Spieltag während des Freimarkts
Der Bericht beginnt nicht am Stadion, sondern am Hauptbahnhof – weil in Bremen zu diesem Zeitpunkt der Freimarkt lief, ein Jahrmarkt, den es seit dem Jahr 1035 gibt und der jährlich über vier Millionen Besucher anzieht.
Was das für einen Spieltag bedeutet
Die Fahrt zum Stadion in einer hoffnungslos überfüllten Straßenbahn, in der eine Sardine in der Büchse mehr Freiraum habe. Das ist die praktische Seite eines Termins, der in keiner Spielplanung vorkommt: Wenn eine Stadt gleichzeitig ihr größtes Volksfest und ein Bundesligaspiel veranstaltet, konkurrieren beide um denselben Nahverkehr.
Solche Überlagerungen sind der Normalfall und werden nie mitgeplant. Ein Spielplan wird nach Fernsehterminen erstellt, nicht nach dem städtischen Veranstaltungskalender.
Das Stadion
Gut gefüllt, aber nicht ausverkauft – und in dieser Saison bis dahin kein einziges Mal. Für einen Verein, der in seiner Vergangenheit regelmäßig volle Häuser hatte, ist das die Angabe, die der Bericht festhält, ohne sie zu kommentieren.
Sie gehört zu den nützlichsten Daten in dieser Sammlung. Ausverkauft oder nicht ausverkauft ist die einzige Zahl, die ein Zuschauer selbst prüfen kann – und über eine Saison hinweg sagt sie mehr über die Lage eines Vereins als jede Bilanz.
Der Vergleich, den der Text zieht
Vier Jahre zuvor hatte derselbe Gegner im Weserstadion 0:6 verloren, mit einer Aufstellung, die der Verfasser aus dem Gedächtnis aufzählt – Spieler, die anschließend international gespielt haben.
Und nun ein 0:0, bei dem er sich beim Fußballschauen schon besser amüsiert habe. Zwischen diesen beiden Spielen liegt die Verschiebung, die in dieser Sammlung mehrfach vorkommt: Ein Verein, der jahrelang oben war, wird zum Mittelfeldklub, und die Anhänger merken es an den Ergebnissen gegen genau diesen Gegner.
Der Nebensatz über einen Spieler
Der Verfasser hält fest, dass ein viel kritisierter Spieler vier Torschüsse abgab, und bezeichnet die Kritik an ihm als unberechtigt. Derselbe Spieler ist in dieser Sammlung an anderer Stelle Gegenstand: Ein Blogger derselben Fanszene hielt wenige Monate später fest, dass gegen ihn in sozialen Netzwerken mit einem homophoben Schimpfwort gearbeitet wurde.
Zwei Beiträge, dieselbe Fanszene, derselbe Spieler – und beide verteidigen ihn. Das ist der Beleg dafür, dass die Netzwerkwut nicht die Fanszene war.
Neun von zehn Spieltagen sehen so aus
Sonst bestünde die Sammlung nur aus Konflikten und Ereignissen. Neun von zehn Spieltagen sehen so aus: eine überfüllte Bahn, ein nicht ausverkauftes Stadion, ein torloses Spiel und ein Bericht, der beides festhält.
Genau dieser Alltag ist der Maßstab, an dem die Ausnahmen dieser Sammlung – Blockstürme, Massenverbote, Ganzkörperkontrollen – ihre Größe erst bekommen.
Drei Stichworte, keines vom Spiel
Der Titel nennt einen Vornamen, die Aufarbeitung der Vergangenheit und neue Sitten – drei Stichworte, von denen keines das Spiel betrifft. Solche Titel sind die Regel in dieser Textsorte: Sie kündigen die Nebenstränge an und nicht den Anlass.
Für eine Sammlung ist das eine praktische Schwierigkeit. Ein Beitrag, dessen Titel nichts über seinen Inhalt sagt, wird nicht wiedergefunden – und in der Rekonstruktion des Archivs war die Zuordnung solcher Texte zu ihren Themen die aufwendigste Arbeit.