normalen Fans“ herrscht an diesen Spieltagen häufig eine deutlich aggressivere Stimmung. Aber dies ist kein Phänomen der vergangenen Jahre, das gab es schon in den 1920er und 1930er Jahren. In "Fußball - Deine Fans gewinnt der Leser einen Eindruck davon, wie sich auch der Gewaltaspekt über die letzten 100 Jahre im Fußball entwickelt hat.

Ohne schon zu viel zu verraten: Was waren für dich die emotionalsten Geschichten in diesem Buch?

Ach, das ist jetzt eine ganz schwierige Frage. Jede dieser Geschichten hat ihren individuellen Charme. Wichtig bei der Auslese waren uns Emotion und Authentizität, denn beides steht sinnbildhaft für Fußball und Fankultur.


Das Buch "Fußball, deine Fan - Ein Jahhundert deutsche Fankultur" 

Fußball, deine Fans - Ein Jahrhundert deutsche Fankultur , erschienen im Werkstatt-Verlag jetzt bestellen bei Amazon

ohne fussball 1

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und so haben auch wir direkt nach Weihnachten einen Buchtipp und passend zu Weihnachten auch noch eine Verlosung von drei Exemplaren. Es geht um das Buch „Ohne Fußball wär’n wir gar nicht hier“ Die drei Autoren Volker Backes, Andreas Beune und Christoph Ruf erzählen dabei kurze Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis.

Wen der Titel erst mal abschreckt, sei ein kurzer Auszug aus dem Vorwort von Volker Backes ans Herz gelegt, in dem er die Gründe für das Buch kurz und prägnant auf den Punkt bringt. Es soll ein Buch sein, "das das Lebensgefühl derer widerspiegelt, die zu alt sind, um noch Ultra zu sein. Und zu jung, um nicht sofort zur Fernbedienung zu greifen, wenn Jessica Kastrop und Franz Beckenbauer eine Welt erklären, die wir besser kennen als sie."

Der Werkstatt Verlag schreibt dazu:

Sie sind Fußballfans in der Midlife-Crisis. Sätze wie »Fußball ist unser Leben« kommen ihnen nicht mehr über die Lippen, weil im Alter die Selbstachtung mit den grauen Haaren um die Wette wächst. Der heilige Ernst, mit dem sie noch vor 15 Jahren abendelang über die letzten Abwegigkeiten des Fußballlebens diskutierten, ist ihnen abhanden gekommen.

Und trotzdem zieht es sie immer noch in die Stadien, leben sie auch heute noch jeden Tag mit der überbewertetsten Nebensache der Welt. Und erzählen nun in ihrem Buch über dieses Spannungsfeld zwischen Faszination, Abhängigkeit und Ermüdung. Dabei entstanden Sach- und Lachgeschichten aus der Fußballwelt subjektiv, launig, polemisch und ungerecht, aber niemals langweilig. Die passende Lektüre für alle, die ähnlich fühlen wie die Autoren. Und das sind ziemlich viele.

Verlosung

ohne fussball 2Passend zu unserer Frage nach den 1.000 Gründen warum Fußball die schöneste Nebensache der Welt ist liefert das Buch wohl genug Stoff für Antworten. Aber ohne diese Lektüre gibt es genug Gründe. Wir sammeln und verlosen verlosen unter allen Teilnehmern drei Buch-Exemplare. Mitmachen ist ganz einfach: Teilt uns hier in den Kommentaren (gültige Email-Adresse angeben) oder auf Facebook mit, wieso Fußball für euch die schönste Nebensache der Welt ist. Mitmachen könnt ihr bis zum 1. Januar 2013. Unter allen Geschichten und Gründen verlosen wir die drei Bücher und werden das Feedback dann auch in einem Artikel verarbeiten. Die Gewinner werden benachrichtigt.

