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Freitag, 29 Mai 2015 15:06

Liebe Fußballromantik...

geschrieben von 

 Liebe Fußballromantik,

so lange habe ich dich nicht gesehen. Hier und da mal ein Fünkchen, aber ein echtes Date haben wir nie hinbekommen. Mal schick anne Wurstbude essen gehen oder ein Bier aus nem guten Jahrgang zusammen am Ascheplatz neben dem Stadion trinken. Du bist wie Deutschland im ESC, hast wenig bis keine Punkte in der ersten Liga, aber du nimmst es mit Humor, denn trotzdem bist du immer in der Kurve dabei. Irgendwie.

Jetzt gibt es da dieses Phänomen in dem du drinsteckst.
Dieses....Darmstadt. Als hätte es dich aufgesogen und mitgebracht, damit alle wieder was davon haben.

Wie das kam? Naja....
In der Ausgabe des Spiegel vom 5. April 1982 steht „Wir leben noch“ als Überschrift über einem Artikel, in dem es um den Verbleib in der ersten Liga geht, auch von diesem Darmstadt. Es hatte es bei Einführung der eingleisigen Zweiten Liga und der Neuordnung ein Jahr zuvor geschafft, in die Erste aufzusteigen. Es war auch das Jahr, in dem zum ersten mal der rettende Strohhalm namens Relegation als letzter Hoffnungsschimmer blieb. 1982 konnten die Lilien sich nicht retten - 32 Jahre später brachte der Strohhalm den SV Darmstadt spektakulär in Liga 2.

Bild Relegation

Trainer in diesem Artikel waren Männer wie Kuno Klötzer und Gerd Kentschke und sie verdienten bis zu 40.000 Mark im Monat. Spieler bekamen gar 600.000 Mark (manchmal auch alle zusammen) und ja, der Spiegel prophezeite die Pleiten vieler Vereine vor allem durch so „horrende“ Gagen. Einige Spieler gehörten Privatinvestoren. Davon träumt sogar Didi Mateschitz.

Fußballromantik, das schöne an dir ist auch, dass du am Boden bleibst. Wo solltest du auch hin, wirst du doch meistens mit Füßen getreten von den großen Klubs dieser Welt, von vielen Mäzenen und von den Männern, die gerade beim FBI vorstellig geworden sind.

Bild Gäste

Auch in dieser Hinsicht eiferte der SVD dir nach. Schon beim ersten Aufstieg 1971 empfahl der Präsident des Vereins den Spielern, ihren Job zu behalten, wenigstens halbtags. So stünde bei einem Wiederabstieg keiner ohne Job da. Wurde so gemacht.
Darmstadt war und ist eine blau-weiß Achterbahn. Der Abstieg 93 als letzter in die Oberliga Hessen. Danach schwere Jahre, Auf- und Abstiege, Neuordnungen bis hin zur Dezimierung des gesamten Kaders auf nur 5 verbleibende Spieler.
Ab 2007 dann der Neuanfang. Wiederaufstieg und Hessenpokal standen einer drohenden und sogar angemeldeten Insolvenz gegenüber. Ganz nach ihrem inzwischen zum Leitspruch gewordenen Motto „Du musst kämpfen. Es ist noch nichts verloren“, der laut Erzählungen von einem Fan kommt, der immer wieder gegen den Krebs gewonnen hat, nahmen sie den Kampf auf. 2011 ging es in den Profibereich: 3. Liga.

Bild Tafel

2013 rettete die Insolvenz der anderen, Offenbach, die Lilien und hielt sie in der Dritten Liga. Vielleicht war das der Weckruf. Für Darmstadt, für die „Gescheiterten“ wie sie oft bezeichnet werden, für die „Feierabendfußballer“ wie sie in den 70ern/80ern mal hießen, weil sie nach Feierabend trainierten. Und für dich, liebe Fußballromantik, die du wieder nach ganz oben wolltest da, wo du hingehörst aber oft vergessen wirst.
Du kommst mit gerade mal 16.500 Plätzen, mit nur rund 4000 davon überdacht. Mit Kartenabreißen im Gästeblock, mit einer Bier-, einer Wurstbude und einem Klowagen. Mit zu wenig Parkplätzen und mit einen VIP Bereich in einem Zelt, wie es auch auf der Jubiläumsfeier vom Rolladen und Fensterbaubetrieb nebenan stehen könnte.

Bild Zelt

Der SV Darmstadt ist wie der fleischgewordene Film „The Replacements – die Helden aus der zweiten Reihe“. Für Unwissende: während eines Streiks der Profi-Footballspieler rücken gescheiterte Spieler nach. Das Ganze endet zwar damit, dass sie nicht persönlich um den Superbowl spielen dürfen, aber sie haben es in die Playoffs geschafft. Wenn Keanu Reeves nicht Dominic Stroh-Engel verkörpert, wer dann? Stroh-Engel ist mal bei Frankfurt aussortiert worden... Jungwirth, daran erinnere ich mich noch, war für den VfL Bochum „nicht gut genug“...Sulu scheiterte in Hoffenheim. Und das sind nur einige Stationen und Geschichten dieser Art, die man in der Mannschaft findet. Aber diese Mannschaft lebt dieses Spiel.
Genauso wie der Trainer. Gut, er sollte eigentlich entlassen werden weil er zweimal das Saisonziel klar verfehlt hat. Klassenerhalt? Das war wohl nix.

Bild Stadion Sonne

Liebe Fußballromantik, du bist in jedem Stück Kriegsschutt, das noch immer im Stadion am Böllenfalltor verbaut ist. Du steckst in den verbliebenen Pappeln, die dem Stadion ihren Namen geben und deren Patenschaft der SV Darmstadt übernommen hat, damit sie auch da bleiben. In jedem Ticken der Analoguhr über der Nordkurve und natürlich in jedem Flutlichtmast.
Wir wissen nicht, wie lange du in der ersten Liga bleiben wirst. Du wirst dich sicherlich verändern und ein paar der Dinge, in denen du in Darmstadt steckst werden ab 2017 mit dem Um- und Neubau verschieden. Aber lass dir eins gesagt sein:

Schön, dass du da bist. Es ist noch nichts verloren.

Deine Nadine

 

Nadine Hampel

Fußball verrückte,Bier trinkende Kaffee- und Schokoladenliebhaberin mit einem Hang zu Video, Radio, Volunteering und Extremsituationen

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