Die Schalker Konzernbilanz 2012, Zeile für Zeile
Am 15. April 2013 veröffentlichte der FC Schalke 04 zum dritten Mal einen Konzerngeschäftsbericht. Die nackten Zahlen: eine Bilanzsumme von rund 251 Millionen Euro, ein Konzernumsatz von 190,8 Millionen, ein Jahresfehlbetrag von 8,9 Millionen – und ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag, der damit auf 75,7 Millionen Euro anwuchs.
Warum die Berichterstattung sich glich
Die Presse reagierte sofort, und die Artikel unterschieden sich fast nur in den Überschriften: Einige stellten das Minus von 8,9 Millionen heraus, andere die 86 Millionen für den Kader, wieder andere sprachen von einer Bilanz mit Augenmaß. Inhaltlich gaben sie weitgehend dieselbe Medieninformation des Vereins wieder, mit denselben Kennzahlen in derselben Reihenfolge.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Redaktionen, sondern eine Beobachtung über Bilanzen: Wer EBITDA, EBIT und Verbindlichkeitsposten nicht täglich liest, übernimmt die Gliederung der Pressemitteilung – und übernimmt damit auch, was sie auslässt.
Der Umsatz und der eine Transfer
190,8 Millionen Euro Umsatz stehen 224,2 Millionen des Vorjahres gegenüber, ein deutlicher Rückgang. Die Erklärung des Vereins trifft zu: 2011 enthielt einen Transfererlös in der Größenordnung des Wechsels von Manuel Neuer zum FC Bayern, 2012 keinen vergleichbaren. Und auch mit dem gesunkenen Wert gehörte der Klub zu den 15 umsatzstärksten der Welt.
Interessanter ist, was daraus für die Bewertung folgt. Wenn ein Rekordumsatz einen einzelnen Transfer braucht, ist er keine Kennzahl des laufenden Geschäfts, sondern ein Ereignis. Die Frage, ob ein Verein wirtschaftlich arbeitet, entscheidet sich am Umsatz ohne solche Erlöse.
Der Verlust und das Dach
Der Jahresfehlbetrag von 8,9 Millionen Euro folgte auf einen Überschuss von 4,9 Millionen. Als wesentliche Ursache nannte der Bericht außerordentliche Aufwendungen von 6,6 Millionen Euro, vor allem für die Sanierung des Arenadachs.
Auch das ist zutreffend und beantwortet die Frage nicht ganz. Rechnet man die 6,6 Millionen heraus, bleibt in einer Saison mit dem dritten Tabellenplatz, einem Europa-League-Viertelfinale und einer ungeschlagenen Champions-League-Vorrunde ein Minus von rund zweieinhalb Millionen Euro. Und das Rekordvorjahr wäre ohne den Transfererlös ebenfalls negativ gewesen. Zwei sportlich sehr gute Jahre ergaben also operativ kein Plus.
Die Verbindlichkeiten, und ein Zieldatum
Hier zeigt der Bericht die Bewegung, die er zeigen will: Die Finanzverbindlichkeiten sanken um 11,7 Millionen auf 173,1 Millionen Euro, die Gesamtverbindlichkeiten um 14,2 Millionen auf 217 Millionen. Der Finanzvorstand Peter Peters nannte als Ziel, 2022 oder 2023 schuldenfrei zu sein.
Ein Zieldatum ist der Teil einer Bilanzvorstellung, der sich am leichtesten überprüfen lässt – und in Gelsenkirchen gab es einen Vergleichsfall: 2008 war die Ankündigung zu hören, die Arena sei 2015 abbezahlt. Wer eine Schuldenprognose bewerten will, liest deshalb zuerst die vorige.
Was in der Pressemitteilung nicht vorkam
Zwei Posten fehlten in der Zusammenfassung. Der erste ist das negative Eigenkapital von über 75 Millionen Euro – der Betrag, um den die Schulden das Vermögen übersteigen. Der zweite ergibt sich aus der Kombination: Bei guten bis sehr guten Umsätzen war das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit negativ. Das verweist auf die Ausgabenseite.
Dort standen Personalaufwendungen von 98,5 Millionen Euro, davon nach Vereinsangaben 86,5 Millionen für den Lizenzspielerbereich. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang um 1,4 Millionen Euro, also um 1,4 Prozent – nach Ankündigungen, die deutlicher geklungen hatten. Aus den Halbjahreszahlen von 50,6 Millionen folgt, dass das zweite Halbjahr 2012 bei 47,9 Millionen lag; die Richtung stimmt, das Tempo nicht.
Der Bericht selbst schob den Effekt nach vorn: Die vollständige Wirkung der Kaderverkleinerung werde sich wegen Vertragsauflösungen und Abfindungen erst 2013 zeigen. Im Jahr davor hatte an derselben Stelle gestanden, solche Maßnahmen belasteten den Etat 2011, würden den Verein langfristig aber erheblich entlasten. Als Weg nannte der Finanzvorstand, die Kosten „nicht über Qualität, sondern über Quantität“ zu senken – bei einem Kader von 26 Spielern und drei Wettbewerben ist das eine engere Vorgabe, als sie klingt.
Wie man eine solche Bilanz liest
Drei Fragen tragen weiter als jede Einzelzahl. Erstens: Wie sieht das Ergebnis ohne Transfererlöse aus? Zweitens: Wie hat sich das Eigenkapital entwickelt, nicht die Verbindlichkeiten? Drittens: Was ist aus der Prognose des Vorjahres geworden? Wer diese drei Zeilen nebeneinanderlegt, kommt einem Verein näher als über EBITDA – und braucht dafür nichts als den veröffentlichten Bericht.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWie hoch war der Verlust 2012?
8,9 Millionen Euro, nach einem Überschuss von 4,9 Millionen Euro im Jahr davor. Der Verein führte als wesentliche Ursache außerordentliche Aufwendungen von 6,6 Millionen Euro an, vor allem für die Sanierung des Arenadachs.
Warum sank der Umsatz?
Von 224,2 auf 190,8 Millionen Euro, weil 2011 ein Transfererlös in der Größenordnung des Wechsels von Manuel Neuer zum FC Bayern enthalten war und 2012 kein vergleichbarer. Auch mit dem gesunkenen Wert lag der Klub unter den 15 umsatzstärksten der Welt.
Was heißt „nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag“?
Dass die Schulden das Vermögen übersteigen – das Eigenkapital ist negativ. Ende 2012 betrug dieser Posten 75,7 Millionen Euro. Bei einem Verein führt das nicht automatisch zur Insolvenz, solange die Zahlungsfähigkeit gesichert ist; in der Pressemitteilung zum Bericht kam die Zahl nicht vor.
Wie hoch waren die Schulden?
Die Finanzverbindlichkeiten, also die verzinslichen, sanken um 11,7 auf 173,1 Millionen Euro; die Gesamtverbindlichkeiten um 14,2 auf 217 Millionen Euro. Als Ziel nannte der Finanzvorstand Schuldenfreiheit im Jahr 2022 oder 2023.
Was sagen EBITDA und EBIT aus?
Sie rechnen Steuern, Zinsen und Abschreibungen heraus, um Ergebnisse vergleichbar zu machen – 2012 lagen sie bei 40,8 und 8,8 Millionen Euro. Isoliert taugen sie wenig: Bei einem Klub mit rund 32 Millionen Euro Abschreibungen und hohen Zinslasten ist ein positives EBITDA die Voraussetzung des Betriebs und kein Erfolgsnachweis.