stadionbesuch teaserVor wenigen Tagen ist im Werkstatt-Verlag das Buch "Mein erster Stadionbesuch" von Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa und Martin Thein erschienen. Zuletzt hatten wir an dieser Stelle bereits zwei Texte veröffentlicht, die es leider nicht in das Buch geschafft hatten. Heute präsentieren wir Euch als weiteren Appetithappen einen Text, den ihr auch im Buch wiederfindet. Aljoscha Pause, seines Zeichens Fan des FC Bayern, beschreibt, wie er trotz linksalternativer Erziehung zum Schrecken seiner Eltern seine Liebe zum FC Bayern entdeckte - und wie er das letzte Spiel des Kaisers live erlebte.

"Fan eines Clubs bleibt man – mehr oder weniger intensiv – bis ans Ende seiner Tage. Doch dafür, dass es sich bei der Vereinswahl um die erste große Lebensentscheidung handelt, hängt erschreckend viel vom Zufall ab. Insofern ist es nicht wirklich eine Entscheidung. Natürlich kann man in Magnetfelder hinein geboren werden, die kaum eine Wahl zulassen. Wird man allerdings, regional wie familiär, in der fußballerischen Diaspora sozialisiert, sind es oft Schlüsselerlebnisse, die einen lebenslänglich auf eine Lieblingsfarbe festnageln. Vielfach ist es – je nach Veranlagung – der aktuelle Deutsche Meister, der einen 6-, 7- oder 8-Jährigen für immer in seinen Bann zieht.

Ich wurde im Januar 1972 in Bonn geboren. Alternativer Künstlerhaushalt. Während andere Väter ihre Jungs mit ins Stadion nahmen, verbrachte ich schon früh unzählige Stunden auf Friedens-Demos und auf den Klettersteigen der Dolomiten und der Zillertaler Alpen. Mein Vater stammt aus einer Münchner Bergsteiger- und Skifahrerfamilie. Fußball spielte bei uns keine Rolle.

In der Welt meiner Kindheit war Bonn Bundeshauptstadt. „Bonn!“ So begann fast jede Tagesschau. Aber nie die Sportnachrichten. Die einzige Saison in der 2. Bundesliga beendete der Bonner SC, für den ich später selber spielte, 1976/77 mit Lizenzentzug und Zwangsabstieg. Ende der 1970er Jahre sprach nicht viel dafür, dass aus mir einmal ein großer Fußballfan werden würde.

Doch dann trat jemand in mein Leben, der alles schlagartig verändern sollte. Sein Name war Karl-Heinz Rummenigge. In der Saison 1979/80 wurde der 24-jährige Außenstürmer des FC Bayern München Torschützenkönig. Mit 26 Treffern. In der darauf folgenden Spielzeit brachte er es sogar auf 29 Tore – und schoss den FC Bayern so zweimal in Folge zur Meisterschaft. Jeweils knapp vor dem Hamburger SV. Rummenigge wurde in beiden Jahren zu Europas Fußballer des Jahres gekürt. Der Strahlkraft dieser Erfolge konnte ich mich nicht entziehen. Von da an sah ich jede Sportsendung. Fußball sowieso. Das Fieber hatte mich gepackt. Zum Entsetzen meines links-intellektuellen Elternhauses pflasterte ich mein Kinderzimmer mit dem Spruch „Die Bullen kommen!“. Dem Werbeslogan des damaligen Bayern-Sponsors Magirus-Deutz.
Mein erster Stadionbesuch ließ weiter auf sich warten. Mit wem sollte ich auch gehen? Und wohin? Zwar lag das Müngersdorfer Stadion in nur 25 Kilometer Luftlinie von unserem Haus. Doch wurde dort weitaus weniger attraktiver Fußball gespielt als in München – der glorreiche Double-Gewinn des 1. FC Köln 1978 hatte freilich noch völlig jenseits meines sechsjährigen Horizonts stattgefunden. Ich kaufte mir also jeden Samstag gegenüber bei Aldi eine Tafel Schogetten und eine Tüte Chips. Und setzte mich vor das Radio in meinem Zimmer. Alleine. Heilige Zeit. Die Begeisterung dafür kam ganz aus mir selbst heraus.

