Platz vier auf einer Liste
Zum Jahreswechsel 2012/13 sorgte eine Liste des Simon Wiesenthal Center für Diskussionen in Deutschland. In der Berichterstattung wurde sie meist als Aufzählung der schlimmsten Judenhasser weltweit beschrieben; im Zentrum der deutschen Debatte stand die Aufnahme eines Journalisten wegen israelfeindlicher Äußerungen.
Auf Platz vier derselben Liste, fünf Plätze davor, stand der Antisemitismus europäischer Fußballfans.
Die Begründung des Zentrums
Sie lautete, das Problem antisemitischer Schmähungen bei Fußballspielen habe bis vor kurzem auf Osteuropa beschränkt geschienen und lebe nun auch in Westeuropa wieder auf. Als gravierendste Fälle wurden Vorgänge um Tottenham Hotspur genannt.
Die Vorgeschichte, die dazugehört
Sie reicht bis in die sechziger Jahre. Viele fußballinteressierte Juden in London favorisierten traditionell den 1882 gegründeten Verein aus dem Norden der Stadt, und gegnerische Anhänger benutzten das seit langem für Schmähungen.
Aus der Abwehr dieser Schmähungen entstand eine Umdeutung: Ein Teil der Anhängerschaft übernahm das antisemitische Schimpfwort als Selbstbezeichnung, schwenkte Israelfahnen im Stadion und machte es zum Bestandteil eigener Gesänge und Aufdrucke – unabhängig davon, ob die Betreffenden selbst jüdisch sind. Die Absicht dahinter war, dem Wort seine Wirkung als Beleidigung zu nehmen.
Die Schmähungen verlagerten sich
Gelöst war damit nichts: Die Schmähungen der Gegenseite verlagerten sich. Der Beitrag beschreibt die Entwicklung: zunächst Anspielungen auf Beschneidung und Essgewohnheiten, dann in zunehmendem Maß Bezüge auf den Holocaust.
Diese Äußerungen werden hier nicht wiedergegeben. Sie sind antisemitisch, sie sind es unabhängig davon, wie sich die betroffene Anhängerschaft selbst nennt, und die Umdeutung eines Wortes durch die Betroffenen entzieht der Gegenseite kein einziges Mittel.
Was an der Platzierung strittig blieb
Zwei Dinge, und beide gehören zur Dokumentation. Erstens die Vermischung: Eine Liste, die einen einzelnen Journalisten und eine europaweite Fangruppe in derselben Rangfolge führt, vergleicht Größen, die nicht vergleichbar sind. Zweitens die Zuordnung: Der Vorgang um Tottenham besteht aus zwei Teilen – der Selbstbezeichnung einer Anhängerschaft und dem Antisemitismus ihrer Gegner –, und eine Sammelbezeichnung wie „Antisemitismus europäischer Fußballfans“ trennt sie nicht.
Bestritten hat der Beitrag den Befund selbst nicht. Antisemitismus in europäischen Stadien war 2012 belegt, in Osteuropa wie in Westeuropa.
Wie die Sache weiterging
Sie ist über Jahre offiziell verhandelt worden. 2013 forderte der englische Verband die Anhänger des Vereins auf, den Ausdruck nicht mehr zu benutzen – er sei für einen verständigen Beobachter beleidigend. Der britische Premierminister widersprach im September 2013 in einem Zeitungsgespräch und unterschied zwischen Selbstbezeichnung und Beleidigung: Strafbar sei Hassrede, wenn sie von Hass motiviert sei.
Ende 2019 begann der Verein eine Befragung seiner Anhänger. Von mehr als 23 000 Antworten erkannten 94 Prozent den Ausdruck als rassistischen Begriff; knapp die Hälfte sprach sich dafür aus, ihn seltener oder nicht mehr zu verwenden. Die Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Schritte veröffentlichte der Klub im Februar 2022.
Im Januar 2020 nahm das Oxford English Dictionary den Begriff in einer neuen Bedeutung auf – als Bezeichnung für Anhänger und Spieler dieses Vereins, mit dem Hinweis, dass er häufig abwertend und beleidigend ist. Der Verein kritisierte die Aufnahme öffentlich.