FankulturDokumentation · Deutschland
Geht's raus und scheibt's Fußball

Vier zu vier und die Schlagzeilen

Am Abend des 16. Oktober 2012 verspielte die deutsche Nationalmannschaft in einem Qualifikationsspiel eine Vier-Tore-Führung und trennte sich 4:4. Der Beitrag am Morgen danach beginnt mit der Feststellung, dass die Sonne tatsächlich wieder aufgegangen ist.

Die Sammlung

Aufgezählt werden die Wörter des Tages: Debakel, Selbstzerstörung, keiner zeigte sich, die Fortsetzung eines Traumas. Der Verfasser räumt ein, dass es keine Meisterleistung ist, eine Führung von vier Toren innerhalb einer halben Stunde herzugeben.

Und dann kommt der Einwand, der den Text trägt: Als ob es das noch nie gegeben hätte. Viele haben so etwas selbst erlebt, in irgendeiner Liga. Das ist Fußball, es gehört dazu, es darf nicht passieren – und es passiert. Genau dafür mag man diesen Sport.

Perspektivwechsel, nicht Beschönigung

Der Text wechselt die Perspektive, ohne die Leistung zu beschönigen. Die Berichterstattung bewertet ein Spiel als Produkt: Erwartung, Abweichung, Verantwortlichkeit. Ein Zuschauer bewertet es als Ereignis, an dem er teilgenommen hat – und ein 4:4 nach 4:0 ist als Ereignis unvergesslich, ganz unabhängig davon, wie es zustande kam.

Diese Doppelung ist der eigentliche Gegenstand der Fanpublizistik dieser Jahre. Sie widerspricht nicht den Fakten, sondern der Selbstverständlichkeit, mit der ein Sportergebnis in eine Katastrophensprache übersetzt wird.

Dieselbe Sprache, dieselben Monate, andere Adressaten

Dieselbe Sprache trifft in denselben Monaten die Zuschauer. Aus Rangeleien am Gästeeingang werden kriegsähnliche Zustände, aus einem bengalischen Feuer eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit – und die Mechanik ist in dieser Sammlung als Bastelanleitung offengelegt.

Ein Beitrag, der dieselbe Zuspitzung an einem Länderspielergebnis vorführt, zeigt, dass sie nicht den Fanszenen vorbehalten ist. Sie ist die Standardtonlage des Betriebs, und sie trifft Spieler, Trainer und Zuschauer gleichermaßen.

Ein Wortspiel auf den Gegner

Der Titel ist ein Wortspiel auf den Gegner des Abends. Solche Titel sind in Fanmedien die Regel und erfüllen einen Zweck: Sie signalisieren, dass hier keine Nachrichtenlage abgearbeitet wird. Wer nach der Analyse des Spiels sucht, findet sie in jedem Sportportal; wer wissen will, wie Zuschauer am Morgen danach damit umgingen, findet es hier.

Was bleibt

Ein Argument, das jedes Jahr wieder gebraucht wird: Ein Zusammenbruch im Spiel ist keine moralische Kategorie. Und eine Erinnerung daran, dass die Beteiligten meist als Erste wissen, was schiefgegangen ist – der Satz, man habe so etwas noch nie erlebt, stammt in solchen Nächten regelmäßig von ihnen selbst.

Und ein Hinweis, wie Fanmedien mit Ergebnissen umgehen, die nicht ihren eigenen Verein betreffen. Der Beitrag stammt aus einer Rubrik, deren Name eine bekannte Trainerformel zitiert, und behandelt ein Länderspiel, obwohl die Domain von Vereinsfankulturen lebt. Genau diese Rubriken sind es, in denen die Sprache des Betriebs verhandelt wird – dort fällt am ehesten auf, wenn ein Ergebnis überall gleich beschrieben wird.