Nach der Trennung meiner Eltern zog meine Mutter mit ihrem neuen Mann nach Hamburg, wo ich sie regelmäßig besuchte. Am Samstag, dem 17. Oktober 1981 war es dann soweit. Der Mann meiner Mutter nahm mich mit ins Volksparkstadion. HSV gegen Borussia Mönchengladbach. Auf Seiten der Hamburger spielte die legendäre Achse Stein-Kaltz-Magath-Hrubesch. Bei Borussia war der Generationswechsel in vollem Gange. Wolfgang Kleff stand noch im Tor – im Mittelfeld wirbelte der 20-jährige Lothar Matthäus. Doch diese Personalien nahm ich als Neunjähriger nicht wirklich wahr. Wir standen in einer der Kurven, und für mich war praktisch alles neu. Der Geruch, die Menschen, die Kommentare, die Gesänge. Der Mann meiner Mutter war ein gemütlicher Studienrat. Er drehte die Zigaretten selber, trank Bier und benutzte Formulierungen wie „um Sackhaaresbreite“. Das hinterließ bei mir bleibenden Eindruck. Das 1:1-Endergebnis an diesem Tag eigentlich weniger.

Nur einige Monate später gingen wir zum zweiten Mal zum HSV. Und ich durfte live dabei sein, als am 29. Mai 1982 deutsche Fußball-Geschichte geschrieben wurde. Es war der 34. Spieltag und die Hamburger brauchten als Tabellenführer gegen den KSC nur noch einen Punkt, um vor dem 1. FC Köln sicher Deutscher Meister zu werden. Doch vor dem Anstoß lag noch aus einem anderen Grund ein unbeschreibliches und für mich damals faszinierendes Knistern in der Luft des prall gefüllten Volksparkstadions. Nach längerer Verletzungspause stand ein gewisser Franz Beckenbauer in Ernst Happels Startelf. Zum 424. und letzten Mal in seiner ruhmreichen Bundesligalaufbahn. Seine Erfolge hatte ich genauestens studiert, und so verfolgte ich ehrfürchtig Beckenbauers letzte Ballkontakte. Der HSV ging früh mit 3:0 in Führung. Hrubesch, Kaltz, Hartwig. Die 50.000 Zuschauer waren wie elektrisiert. Dann kam der große Moment des Kaisers. In der 41. Minute wurde er unter tosendem Beifall ausgewechselt. Seine Welt-Karriere ging an diesem Nachmittag zu Ende. Mir erschloss sich die wirkliche Dimension dessen erst viele Jahre später. Der HSV leistete sich noch drei Gegentore. Und war nach 90 Minuten doch Deutscher Meister. Mit drei Punkten Vorsprung vor Köln. Fünf Punkte vor „meinem“ FC Bayern. Auch ich jubelte. Und sah als Zehnjähriger zum ersten Mal live die Meister-Schale. Die in den beiden Jahren zuvor noch Karl-Heinz Rummenigge in die Höhe gereckt hatte. Was wäre wohl gewesen, wenn ich all das vor meiner ersten Begegnung mit dem FC Bayern erlebt hätte? Ich konnte es mir nicht verkneifen, den Gassenhauer dieser Tage mitzusingen. „Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV.“ Doch ich blieb Bayern-Fan. Um Sackhaaresbreite."

