Die Boyz und der Express
Im Februar 2014 berichtete das Online-Portal einer Kölner Boulevardzeitung, Styroporplatten mit dem Namen einer örtlichen Ultragruppe hätten an einer Autobahnbrücke gehangen, drohten herunterzustürzen und seien deshalb am Morgen entfernt worden. Der Bericht ordnete den Vorgang ein: Offenbar wolle die Gruppe ihr Revier abstecken.
Die Antwort
Wenige Tage später hing an derselben Stelle in weißer Schrift auf rotem Grund der Name der Zeitung. Die Gruppe veröffentlichte dazu zwei Fotos und einen Text, dessen Überschrift die der Zeitung übernahm – mit dem Namen der Zeitung an der Stelle, an der zuvor ihr eigener gestanden hatte.
Der Text selbst folgte demselben Verfahren: dieselben Formulierungen, dieselbe Beweisführung, dieselben Andeutungen aus Insiderkreisen – nur auf die Redaktion angewandt. Was im Original nach Recherche klang, klang in der Kopie nach Behauptung, und genau darin lag der Nachweis.
Warum diese Form wirkt
Sie ist die einzige Erwiderung, die eine Fanszene gegen eine Zeitung führen kann und die nicht nach Beschwerde klingt. Eine Gegendarstellung erreicht die Leser des Originals nicht; eine Empörung bestätigt das Bild. Eine wörtliche Umkehrung nimmt dagegen die Sprache selbst zum Gegenstand und funktioniert ohne jede Behauptung über die Redaktion – sie zeigt nur, wie der Text aussieht, wenn er über jemand anders geschrieben wird.
Der Teil, der nicht komisch ist
Der Bericht der Zeitung enthielt einen zweiten Satz, der aus Polizeikreisen zitiert wurde: Die Gruppe solle auch an einer Auseinandersetzung in der Kölner Innenstadt einige Wochen zuvor beteiligt gewesen sein, und man habe es sich nicht bieten lassen wollen.
Damit standen in einem Artikel über eine Verkehrsgefährdung eine unbewiesene Zuschreibung und ein Motiv für behördliches Handeln, das nichts mit Verkehrssicherheit zu tun hat. Ob die Zuschreibung zutraf, ist nie geklärt worden; ein Verfahren dazu ist nicht bekannt. Sie steht hier als das, was sie war – eine Aussage aus Polizeikreisen in einem Zeitungsbericht.
Was der Vorgang über die Berichterstattung sagt
Er zeigt die Mechanik, gegen die sich der Vorwurf der Fanszenen in diesen Jahren richtete: Ein Vorgang ohne Verletzte und ohne Sachschaden wird über die Verbindung zu einer zurückliegenden Auseinandersetzung aufgeladen, ein Motiv wird aus ungenannten Quellen mitgeliefert, und die Wertung steckt in der Bezeichnung der Beteiligten.
Genau diese Mechanik ist in dieser Sammlung mehrfach dokumentiert. Neu ist hier nur die Erwiderung: nicht eine Beschwerde über den Ton, sondern derselbe Ton, zurückgegeben.
Was offenbleibt
Über die Ausrichtung der Gruppe enthält der Vorgang keine Aussage, und es wird hier keine getroffen. Dokumentiert ist ein Streit über Berichterstattung, geführt mit Styropor an einer Eisenbahnbrücke und mit einem Text, der sich selbst zitiert – und der als Beleg dafür taugt, dass Kölner Ultras 2014 die Sprache der Zeitungen genauer gelesen haben als umgekehrt.
Warum Schriftzüge an Brücken
Die Praxis ist in fast allen deutschen Fanszenen verbreitet und älter als die Ultrabewegung: Gruppennamen an Brücken, Unterführungen und Lärmschutzwänden entlang der Ausfallstraßen, mit Farbe oder – wie in diesem Fall – als aufgeklebte Buchstaben.
Der Sinn ist nicht Vandalismus, sondern Sichtbarkeit an der Stelle, an der gegnerische Auswärtsfahrer vorbeikommen. Ein Schriftzug an einer Autobahnbrücke wird von jedem Bus gelesen, der in die Stadt einfährt, und wird von der Gegenseite gelegentlich übermalt – womit er zugleich die Funktion einer Grenzmarkierung erfüllt, die der Zeitungsbericht mit dem Wort Revier ansprach.
Ordnungsrechtlich ist die Sache unstreitig: Lose Platten über einer Fahrbahn sind eine Gefahr und werden entfernt, unabhängig davon, was auf ihnen steht. Genau daran hing der Widerspruch der Gruppe – nicht an der Entfernung, sondern an der Erzählung, die der Bericht darum baute.
Der Streit lief weiter
Dass eine Kölner Ultragruppe und die örtliche Boulevardzeitung im Konflikt standen, war 2014 keine Neuigkeit; der Text der Gruppe verwies selbst darauf, dass über die Kölner Fanszene seit längerem Artikel erschienen, die sie für unzureichend recherchiert hielt.
Der bemerkenswerte Teil ist deshalb nicht der Vorwurf, sondern seine Form. Wer ein Blatt für schlecht recherchiert hält, kann das behaupten – oder er kann dessen eigenen Artikel mit vertauschten Rollen veröffentlichen und die Beweislast damit an den Text zurückgeben. Diese zweite Möglichkeit steht jeder Fanszene offen und wird selten genutzt.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas war der Anlass?
Ein Bericht des Online-Portals einer Kölner Boulevardzeitung im Februar 2014, wonach Styroporplatten mit dem Namen einer Kölner Ultragruppe von einer Autobahnbrücke zu stürzen drohten und deshalb entfernt wurden – verbunden mit dem Hinweis, die Gruppe wolle ihr Revier abstecken.
Wie reagierte die Gruppe?
Sie brachte an derselben Stelle den Namen der Zeitung an und veröffentlichte auf ihrer Seite zwei Fotos sowie den Artikel in umgeschriebener Form, mit vertauschten Rollen und derselben Überschriftenmechanik.
Ist damit etwas über die Ausrichtung der Gruppe gesagt?
Nein. Der Vorgang betrifft eine Auseinandersetzung über Berichterstattung. Über die politische Ausrichtung der Gruppe enthält er keine Aussage, und hier wird keine getroffen.