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Samstag, 27 Oktober 2012 13:30

Erstaunlich unaufgeregt ging es um Gewalt - Oder doch um Geld?

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phoenixRevierderby gepaart mit der Diskussion über das bekannt gewordene DFL Konzeptpapier. Da war es fast zu erwarten, dass es auch Thema in einer TV Runde wird. Die Ankündigung des Polit-Spartensender Phoenix  "Randale und Fußball - Wer stoppt die Gewalt?" weckte böse Erinnerungen an den Talkshow Marathon Mitte des Jahres, wobei damals der Show-Faktor eine sachliche Debatte deutlich in den Hintergrund rückte.
Erstaunlich unaufgeregt waren die 45 Minuten. So unaufgeregt, dass sogar vollkommen wogenfrei über die treffende Aussage vom stellvertretenden Kicker-Chefredakteur hinweg gesprochen wurde.

Den Einstieg machte NRW Innenminister Ralf Jäger, der die Frage von Moderator Alexander Kähler ob die Zeit des Redens nach den jüngsten Vorfällen vorbei sei, direkt verneinte. Der Dialog sei nicht beendet sondern erst am Anfang. Ich mein was sollte er sagen? Mit einem „Ja“ wäre die Diskussionsrunde wohl direkt vorbei gewesen, vom Echo aus Fanreihen ganz zu schweigen. So jedenfalls blieb die Tür offen und Jäger hob im Verlauf der Diskussion die positiven Aspekte von Fankultur hervor. Abschaffung von Stehplätzen und Alkoholverbot haben in England zu Stimmungsverfall geführt. Fangesänge, Choreographien und Stimmung sollen in Deutschland erhalten bleiben und das wolle man sich nicht von Chaoten kaputt machen lassen. In der Folge der Debatte klang dann doch alles wie gewohnt, wenn auch weiter bemüht sich den Fankreisen nicht zu verschließen.
Ähnlich gewöhnlich Rainer Wendt von der deutschen Polizeigewerkschaft. Natürlich hat die Polizei beim Derbyeinsatz ihren Job gemacht, und natürlich sind die Fans durch ihr Verhalten Schuld an der Eskalation. Hier, und an der Stelle an der Jäger auch noch mal das konspirative Anreisen der Schalker Fans für die Vorfälle verantwortlich machte, hätte ich den beiden zu gerne den Augenzeugenbericht von Rafael Buschmann vorgehalten. Leider hat Fananwalt René Lau hier nichts gesagt, ansonsten hielt er dagegen und macht deutlich: Wer etwas ändern möchte, muss erstmal die Fans als Gesprächspartner akzeptieren und respektieren. Er wolle außerdem die Debatte erst gar nicht auf Gewalt reduzieren, sondern vielmehr den Fan und die Fankultur in den Mittelpunkt stellen. Gewalt sei nur ein kleiner Teil davon.
Dem pflichtete auch Jörg Jakob bei. Die Entwicklung der letzten Jahre zeige, ins Stadion zu gehe ist sicher. Das riesige Medienecho bei den wenigen Gewaltauswüchsen führe zu einer gefühlten falschen Unsicherheit.

100 Millionen Euro Kosten, 1,76 Millionen Arbeitsstunden, 9.000 registrierte Randaliere, 6000 Strafverfahren, 800 Verletzte

Übertriebener Gewaltproblematik wollte Innenminister Jäger aber nicht durchgehen lassen. Es gäbe keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr dafür, dass 30% der Polizeikräfte durch Sicherung bei Fußballspielen gebunden seien. Das passte jedoch nicht so ganz zu den Zahlen die in die Runde geworfen und von Anwalt Lau auch sofort relativiert wurden. Sicher: Das Oktoberfest-Argument wurde schon oft genutzt, bringt es aber wohl am Treffensten zum Ausdruck über was eigentlich geredet wird. Zudem fehlt noch die Statistik um welche Verletzungsursachen es sich dabei eigentlich handelt.
Trotzdem muss man Gegensteuern. „Vereinsvertreter glauben sie seien zuständige für die Gäste in der Loge, aber das was auf den Ränge passiert soll die Polizei regeln. Die Zeiten seien vorbei“ formulierte Jäger die Forderungen der Innenminister
Die Verhältnisse seien so gut wie nirgends auf der Welt. Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Polizei im Vorfeld von Bundesligaspielen ist gut. Pauschal zu sagen, Vereine machen zu wenig, sei falsch entgegnete Jakob.
Dann kam Wendt auf die Vorschläge der DFL und Innenministerkonferenz zu sprechen. Schulung für Ordner, verbesserte Videoüberwachung, personalisierte Tickets, Wirkungsanalyse bei Fanprojekten seien gute Ideen. Überhaupt sei das Konzept medial in den letzten Tagen falsch dargestellt und zu schroff abgelehnt worden. Irgendwie passte das nicht so recht auf die spätere Schlussfolgerung von Wendt, dass Gewalt kein Fußballproblem sondern gesellschaftliches Phänomen sei und der Ansatz, in die präventive Sozialpolitik zu investieren, richtig sei.