Geschrieben von Aljoscha Pause, Fan des FC Bayern München

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stadionbesuch teaserGestern ist im Werkstatt-Verlag das Buch "Mein erster Stadionbesuch" von Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa und Martin Thein erschienen. Wie die Herausgeber im Interview uns schon sagten, gab es mehrere hundert Zuschriften die leider unmöglich alle in einem Buch Platz gefunden haben und trotzdem ihren persönlichen Charme besitzen. Als Vorgeschmack auf das Buch veröffentlichen wir heute einen Auszug, in dem ein bekennender Fan des 1. FC Nürnberg, Klaus Peter Fink, beschreibt, wie der Bier-Schorsch bei seinem ersten Stadionbesuch einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hat:

"Ich bin, als gebürtiger Nürnberger und immer noch Fan des traditionsreichen 1. FC Nürnberg, schon als Kind bei Spielen im damaligen Stadion im Nürnberger Ortsteil Zerzabelshof, genannt „Zabo“, gewesen. Im Jahr 1947 geboren, erlebte ich noch die Nachkriegsjahre. Mit dem Virus „Fußball“ wurde ich durch den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 so richtig infiziert. Denn da spielte ja auch unser Nürnberger Held, Max „Maxl“ Morlock, mit. Als ich elf Jahre alt war (1958), nahm mich mein Vater zum ersten Mal mit ins „Zabo“-Stadion, um seinen Club zu sehen. Was ich damals noch nicht wusste, dieser Verein sollte die erste Liebe meines Lebens werden!

Von dem Spiel habe ich nicht so viel gesehen, da die Erwachsenen nicht zu „überschauen“ waren und es ja nur Stehplätze gab. Aber ein Erlebnis werde ich nie vergessen. Es war der „Bier-Schorsch“ mit seinem sogenannten Bauchladen: Ich sehe ihn noch heute vor mir. Schütteres, graues Haar, leichter Bauchansatz, auf dem rechten Auge hat er geschielt. Zu Spielbeginn war er immer mit einem blütenweißen Verkaufsmantel bekleidet. In einer Hand trug er einen hölzernen Träger, in dem sich zwölf 0,5-Liter-Bügel-Bierflaschen befanden, und vor dem Bauch den trefflich passend bezeichneten „Bauchladen“. In der anderen Hand ein Tablett mit belegten Fisch- und Lachs(ersatz)-Brötchen. So ging er dann immer vor den Zuschauerrängen umher. Damit sein Umsatz angekurbelt wurde, rief er mit lauter Stimme: „Zigarren, Zigaretten, Drops, Vivil, Kaugummi, das 1:0-Bier!“ Er rief das eigentlich immer, auch wenn der Club gerade hinten lag oder das Spiel schon 2:0 stand. Und dann gab es noch ein „Fischweckla“ (Anmerkung: Weckla ist die Nürnberger Dialektbezeichnung von Brötchen/Semmeln/Schrippen) obendrauf. Der „Bier-Schorsch" gehörte quasi zum Inventar des „Zabo“. Er war überall und jeder kannte ihn. Die Männer, Frauen gab es zu jener Zeit im Stadion nicht, auf den Zuschauerrängen signalisierten dem „Bier-Schorsch“ dann immer durch Handzeichen, dass sie was kaufen wollten, indem sie ihm ihren Wunsch zuriefen.

Ob er wirklich Georg hieß, weiß ich nicht, aber er wurde halt eben „Bier-Schorsch“ genannt. Wenn einer Mal weiter weg war vom „Bier-Schorsch“, und trotzdem eine Bestellung aufgeben wollte, wanderte das Geld oft über viele Reihen nach unten oder oben. Im Gegenzug gelangte die bestellte Ware und das Wechselgeld auf dem gleichen Weg wieder zum Kunden zurück. Und schon war das Geschäft getätigt. So war das halt damals, familiär und ehrlich. Da gab es keine Unregelmäßigkeiten oder ein Fremder behielt etwas für sich. Nein, alles lief ganz korrekt ab. Dann ging der „Bier-Schorsch“ einige Schritte weiter, sein legendärer Ruf: „Zigarren, Zigaretten, Drops, Vivil, Kaugummi, das 1:0-Bier“ erschallte aufs Neue und die gleiche Prozedur begann von vorne."

