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Sonntag, 03 Juli 2016 12:04

Im Panik-Autopilot

geschrieben von 

"Kleiner Zwischenfall auf Pariser Fanzone" war die erste Schlagzeile deutscher Medien, die wir nach dem Deutschlandspiel online lesen konnten. Ich fand es gut, dass es nicht aufgebauscht wurde, dass keine übertriebenen Superlative benutzt oder dass gar voreilig von Terror (der ja wirklich nichts damit zu tun hatte) gesprochen wurde. Trotzdem kam man sich auf komische Weise verhöhnt vor, denn wir waren froh, aus diesem "Zwischenfall" gerade alle unverletzt  herausgekommen zu sein.

nadine paris1"Hunderte Menschen liefen auseinander.... " war einfach stark untertrieben. Auf die Fanzone am Eiffelturm passen im Höchstfall rund 92.000 Leute. Beim Spiel Frankreich-Irland wurde diese Marke erreicht, gestern bei Deutschland - Italien waren es immerhin so rund 50.000 Fans, die auf den Wiesen vor dem Turm das Viertelfinale sehen wolten. Wenn rund ein Drittel dieser Menschen aus der Fanzone rennt, ist es kein kleiner Zwischenfall. Ausgelöst von ein paar Böllern,  die im vorderen Teil gezündet worden waren, liefen Menschen einfach los. Wenn du die Masse auf dich zurennen siehst, so wie wir, die wir genau in der Mitte standen, hast du die Wahl zwischen umgerissen und vermutlich überrannt werden oder du rennst mit, auch wenn du nicht weißt,  was gerade passiert ist. Im Realfall entscheidet sich keiner für Stehenbleiben, das wurde gestern klar und so rannten auch wir los. Natürlich macht es die Situation schlimmer, je mehr Leute rennen, aber die Alternative ist eben keine. An den vorderen vier Einlasstoren rissen die Menschen die Zäune um, kletterten auf ein Denkmal, versuchten trotzdem zusammen zu bleiben, so gut es geht und sich währenddessen ein Bild darüber zu machen, was überhaupt passiert war.  Dabei werden panische Leute leider (aber auch etwas verständlicherweise ) rücksichtslos. Viele lagen am Boden und hatten Schwierigkeiten, in der Massenbewegung wieder aufzustehen. Ich selbst habe einige wieder hochgezogen, musste aber aufpassen, nicht ebenfalls zu stürzen.  Interessanterweise funktioniert man dann wie automatisch. Rennen, jemanden raufziehen, Leute beruhigen, selbst natürlich auch Angst haben.... alles geht schnell und alles passiert gleichzeitig. Als Volunteer in der knallblauen Uniform war ich für viele auch eine Art Anlaufpunkt. Menschen kamen weinend und besorgt zu mir, weil sie Freunde und Kinder verloren hatten oder eben alleine waren. Niemand wusste genau, was los war. Nachdem einer der Sicherheitsleute mir gesagt hatte, was eigentlich passiert war, konnte ich dann wenigstens auch andere beruhigen.

"Warum hat die Polizei den Leuten gesagt, sie sollen rennen?" Ist ein Tweet, der kurz nach dem Vorfall abgesetzt wurde. In einem Artikel hat sich ein Fan ebenfalls beschwert, dass die Polizei alles schlimmer gemacht hätte.  Ich weiß nicht, ob es den Urhebern dieser Kommentare lieber ist, wenn die Einsatzkräfte erstmal abwarten würden, anstatt die Leute von der Masse wegzuleiten. Im Ernstfall wäre das sicherlich verheerend. Stattdessen fand ich es mehr als beeindruckend, wie schnell und zielsicher Polizei, Sicherheitskräfte und Sondereinsatzkräfte schalteten, aus ihren Bussen sprangen, die Masse anleiteten und den betroffenen Teil der Fanzone als Kette durchsuchten. Während die Masse rannte, gab es weitere Böller und es war das einzig richtige, die Leute von der Fanzone zu evakuieren.

Das Public Viewing lief währenddessen und danach normal weiter, viele haben glaube ich nicht mal mitbekommen,  was eigentlich passiert war. Vielleicht ist das sogar besser so. Hoffen wir einfach, dass es den wirklichen Ernstfall gar nicht gibt. Mir hat definitiv der "Zwischenfall" gereicht.

Eure Nadine

 

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