Mit Fans oder ohne Fans?

Wer Verantwortung im Fußball trägt müsse auch dafür sorge tragen, dass die Straftäter draußen bleiben. Ob Jäger damit nur Verbände, Verein, Politik und Polizei gemeint hat oder auch die Fans mit einbezieht wird nicht ganz klar. Um so wichtiger war es, dass Lau noch mal klarstellt: Probleme lassen sich nur mit Fans lösen. Innenminister Friedrich meine aus politischer Sicht viel zu machen aber habe noch keine Veranstaltung einberufen wo Fans mit am Tisch sitzen. Für Lau ist außerdem klar: Wer mit am Tisch sitzt muss als gleichberechtigter Partner angesehen werden. Möglicherweise steckt darin die Problematik, hat man doch bei den abgebrochenen Pyro-Gesprächen gemerkt, dass sich der DFB mit dieser Akzeptanz schwer tut.
Vom stellvertretenden Chefredakteur des Kickers bekommt er Zustimmung. Für Jakob sitzen die Experten in den Fanclubs und Fanprojekten und müssen jetzt eingebunden werden. Sie haben die Expertise und ohne Dialog sei kein Erfolg möglich.
Da möchte Polizeigewerkschafter Wendt nicht widersprechen, jedoch müsse der Dialog lokal geführt werden. Eine Einbindung von Fanvertretern in Gremien sei schwierig, da seiner Ansicht nach kein einheitliches Auftreten und Legitimation vorliegt. Da mag er recht haben, jedoch hat die Pyro-Kampagne gezeigt das die Fanszene durchaus in der Lage ist sich in der Hinsicht zu organisieren, sofern zwei Punkte erfüllt sind: Man hat das Gefühl ernst genommen zu werden und ein Ziel für das es sich lohnt ggf Kompromisse einzugehen. Das Ergebnis dieses Experiments „Pyro legalisieren“ ist bekannt. Die Erfahrungen waren sicherlich nicht förderlich, wenn es darum geht in kurzer Zeit erneut ein breiten Konsens unter Fanszenen und Ultra-Gruppen zu finden, um in Gespräche mit den Verbänden zu gehen.

Wendt und Jäger haben jedenfalls gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Faninteressen fehlt. Natürlich lassen die Gesetze ein Abbrennen von Pyrotechnik in der aktuellen Form in Stadien nicht zu. Aber wenn man über etwas spricht, dann sollte man auch die Vorschläge der Gesprächspartner kennen bevor man stur auf seinem Standpunkt beharrt.
Dieses Verständnis ist jedenfalls notwendig, wenn man wie Wendt fordert, dass Gespräche auf einer gemeinsamen Basis geschehen sollen und die Ergebnisse die dabei heraus kommen akzeptiert werden müssen. Vermutlich geht es nur über einen lokalen Dialog. Das sieht auch Wendt so und erkennt später auch, das eine allgemeine Fan-Charta die von Fanclubs unterschrieben werden soll „Gaga“ ist. Jäger jedenfalls beschäftigt sich weiterhin mit der Frage: Wie bekommt man es hin, dass die klare Linie konsequent durchgehalten wird, worauf sich Lau erneut aufgerufen fühlt zu betonen, dass zu Anfang Gespräche mit den Fans stehen müssen. Jäger sieht in szenekundigen Beamten schon den Versuch von Gesprächen. Erneut ein Beispiel dafür, dass man die eigene Strategie wohl falsch einschätzt.


Um was geht es eigentlich?