Geschrieben von Klaus Peter Fink, Fan des 1. FC Nürnberg

FANKULTUR.COM veröffentlicht Texte die im Rahmen des Buches "Mein erster Stadionbesuch" geschrieben wurden, jedoch nicht im Buch zu finden sind.

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stadionbesuch teaserMorgen erscheint im Werkstatt-Verlag das Buch "Mein erster Stadionbesuch" von Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa und Martin Thein. Wie die Herausgeber im Interview uns schon sagten, gab es mehrere hundert Zuschriften die leider unmöglich alle in einem Buch Platz gefunden haben und trotzdem ihren persönlichen Charme besitzen. Als Vorgeschmack auf das Buch veröffentlichen wir heute einen Auszug, in dem ein bekennender Fan von Werder Bremen, Arne Langhann, beschreibt, wie ihn Mario Basler in den 90er-Jahren zu den Grün-Weißen führte:

Meine Liebe zu Werder Bremen begann mit Mario Basler. Ich war selber ein begeisterter Fußballspieler und als mir jemand erzählte, dass Mario Basler es geschafft hat, ein Tor von dem Eckpunkt zu erzielen, war es um geschehen. Ich empfand Basler immer als präsentesten Spieler des SV Werder mit seiner eigenen Art Fußball zu spielen. Dazu kam die Tatsache, dass für mich als gebürtigen Kieler im Norden eigentlich sonst alle HSV-Fans sind. Aber ich konnte mich mit den Leuten und der dazugehörigen Attitüde nicht anfreunden. Also entschied ich mich für Werder Bremen und Mario Basler. Mein Großvater ist in Hamburg aufgewachsen und Anhänger des FC St. Pauli. So konnten wir alle mit unseren Vereinen leben und unser Großvater nahm uns auch oft mit ans Millerntor, wo mein großer Bruder und ich schon früh mit den Punkern auf die Flutlichmasten kletterten. Das war damals noch Zweitligafußball. Als die Kiezkicker Mitte der Neunziger den Aufstieg in die erste Bundesliga schafften kam es wie es kommen musste. Mein Großvater lud mich zum Spiel Werder Bremen gegen den FC St. Pauli ein. Wie aufregend! Das Stadion wirkte so unfassbar riesig auf mich und ich hatte noch nie so viele Leute mit Werder-Trikots, Fahnen und anderen Verkleidungen gesehen. Ich war restlos begeistert. In meiner kindlichen Naivität war ich auch sehr erstaunt, wie viele Leute hier gleichzeitig auf Toilette gehen konnten! Das Spiel gegen die Hamburger war eher mittelmäßig, aber als Mario Basler mit dem Ball vom eigenen Sechzehner bis zum gegnerischen Strafraum sprintete, hielt es mich kaum noch auf meinen Sitz. Ganz Bremen jubelte! Und ich mittendrin. Auffällig war auch, wie schön diese Stadt ist und wie nett die Menschen sind. Die Lage dieses schönen Stadions ist einmalig. Ich liebe es, vor dem Spiel das Wasser der Weser zu beobachten und danach in aller Ruhe in den Block zu gehen. Die ganze Stadt steht hinter diesem Verein und seitdem bin ich regelmäßig in Bremen zu Gast und begleite die Mannschaft auch auswärts. Unter anderem hatte ich auch das Vergnügen, die historische Pleite in Heidenheim mit anzusehen zu müssen.

Werder Bremen ist ein fester Teil meines Lebens und ich hoffe für die Mannschaft, die Stadt, die Fans und mich, dass wir diese Saison wieder unseren geliebten Offensivfußball sehen können und dazu "LEBENSLANG GRÜN-WEISS" singen werden. Nur Mario Basler habe ich schnell abgeschworen. Als ich nach seinem Wechsel zu den Bayern weinend auf unserer Treppe saß, wusste ich, dass Spieler kommen und gehen, der SV Werder aber immer in meinem Herzen bleibt.

