Was Fans von ihren eigenen Spielern erwarten
Es gibt eine Sorte Ärger, die Anhänger nicht gegen den Gegner richten, nicht gegen den Schiedsrichter und nicht gegen den Verband, sondern gegen die eigene Mannschaft – und zwar nicht wegen eines Ergebnisses. Ein 0:0 zwischen dem MSV Duisburg und dem 1. FC Kaiserslautern im Februar 2013 ist dafür ein brauchbares Beispiel.
Das Gegenbild aus Spanien
Der Vergleich, der in dieser Debatte gezogen wurde, stammt aus dem Halbfinale der Copa del Rey zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid. In der 68. Minute flog ein Feuerzeug aufs Feld. Ein Verteidiger hob es auf und machte sich damit auf den Weg zum Schiedsrichter – mit der erkennbaren Absicht, dem Gegner daraus einen Nachteil zu verschaffen.
Der Kapitän der eigenen Mannschaft schritt ein, nahm ihm das Feuerzeug aus der Hand, warf es ins Toraus und wies seinen Mitspieler an, sich auf das Spiel zu konzentrieren. Das ist eine Handlung von drei Sekunden Dauer, und sie beschreibt eine Erwartung genauer als jede Erklärung: dass ein Spieler das Verhalten fremder Zuschauer nicht instrumentalisiert.
Was in Duisburg passierte
Der Abend an der Wedau lief in die andere Richtung. Zwei Spieler gerieten am Boden aneinander, beide gingen nach geringer Berührung zu Boden. Einer von ihnen fasste sich Minuten später mehrfach an Lippe und Wange, um Verletzungen zu suchen; der andere hatte die Szene provoziert und flog zu Recht vom Platz, ohnehin vorverwarnt.
Später kam der zweite Platzverweis. Ein Angreifer arbeitete darauf hin, der Gegner unterstützte ihn dabei, und der eigene Trainer wechselte statt des sichtbar Rotgefährdeten einen anderen Spieler aus.
Warum Fans darauf empfindlicher reagieren als auf Niederlagen
Ein Platzverweis für den Gegner kann Freude auslösen. Hier war das Gefühl ein anderes, und das ist der Befund: Anhänger, die stundenlang anreisen, verlangen von einer Mannschaft keine Kunst, sondern eine Haltung – Zweikämpfe annehmen, aufstehen, weitermachen. Wer liegen bleibt, um eine Karte zu erwirken, verletzt eine Abmachung, die nie aufgeschrieben wurde und die trotzdem jeder in der Kurve kennt.
Deshalb ist Simulieren in Fanaugen keine Taktik, sondern ein Bruch. Es wird nicht nach dem Ergebnis bewertet, sondern danach, ob man sich mit dem, was auf dem Platz passiert, noch identifizieren kann.
Die Rolle der Übertragung
Ein Teil dieser Empfindlichkeit hängt an der Kamera. Was auf einem Zweitligaplatz in einem Gerangel untergeht, wird in der Wiederholung zur Szene: die Hand am Gesicht, der Blick zum Assistenten, das Nachtreten außerhalb des Bildes. Die Übertragung erzeugt damit erst das Publikum für ein Verhalten, das sich vor der Übertragung nicht gelohnt hätte.
Damit ist auch gesagt, warum solche Beobachtungen in eine Sammlung über Fankultur gehören und nicht in einen Spielbericht. Ein 0:0 ist nach einer Woche vergessen. Die Frage, was Anhänger von einer Mannschaft überhaupt erwarten dürfen, wird jeden Spieltag neu gestellt.