Nach Rund einer halben Stunde ist es Jakob der Bewegung in die Runde bringt, indem er feststellt, warum wir aktuell diese Diskussion haben. Er sieht den Fußball von Seiten der Politik und Polizei unter Druck gesetzt. Der Grund: Geld – Wer bezahlt die Sicherheit?
Was folgt ist eine Auseinandersetzung welche Maßnahmen sinnvoll sind. Werden Stadionverbote von Vereinen überhaupt konsequent umgesetzt? Lau berichtet von Erfahrung mit Mandanten, Wendt möchte dies nicht so recht glauben und sieht darin ein Argument für personalisierte Tickets und ignoriert dabei die Argumente von Jakob: Stadionverbotler halten sich eben nicht im Stadion auf sondern im Umfeld. Abgesehen davon sei Gewalt (Pyro ausgenommen) kein Problem im Stadion, sondern eben in jenem Umfeld oder auf An- und Abreisewegen. Jakob macht jedenfalls den Eindruck als verstehe er die Forderungen nach neue Maßnahmen nicht. Er sieht jetzt schon genug Möglichkeiten für die Polizei, Gewalttäter zu sanktionieren. Und auch Lau hält der Polizei vor, dass diese die notwendige Arbeit scheut und die Verantwortung auf die Verein abwälzt indem die Vergabe von Stadionverboten schon mit Eröffnung von Ermittlungsverfahren empfohlen werde. Den Vereinen bleibt dann oftmals keine andere Wahl, auch wenn nach Ansicht der AG Fananwälte diese Praxis rechtlich bedenklich ist.

In der Phase wo es interessant zu werden scheint, läuft leider die Zeit davon und Dinge wie „länderübergreifende Linie der Polizei“ oder Sinnhaftigkeit von Maßnahmen die Stadionbesucher betreffen kommen zu kurz oder werden gar nicht behandelt.

Zum Abschluss fordert Jäger die Vereine auf, ein Teil der über 600 Millionen Euro Mehreinnahmen aus TV Geldern in die Sicherheit zu investieren. Überhaupt wurde Jäger nicht müde die Vereine in die Verantwortung zu nehmen. Wendt sieht im DFL Papier viele kluge Sachen die in den letzten Tagen in Medien übertrieben dargestellt wurden und damit Pfeffer in die Diskussion kam. Die Vollkörper-Kontrolle sei doch nur in Einzelfällen vorgesehen. Jakob sieht ebenfalls eine unnötige Hysterie in der Debatte der letzten Jahre, meinte aber im Gegensatz zu Wendt mit Sicherheit nicht Prügel für das DFL Papier.

Was am Ende bleibt?

Wie gesagt, die Debatte war insgesamt sehr unaufgeregt. Das lag zum einen daran das sie sehr sachlich geführt wurde und auf den Show-.Anteil einer Talkshow verzichtete, zum Anderen aber auch an der Zusammensetzung der Runde. Jäger und Wendt waren sich sowieso einig und Lau tat gut daran das zu wiederholen was die aktiven Fans seit Wochen fordern: Endlich in den Dialog einsteigen. Überraschend für mich war Kicker-Redakteur Jakob der als "neutraler" das ganze sehr sachlich beurteilte und mit der Aussage, dass es letztlich nicht um gestiegene Gewalt sondern ums Geld geht, eigentlich für weiteres Diskussionsmaterial sorgte. Aber Zeit und das Fehlen von Vereins/Verbandsvetretern machten hier ein Strich durch die Rechnung. Letzteres vielleicht doch ganz gut.

Neue Argumente, die eine Verschärfung von Sicherheitsbestimmungen im Stadion begründen, gab es keine. Vielmehr sollte es darum gehen, ein Konsens darüber zu finden was man darf und was nicht. Diesen zu finden wird die Herausforderung in der Zukunft. Ob es der richtige Weg ist, ein Maßnahmenpaket auf Druck von Politik und Polizei voranzutreiben, ist zu bezweifeln. Der erste Schritt sollte der von Lau geforderte Dialog mit den Fans auf Augenhöhe sein Dafür können innovative Ideen die Basis bieten. So zum Beispiel die Idee den Gästebereich in die Verantwortung des Gästevereins zu übergeben um damit bei Auswärtsspielen viel Konfliktpotential nehmen. Wer sich wie zu Hause fühlt, benimmt sich vielleicht auch wie zu Hause.
Andersrum tut es der Fanszene gut, sich von einer Protesthaltungen zu lösen. „Für den Erhalt von Fankultur“ zu sein, ist positiver zu bewerten als „Gegen alle Stadionverbote“ zu brüllen
Auch sollten DFB und DFL einsehen, dass man einen Konsens nur erreichen kann, wenn man den Fanvertretern auf Augenhöhe begegnet. Besteht weiterhin der Bedarf an „Kommunikationsherrschaft“, wird sich wenig bewegen.
Und Politik und Polizei sollten sich überlegen, wie man dem Gesellschaftsproblem Gewalt begegnet. Und das bitte ohne den Fußball als Versuchsfeld zu missbrauchen.

Sendung verpasst? Dann einfach nochmal hier anschauen 

Christoph Burr

Projektleiter FANKULTUR.COM

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