Geschrieben von Arne Langhann, Werder Bremen Fan

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort …7

Fankultur im Wandel: Vom Aufstieg einer Subkultur

Elmar Vieregge: Fußball im Wandel …10
Marcus Sommerey: Entwicklungsgeschichte der deutschen Ultra-Bewegung …26

Von Rebellen, Idealisten und Pragmatikern: Identität und Selbstverständnis der deutschen Ultra-Bewegung

Markus Verma: „Der Weg ist das Ziel“ …38
Gerd Dembowski: Eine notwendige Erfindung des Selbst …54
Peter Czoch: Wandel von Fanidentitäten im Zuge kommerzieller Entfremdung …68
Tobias Wark: Ultras und Politik …76

Einblicke in eine verborgene Szene: Mit Ultras im Gespräch

Jonas Gabler: „Sich die Freiheiten nehmen“ …90
Martin Thein: Ultras hautnah! …99

Umstritten und gefürchtet: Eine Subkultur zwischen Gewaltvorwürfen, Repression und Prävention

Konrad Langer: Ultras zwischen Gewalt und Kriminalisierung …118
Udo Tönjann: Ultras und Polizei …130
Michael Müller / Silke Martin: Vom Verhältnis zwischen Polizei und Ultras …135
Volker Herold: Fansozialarbeit – Gewaltprävention im Umgang mit Ultras …142
Thomas Feltes: Ultras und Fanbeauftragte …157
Alexandra Schröder: Zu Risiken und Nebenwirkungen bei Fußballspielen in Spanien – ein Bericht …168

Ultras von außen: Spurensuche aus unterschiedlichen Perspektiven

Jan-Philipp Apmann / Gabriel Fehlandt: Pyrotechnik …180
Mike Glindmeier: Ultras in den Medien …193
Christoph Ruf: Occupy Sesame Street …196
Tilmann Feltes: Ultras und „die Anderen“ …203
Martin Gerster / Oliver Stegemann / Alexander Geisler: Ultras und Sportpolitik in Deutschland …217
Jannis Linkelmann / Martin Thein: „Ich denke, wir waren auf einem guten Weg!“ …232

Ultras im Abseits?: Chancen und Risiken einer Subkultur

Gerald von Gorrissen: „Ultra“ in Deutschland am Scheideweg …250
Michael Gabriel / Volker Goll: Die Ultras …256

Die Herausgeber …270
Die Autoren …270

"Mein erster Stadionbesuch" - unter diesem Titel erscheint am Donnerstag ein neues Buch der Autoren Martin Thein, Heidi Marinowa und Jannis Linkelmann im Werkstatt-Verlag. Die Redaktion von FANKULTUR.com sprach mit den Autoren über die Idee und den Inhalt des Buches.

Stadionbesuch CoverWas erwartet den Leser bei diesem Buch?

Den Leser erwartet ein bunter Strauß aus unterschiedlichsten Erlebnissen von fast 60 Autoren. Egal, ob diese prominente oder "normale" Fußballfans sind, sie alle schreiben und beschreiben ihren ersten Stadionbesuch als ein ganz individuelles und hochemotionales Erlebnis. Oft war es ein großes Spiel, manchmal aber auch ein Kick auf dem Dorfplatz nebenan. Entstanden sind traurige und lustige, ernste und weniger ernste, aber immer sehr emotionale Erzählungen. Wir haben die ganze Bandbreite des Internets dafür genutzt, um möglichst viele Vereine und deren Fans in das Projekt zu integrieren. Die besten Einsendungen haben wir ausgesucht.

 

Wie kamt Ihr überhaupt auf die Idee, gerade dieses Buch zu machen? Was war die leitende Motivation?

