Bestandsaufnahme in der ärmsten Stadt
Kaiserslautern galt im Winter 2012 als die Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland – sie hatte damit Oberhausen abgelöst. In derselben Stadt steht ein Verein, für dessen Anhänger sie aus einem anderen Grund die reichste ist: weil kaum eine deutsche Stadt über einen so langen Zeitraum so viel Identifikation aus einem Fußballklub zieht.
Die Diagnose
Sportlich gab es zu diesem Zeitpunkt wenig zu klagen: nach 19 Spieltagen der zweiten Liga 32 Punkte und der dritte Tabellenplatz, mit realistischer Aussicht auf den Relegationsrang. Die Bestandsaufnahme, die im Dezember 2012 geschrieben wurde, kam trotzdem zu einem anderen Befund – die Begeisterung flackere nur noch, und der Verein zehre von seiner Vergangenheit statt aus der Gegenwart.
Das ist eine Beobachtung, die sich mit Tabellenplätzen nicht widerlegen lässt, und genau deshalb gehört sie in eine Sammlung über Fankultur: Sie beschreibt das Verhältnis zwischen einer Stadt und ihrem Verein, nicht die Leistung einer Mannschaft.
Warum Identifikation und Erfolg auseinanderlaufen
Bei einem Verein wie diesem hängt die Bindung an einer Erzählung, die Jahrzehnte zurückreicht – Meisterschaften, ein Stadion auf einem Berg über der Stadt, ein Weltmeister als Namensgeber. Eine solche Erzählung trägt durch schlechte Jahre und macht gute Jahre gleichzeitig schwerer: Ein dritter Platz in der zweiten Liga ist kein Anlass für Euphorie, wenn der Maßstab woanders liegt.
Daraus entsteht die Lage, die der Text beschreibt. Nicht Enttäuschung über Ergebnisse, sondern das Ausbleiben dessen, was ein Spieltag in dieser Stadt sonst auslöst – und die Frage, ob der Verein in seiner damaligen Form noch jemanden mitreißen kann, der die guten Jahre nicht erlebt hat.
Was die Zahlen der Stadt damit zu tun haben
Die Verschuldung der Stadt ist in diesem Zusammenhang keine Randnotiz. In einer Region mit wenig wirtschaftlicher Perspektive ist ein Verein häufiger als anderswo der einzige Grund, aus dem über den Ort in der Bundesrepublik gesprochen wird – was seine Bedeutung erhöht und seine Fehler schwerer verzeihlich macht.
Genau das erklärt die Tonlage solcher Bestandsaufnahmen. Wer über einen Verein schreibt, dessen Stadt die höchste Pro-Kopf-Verschuldung des Landes trägt, schreibt nicht über einen Freizeitbetrieb, sondern über das größte Gemeinschaftsprojekt am Ort.
Relegationsplatz und das Duell mit dem Gegenmodell
Die Saison endete mit dem Relegationsplatz und dem Duell gegen einen Gegner, den die Kaiserslauterer Seite als Gegenmodell verstand (Alte gegen neue Welt). Die Relegation ging verloren, der Verein blieb in der zweiten Liga – und die Frage, ob die Flamme flackert oder brennt, wurde in den Jahren danach mehrfach neu gestellt.
Was aus dem Verein wurde
Die Bestandsaufnahme von 2013 liest sich heute als früher Befund. Der Verein blieb zunächst zweitklassig, stieg 2018 in die 3. Liga ab, durchlief 2020 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung und kehrte 2022 über die Relegation in die 2. Bundesliga zurück.
Die Zuschauerzahlen sind in dieser ganzen Zeit nicht eingebrochen – auch in der dritten Liga blieb der Verein einer der bestbesuchten Klubs des deutschen Fußballs unterhalb der Bundesliga. Damit ist die Frage, die der Text 2013 aufwarf, faktisch beantwortet: Die Bindung an den Verein hing nicht an der Spielklasse.
Für die Stadt änderte das nichts. Die Pro-Kopf-Verschuldung blieb über die gesamte Zeit unter den höchsten in Deutschland, und die Debatte über Stadionmiete und Bürgschaften wurde in jeder Krise des Vereins erneut geführt.