FankulturDokumentation · Deutschland
Osterdeich-Schnack

Dreihundert Freiwillige und ein Schneefeld

Am zweiten Adventssonntag 2012 fuhr ein Bremer Anhänger spontan nach Hamburg, weil sein eigener Verein am Abend zuvor gespielt hatte und alle Amateurspiele im Umland abgesagt waren. Am Millerntor spielte der FC St. Pauli gegen Erzgebirge Aue; die Gäste gewannen 3:0.

Der Bericht ist die Innensicht eines Auswärtigen, der zum ersten Mal dort war – und er enthält eine Angabe, die den Nachmittag erklärt.

Warum überhaupt gespielt wurde

Am Vormittag lagen nach Auskunft eines Stadionbesuchers noch 30 Zentimeter Schnee auf dem Rasen. Dass am Abend angepfiffen werden konnte, lag an rund 300 Freiwilligen, die zusammen mit der Mannschaft geräumt hatten.

Das ist die belastbarste Beobachtung des Textes und eine, die in keiner Spielstatistik auftaucht. Ein Spielausfall kostet einen Zweitligisten Einnahmen und einen Nachholtermin; dass er verhindert wird, weil dreihundert Menschen an einem Sonntagmorgen Schnee schippen, ist eine Leistung der Anhängerschaft und wird als solche nirgends verbucht.

Dieselbe Form von Eigenarbeit ist in dieser Sammlung an anderer Stelle dokumentiert: Beim Umbau eines Stadions in Berlin haben Mitglieder und Anhänger in großem Umfang selbst gebaut.

Was der Zustand des Rasens bewirkte

Der Bericht vergleicht das Spiel mit einer bekannten Wasserschlacht der Fußballgeschichte: Bodenkontakte erzeugten Schlammspritzer, und ein Fußballleckerbissen war es nicht. Die Gäste kamen mit dem Untergrund besser zurecht und gewannen nach Einschätzung des Autors verdient.

Das ist die Kehrseite der Räumaktion, und sie wird selten mitgedacht: Ein geräumter Rasen ist nicht ein bespielbarer. Was die dreihundert Freiwilligen ermöglicht haben, war ein Spiel, das sportlich kaum stattfand – und trotzdem war es das, worum es ging.

Die Tribüne

Der Autor schreibt, er habe selten eine Haupttribüne erlebt, die ein Spiel so lautstark und leidenschaftlich verfolgt habe: gebrüllt, geschrien und geflucht im örtlichen Dialekt, in einer Lautstärke, die ihm das Trommelfell trieb. Und er zieht daraus den Schluss, dass man davon in seiner eigenen Stadt etwas lernen könne.

Bemerkenswert ist, wo er das hört. Nicht in der Kurve, sondern auf der Haupttribüne – dem Bereich, der in Sicherheitsdebatten als das ruhige Gegenstück zur Kurve gilt und in den Umbauplänen jener Jahre als Vorbild vorkam.

Die Rivalität als Rahmen

Der Text arbeitet mit dem Bild der verbotenen Stadt: Ein Bremer allein in Hamburg, eine neutrale Zone, ein Klingelton mit dem eigenen Vereinslied, der in der S-Bahn losgeht und Blicke auf sich zieht.

Unter dem Beitrag steht dazu die naheliegende Frage eines Lesers – warum er Hamburg als verbotene Stadt und sich selbst als gefährdet sehe, er laufe dort im Urlaub dauernd im Vereinstrikot herum.

Dieser Einwand ist der Grund, aus dem der Beitrag hier steht. Die Rivalität, die er beschreibt, gilt gegen einen anderen Hamburger Verein und nicht gegen die Stadt; und der Verein, den er besucht hat, ist für Bremer Anhänger seit Jahrzehnten kein Feindbild. Der Text weiß das und spielt trotzdem mit der Gefahr – was über die Selbstinszenierung von Rivalität mehr aussagt als über die Rivalität.

Der Vorfall, den er festhält

Ein einzelner Bengalo, von den Gästefans nach dem zweiten Tor gezündet, den der Autor als klein und verloren wirkend beschreibt. Ansonsten habe er sich im Stadion mit Abstand am sichersten gefühlt.

Diese Bilanz – ein Pyrotechnikgegenstand, ein durchweg sicheres Gefühl, 3:0 für die Gäste, Schneematsch – stammt aus derselben Woche, in der über das Sicherheitspapier abgestimmt wurde. Zwei Tage später fiel die Entscheidung, deren Folgen diese Sammlung an vielen Stellen dokumentiert.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Um welches Spiel geht es?

Um das Zweitligaspiel des FC St. Pauli gegen Erzgebirge Aue am 9. Dezember 2012, das die Gäste mit 3:0 gewannen.

Warum konnte gespielt werden?

Weil nach Auskunft eines Stadionbesuchers am Vormittag noch 30 Zentimeter Schnee auf dem Rasen lagen und rund 300 Freiwillige zusammen mit der Mannschaft geräumt hatten.

Was schreibt der Bericht über die Stimmung?

Dass er selten eine Haupttribüne erlebt habe, die ein Spiel so lautstark verfolgte – und dass man davon in seiner eigenen Stadt etwas lernen könne.