Wie eine Blockfahne in den fremden Block kommt
Beim Heimspiel gegen Werder Bremen feierte der 1. FSV Mainz 05 im Frühjahr 2013 sein 108-jähriges Vereinsbestehen. Die eigene Kurve hatte dafür eine Choreografie vorbereitet und führte sie zum Anpfiff durch – und enthüllte dabei unfreiwillig eine eingeschmuggelte Blockfahne einer Frankfurter Gruppierung, mit einer Botschaft, die nicht zum Anlass passte.
Warum das funktioniert
Der Vorgang wirkt wie ein Kunststück und ist eine logistische Folge. Eine Ganzstadionchoreografie besteht aus Material, das vor dem Spiel in den Block gebracht und dort auf die Plätze verteilt wird: Folien, Papptafeln, Fahnen, jeweils mit einer Anweisung, wann was hochgehalten oder entrollt wird.
Entscheidend ist, dass die Ausführenden nicht sehen, was sie halten. Wer eine Blockfahne entrollt, blickt auf ihre Rückseite; das Bild entsteht für die anderen drei Tribünen und für die Kamera. Eine ausgetauschte oder zusätzlich eingebrachte Fahne fällt deshalb im eigenen Block zuletzt auf – und wenn sie auffällt, läuft die Aktion bereits.
Was daran verletzend ist
Aus Sicht der betroffenen Kurve ist der Schaden nicht das fremde Transparent, sondern die eigene Beteiligung daran. Eine Choreografie ist die aufwendigste Form, in der eine Fanszene etwas ausdrückt: Wochen Vorbereitung, Materialkosten, Absprachen mit dem Verein zu Brandschutz und Sichtlinien, dazu Helfer, die vor dem Spiel im Block arbeiten statt es zu sehen.
Wird dieses Bild in dem Moment gestört, in dem es entsteht, ist die Arbeit nicht beschädigt, sondern umgedreht. Deshalb gilt ein solcher Eingriff in Kurven als schwerer Übergriff, während er von außen wie ein Streich aussieht – und deshalb sind Materialsicherung und Zutrittskontrolle zum eigenen Block bei Choreografien inzwischen Standard.
Die Vorgeschichte, die dazugehört
Zwischen den Fanszenen dieser beiden Vereine besteht eine ausgeprägte Rivalität, und Aktionen dieser Art sind in ihr keine Ausnahme. Was den Fall über den Tag hinaus interessant macht, ist deshalb nicht die Feindschaft, sondern die Erkenntnis, wie angreifbar die aufwendigste Ausdrucksform einer Kurve genau dort ist, wo sie am sichtbarsten wird.
Die Aktion war anschließend als Video verbreitet, was zu ihrem Zweck gehört: Eine eingeschmuggelte Fahne wirkt nicht im Stadion, sondern in der Aufnahme davon.
Was eine Kurve daraus lernt
Der Aufwand hinter einer Blockfahne ist erheblich: Entwurf, Stoff, Farbe, Wochen an Arbeit in einer angemieteten Halle, Transport, Absprachen mit dem Ordnungsdienst über Größe und Brandschutz. Der Schutz davor ist demgegenüber gering – Material lagert in Räumen, zu denen viele Zugang haben, und am Spieltag wird es von Leuten getragen, die niemand einzeln kennt.
Deshalb verändert ein einzelner erfolgreicher Zugriff die Organisation dauerhaft. Zugang zu Lagerräumen wird beschränkt, Choreografien werden erst kurz vor dem Anpfiff angekündigt, und die Zahl der Personen, die den Ablauf kennen, wird bewusst kleingehalten.
Damit ist die Aktion in ihrer Wirkung genau das Gegenteil dessen, was sie zu sein behauptete. Sie hat keine Choreografie verhindert, sondern die Gegenseite gezwungen, ihre Abläufe zu professionalisieren – und jede spätere Choreografie in diesem Stadion war schwerer zu erreichen als die, die gestört wurde.