Schon unmittelbar nachdem wir beide unsere Fanplattform www.fankultur.com ins Leben gerufen haben, fiel uns auf, dass für die meisten Fans das "erste Mal" in einem Fußballstadion ein besonders prägendes Ereignis darstellt. Es hat quasi auf der Längsachse sowohl eine sozialisierende als auch prägende Wirkung. Das hat uns interessiert und wir wollten mehr darüber wissen.

So kam uns die Idee, einen Aufruf zum Einsenden von den „ersten Stadionbesuchen“ zu starten. Zu unserer großen Überraschung haben uns viele Vereine dabei aktiv unterstützt und den Aufruf auf ihre Webseiten gestellt oder in die Newsletter aufgenommen. Dadurch bekamen wir eine unglaubliche Resonanz von mehreren hundert Zuschriften. Von einer halben Seite bis zu zehn Seiten war alles dabei.

In den individuellen Fußballgeschichten von so vielen Fans zu lesen, war für uns unglaublich spannend. Man hat förmlich gespürt, wie die Schreiber die damaligen Ereignisse häufig wieder vor Augen hatten. So anstrengend das Projekt auch war, jede Minute war es wert. Am liebsten würden wir direkt das Nächste beginnen.

 

Ihr spracht auch von Prominenten?

Ja, es macht uns schon ein Stück weit stolz, dass sich so viele bekannte Persönlichkeiten dazu bereit erklärt haben, an diesem Projekt mitzuwirken. Zu den Prominenten gehören Horst Eckel aus dem Weltmeisterteam von 1954, Claudia Roth von den Grünen, die ihr erstes Spiel auf dem Sportplatz in Babenhausen erlebte, die Stadionsprecher vom 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach, Filmemacher Aljoscha Pause oder Journalisten wie Thomas Wark vom ZDF.

Gleichzeitig haben die Geschichten dieser Persönlichkeiten aber vor allem eines gezeigt: Welch großes verbindendes Element der Fußball sein kann. Leider geht dies in der öffentlichen Diskussion häufig unter und Fans werden zu sehr auf Gewalt reduziert.

 

Ist das Buch denn was für alle Fans oder nur für Fachleute?

Das Buch ist eindeutig von Fans für Fans. Wir sind uns absolut sicher, dass sich viele Fußballfans in den Geschichten wiederfinden werden. Und an dieser Stelle sind die Fans doch die besten Fachleute, die wir uns vorstellen können. Über Fans wird häufig geschrieben, aber wann kommen sie denn mal wirklich zu Wort?! Nicht jeder mag ein Buch schreiben, würde aber gerne mal über seine Erlebnisse berichten.

Die Umsetzung des Buchs hat unzählige Stunden gekostet, aber jede Minute hat uns Freude gemacht. Aus weit mehr als 400 Einsendungen eine bunte Mischung aus Geschichten auszuwählen, ist uns nicht leicht gefallen. Deshalb wollen wir uns hier unbedingt noch mal bei allen Einsendern bedanken!

Ohne schon zu viel zu verraten: Was waren die emotionalsten Geschichten in diesem Buch?

Ach, das ist jetzt eine ganz schwierige Frage. Jede dieser Geschichten hat ihren individuellen Charme. Wichtig bei der Auslese waren uns Emotion und Authentizität, denn beides steht sinnbildhaft für Fußball und Fankultur.

Inhaltlich zeichnen die eingesandten Geschichten ein Abbild des täglichen Lebens eines Fußballfans. Von Liebe, über Krankheit bis hin zu einem ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl und Ekstase bei Erfolgen.

Hervorheben möchten wir hier keinen, die Artikel sind zu unterschiedlich, um sie zu vergleichen und in ein Ranking stellen zu können. Viele erste Stadionbesuche sind für die Fans mit so intensiven Gefühlen verbunden, dass ein Hervorheben kaum möglich ist. Vielmehr hoffen wir, dass die Leser sich in die Geschichten hineinversetzen können.