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Donnerstag, 23 Februar 2017 08:51

Die Spirale der Zensur

geschrieben von  Anil Gürtürk

Der Aufschrei groß, die Wellen der Medienlandschaft stürmisch, die Sanktionen des DFBs drastisch – die Plakate auf der Südtribüne könnten eine Zäsur für das deutsche Fandasein bedeuten. Dabei lohnt sich ein Blick in die türkische Süper Lig um Folgen und Konsequenzen zu prognostizieren.

Über die Anzahl der Mitarbeiter beim türkischen Fußballverband TFF die den Sport sauber halten sollen, ist wenig bekannt. Nur so viel wissen wir: bereits am Wochenende setzen sie sich mit Kopfhörern vor die Aufnahmen der Fernsehanstalten und protokollieren jeden Gesang und jedes Plakat, das in irgendeiner Form gegen die Statuten des TFFs oder Gesetze verstoßen könnte. Welche absurden Formen das annehmen kann erfahren die Fans der Vereine jedes Wochenende. Wenn es wieder Strafen wegen „hässlichen und beschimpfenden Gesangs“ gibt, wissen die eigenen Fans oft nicht, welche Gesänge damit überhaupt sanktioniert wurden. Ab wann ist ein Gesang oder ein Plakat nicht mehr hinnehmbar, wo fangen Beschimpfungen an, wo Gewaltaufrufe, ab wie vielen Personen können wir von Gesang sprechen etc. pp. Fragen über Fragen, die gänzlich nach dem Gusto der Mitarbeiter entschieden werden. Denn eine objektive Unterscheidung ist schier unmöglich. Und genau in diesen Strudel an Subjektivität, Fragen, Intransparenz und grauen Bereichen gerät der DFB mit der Causa Dortmund – Red Bull.

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Passend dazu spricht die Welt von der „nächsten Geschmacklosigkeit“ diesmal von den Gladbacher Fans Richtung Red Bull, die mit ihrem Plakat „Wir verurteilen jeden Stein….der euch Kunden nicht traf“ für erneuten Wirbel sorgen. Gleichzeitig hört sich der Gladbacher Anhang in jedem auswärtigen Stadion an, wie die gegnerischen Fans „Stein auf Stein auf die Elf vom Niederrhein“ werfen. Wahlweise werden sie auch mal platt gemacht und aus der Stadt geschossen. Beides geschieht seit einigen Jahrzehnten ohne, dass dies für Schlagzeilen oder einen Aufschrei sorgt. Nun die Frage: Stellt eins dieser Plakate bzw. Gesänge etwas dar, was sanktioniert werden muss? Ist es nicht Verherrlichung von Gewalt? Ja sogar ein Aufruf dazu? Oder ist es einfach nur fußball-typisches Genecke was zum Sport dazu gehört?

Die Diskussion über diese Fragen kann in beide Richtungen verargumentiert werden. Für ersteres, also für die konsequente Bestrafung solcher Aussagen, hat sich die TFF entschieden. Was es mit sich zog, ist ein kleines Apparatenmonster, das bewacht, protokolliert und zensiert. Für die politische Elite nebenbei bietet es zudem noch ein probates und praktisches Mittel um auch politische Aussagen aus den Stadien zu verbannen und so die Fans mundtot zu machen. Wenn wir über die Zensur von Kurven reden, geht es nämlich am Ende nicht um eine Kleinigkeit und um das Plakat X von Johannes (16, Ultra) aus Lüdenscheid. Es geht um die letzte Bastion des Fußballs, die noch eine Nische für das Freiheitsgefühl ihrer Anhänger darstellt: ihr Geschriebenes und ihr Gesagtes aus der Kurve heraus. In Zeiten in denen das Stadionbier eine Bezahlkarte voraussetzt, in der die Fahnengröße reglementiert und die Anzahl an Trommeln im Gästeblock begrenzt wird, ist es vielleicht das höchste Gut der Kurven, die noch nicht maßgeblich eingeschränkt wurde. Und es ist gerade dieses Gut, das eine Entfremdung zwischen Fan und Verein in Zeiten von Kommerzialisierung und Internationalisierung verhindert.

Der DFB muss sich über die praktischen und ideologischen Konsequenzen bewusst sein, wenn er nun in die Kurven schreitet und die Causa Red Bull zur Norm macht. Für den türkischen Fußball fällt das Ergebnis der konsequenten Strafen ernüchternd aus. Beschimpfungen und Gewalt blieben – die Fans nicht. Durchschnittlich verfolgen 8500 Zuschauer ein Süper Lig Spiel – weniger als beim VFL Osnabrück.

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