FankulturDokumentation · Deutschland
Gespräch

Gesammelte Erinnerungen

Vereinsgeschichte wird üblicherweise von oben geschrieben: Titel, Trainer, Transfers, Bilanzen. Was daneben passiert – der Weg zum Stadion, der Platz auf der Tribüne, das Gespräch nach dem Spiel – hinterlässt keine Quelle, weil niemand es aufschreibt.

Das Projekt

Der Autor Matthias Berghöfer sammelte ab etwa 2010 Geschichten, die mit dem FC Schalke 04 zu tun haben, und veröffentlichte sie in der Reihe „1904 Geschichten“. Der erste Band war beim Fachblatt als Fußballbuch des Jahres 2012 nominiert; der zweite erschien im Sommer 2012 und war der Anlass des Gesprächs, das auf dieser Domain geführt wurde.

Mitmachen konnte jeder, ausdrücklich auch Anhänger anderer Vereine, und die Bandbreite war nicht eingeschränkt. Eingesammelt wurde also nicht das Beste, sondern das Vorhandene.

Der Anlass war ein Konflikt

Nach Darstellung des Autors ging das Projekt auf den Herbst 2010 zurück – eine Phase, in der beim Verein Grundlegendes in Frage stand: Finanzen, aber vor allem der Umgang miteinander und die Frage, was den Klub ausmacht.

Das ist der interessante Teil. Eine Erinnerungssammlung entsteht nicht aus Nostalgie, sondern in dem Moment, in dem jemand befürchtet, dass etwas verschwindet. Sie ist damit eine Reaktion auf eine Vereinskrise, nicht ihr Gegenteil.

Die Vorbilder

Zwei werden im Gespräch genannt, und beide sind für die Form aufschlussreich. Tom Watt befragte anlässlich des Abrisses einer legendären Tribüne im Londoner Highbury Anhänger von Arsenal nach ihren Erinnerungen und machte daraus ein Buch. Und während des Kulturhauptstadtjahrs 2010 begann der Betreiber eines Duisburger Blogs auf der für den Verkehr gesperrten A40, das „Fan-Gedächtnis“ des MSV Duisburg aufzubauen.

Beide Projekte haben denselben Auslöser: einen Abriss, eine Umbauphase, ein einmaliges Ereignis. Erinnerungen werden gesammelt, wenn der Ort, an dem sie entstanden sind, sich verändert.

Warum das für ein Archiv zählt

Solche Sammlungen sind für die spätere Betrachtung die dichteste Quelle, die es gibt, und die am schlechtesten gesicherte. Ein Vereinsarchiv bewahrt Protokolle und Verträge; die Erzählungen der Leute auf der Tribüne bewahrt niemand, wenn sie nicht jemand einmal aufschreibt.

Genau deshalb steht dieses Gespräch hier. Nicht wegen des Buches, das im Handel ist, sondern wegen der Methode: Ein Aufruf, eine E-Mail-Adresse, keine Auswahlkriterien – und daraus entsteht ein Bestand, den keine Redaktion hätte recherchieren können.

Niedrige Voraussetzung, Wirkung nur über Beteiligung

Die Voraussetzung ist niedrigschwellig und die Wirkung hängt allein an der Beteiligung. Wer heute ein solches Projekt anfängt, braucht keinen Verlag und keine Genehmigung des Vereins – er braucht Leute, die schreiben, und einen Anlass, der ihnen zeigt, dass es dringend ist.

Der Anlass ist in fast jeder Fanszene vorhanden: ein Umbau, ein Namenswechsel, eine Insolvenz, ein Abstieg. Aufgeschrieben wird trotzdem selten etwas – und das ist der Grund, aus dem über die Kurven der neunziger Jahre heute fast nur Anekdoten existieren.