FankulturDokumentation · Deutschland
Alles für den Glubb

Eine Videotext-Umfrage

Zuschauerumfragen im Videotext sind ein Format ohne Erkenntniswert: Sie erzeugen Anrufeinnahmen und ein Ergebnis, das von der Fragestellung abhängt. Ende 2013 stellte ein Sportsender eine, die eine Nürnberger Anhängerin zum Widerspruch brachte.

Sind die Ultras für die sportliche Lage verantwortlich?

Gefragt wurde, ob die Ultras für die sportliche Lage des Vereins verantwortlich seien – bei einer Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt nicht punktete.

Die Verbindung ist frei erfunden, und der Beitrag benennt das mit der einzigen Erwiderung, die eine solche Frage verdient: Wer sich ausdenkt, dass eine Fangruppe für Tabellenplätze verantwortlich ist, kann sich auch alles andere ausdenken.

Warum die Form das Problem ist

Eine Umfrage stellt keine Behauptung auf, sondern setzt eine voraus. Wer fragt, ob die Ultras schuld sind, hat die Möglichkeit, dass sie es sein könnten, schon in die Welt gesetzt – und das Ergebnis, wie es auch ausfällt, wird anschließend als Meinungsbild zitiert.

Das ist derselbe Mechanismus, den ein anderer Beitrag dieser Sammlung als Handwerk offenlegt: aus einem Vorgang ohne Substanz eine Schlagzeile bauen, ohne eine falsche Angabe zu machen (Wie eine Schreckensmeldung gebaut wird). Eine Umfrage ist die billigste Variante davon: Der Sender behauptet nichts, er fragt nur.

Die Zuspitzung, mit der der Beitrag antwortet

Die Gruppe, um die es ging, stand vor ihrem zwanzigjährigen Bestehen. Der Beitrag schlägt vor, sie solle sich danach am besten auflösen und die Stadien der Republik nie wieder betreten – schließlich seien offenbar die Ultras dafür verantwortlich, dass der Verein nur neunmal Deutscher Meister geworden ist.

Die Ironie zielt genau auf den Zeitraum. Die Titel des Vereins liegen überwiegend Jahrzehnte zurück, die Gruppe existierte seit den neunziger Jahren – eine Verantwortung für die Vereinsgeschichte lässt sich schon zeitlich nicht konstruieren.

Was daran über den Sender hinausgeht

Die Frage funktionierte, weil es in dieser Zeit eine verbreitete Erzählung gab, in der Ultras für alles Mögliche verantwortlich waren: für Gewalt, für Kosten, für das Image der Liga. Ein Videotext greift nicht an, er greift auf.

Deshalb ist der Widerspruch aus einer Fanszene mehr als Empörung über eine Anrufumfrage. Er richtet sich gegen die Selbstverständlichkeit, mit der eine Gruppe zum Erklärungsangebot für jedes Problem geworden war.

Was die Verfasserin über Journalismus sagt

Sie zieht die Konsequenz ins Persönliche: Wenn das seriöser Journalismus sei, dürfe sie sich ab heute auch Journalistin nennen – sie habe Fantasie und könne ebenfalls weit hergeholte Vergleiche ziehen.

Das ist der schärfste Satz des Textes und der Grund, aus dem solche Beiträge in dieser Sammlung stehen. Fanmedien sind in diesen Jahren nicht als Konkurrenz zum Sportjournalismus entstanden, sondern als Reaktion darauf – und die Reaktion war regelmäßig treffender als der Anlass.