Ein Sarg in der Kurve
Im Estadio Centenario von Quilmes bei Buenos Aires betraten während eines Reservespiels gegen Unión rund 200 Mitglieder der Gruppierung Los Alamos die Stehplatzgerade – mit einem Sarg. Darin lag der fünfzehnjährige Sohn des Anführers der Gruppe, der wenige Tage zuvor bei einer Verfolgungsfahrt der Polizei tödlich verunglückt war.
Der Vorgang
Der Jugendliche hatte nach den Berichten kurz zuvor ein Paar überfallen und war mit einem Motorrad geflüchtet; bei der Verfolgung kam es zum Frontalzusammenstoß mit einem Streifenwagen. Er starb am Unfallort.
Die Trauerfeier im Stadion war zwischen dem Training der ersten Mannschaft und dem Reservespiel geplant, der Zug kam verspätet und wollte nicht bis zur Halbzeit warten. Einzelne Teilnehmer schossen in die Luft, das Spiel wurde für etwa fünf Minuten unterbrochen. Der Torhüter der Gästereserve, hinter dessen Tor die Gruppe stand, sagte anschließend, ihn habe vor allem der Überraschungsmoment erschreckt; die Leute seien ruhig geblieben, die Aktion friedlich.
Der eigentliche Befund
Er steht in einem Nebensatz: Die Aktion war von der Führungsetage des Klubs autorisiert.
Damit ist das Verhältnis beschrieben, das argentinische Vereine zu ihren Barras haben und das sich mit europäischen Kategorien nicht erfassen lässt. Eine Fangruppe, die einen Leichnam und Schusswaffen in ein Stadion bringt, tut das nicht gegen den Verein, sondern mit seiner Zustimmung – weil der Verein in einer Abhängigkeit steht, die von Ticketkontingenten über Vereinspolitik bis in die Wahlen der Vereinsführung reicht.
Der Fall davor
Es war nicht der erste Sarg in diesem Stadion. Wenige Monate zuvor war ein weiteres Mitglied der Gruppe gestorben; damals brannte eine Polizeiwache im Ort, und die dort gelagerten Schusswaffen verschwanden. Vor dem folgenden Heimspiel verschafften sich rund 70 Mitglieder gewaltsam Zutritt zum Innenraum und trugen den Sarg über den Platz.
Der zweite Fall verlief im Vergleich geordnet – mit Genehmigung, ohne erzwungenen Zutritt, mit einer Spielunterbrechung von fünf Minuten. Genau diese Steigerung ist der Grund, aus dem der Vorgang dokumentiert wird: Was zuerst erzwungen wurde, war beim zweiten Mal bewilligt.
Der Maßstab der hiesigen Debatte
Der Vorgang ordnet den Maßstab der hiesigen Debatte ein. In Deutschland wird über Kollektivstrafen für einen bengalischen Feuerkörper und über Ganzkörperkontrollen am Gästeeingang gestritten; die Formulierung „kriegsähnliche Zustände“ fällt dabei regelmäßig.
Argentinien ist der Vergleichsmaßstab, den diese Formulierung tatsächlich braucht: Gruppen, die Waffen tragen, Todesfälle nach Verfolgungsfahrten, Vergeltung gegen Polizeiwachen – und Vereinsführungen, die genehmigen, was ihnen vorgelegt wird. Wer beides nebeneinanderlegt, kann den deutschen Konflikt weiter für falsch geführt halten, aber nicht mehr für einen Ausnahmezustand.
Was der Bericht nicht tut
Er stilisiert die Gruppe nicht. Der Verstorbene war fünfzehn und starb auf der Flucht nach einem Raubüberfall; das steht in dem Bericht, und es steht hier. Eine Trauerfeier ist nachvollziehbar, die Umstände sind es nicht – und beides zusammen ist die Wirklichkeit, in der argentinische Vereine ihre Entscheidungen treffen.