Ein Jahr Hertha in der Rückschau
Der Jahresrückblick ist in Fanmedien ein eigenes Format: Er folgt nicht der Spielzeit, sondern dem Kalender, und deshalb wirft er zwei halbe Serien zusammen. Dieser hier tut das ausdrücklich und begründet es.
Der Zuschnitt
In Foren wird es nicht gern gesehen, wenn die Rückrunde einer Saison mit der Hinrunde der nächsten in einen Topf geworfen wird. Der Verfasser hält dagegen, dass er beide Halbserien als zusammengehörige Erfahrung erlebt hat – und für einen Anhänger ist das die zutreffendere Einteilung: Er erlebt Kalenderjahre, keine Spielzeiten.
Sportlich war 2014 für Hertha BSC nach seiner Bewertung ein unterirdisches Jahr, und die Reihenfolge der beiden Halbserien macht das schlüssig: eine schwache Rückrunde, ein Sommer mit großem Umbau, eine schwache Hinrunde.
Der Sommer
Das Transferfenster wurde weit geöffnet: viele Abgänge, viele Zugänge, darunter Spieler mit erheblicher Erstliga- und internationaler Erfahrung. Der Manager hatte damit sichtbar Namen nach Berlin geholt.
Genau daraus entsteht der Konflikt, den der Rückblick beschreibt. Ein Kader, der auf dem Papier besser ist als der des Vorjahres, und ein Jahr, das schlechter verlief, ergeben in einer Fanszene eine einzige Frage – und die richtet sich auf die Bank.
Die Schlussfolgerung
Der Verfasser zieht sie offen und verweist darauf, dass er sie schon im vorangegangenen Beitrag für sich gezogen hatte: Mit diesem Trainer sehe er keine Perspektive.
Drei Wochen nach dem Erscheinen des Textes endete die Zusammenarbeit zwischen dem Verein und seinem Trainer. Das ist keine Wirkung des Blogs, sondern der Beleg dafür, dass eine Fanszene solche Entwicklungen früher formuliert als der Verein sie vollzieht – und dass ein Jahresrückblick im Januar der Ort ist, an dem das zusammengefasst wird.
Die einzige Textsorte, die eine Saison quer schneidet
Der Jahresrückblick steht damit allein. Vorschauen behandeln eine Spielzeit, Spielberichte einen Tag, Analysen ein Spiel; nur der Jahresrückblick stellt die Frage, wie sich zwölf Monate angefühlt haben.
Für die Rekonstruktion einer Fanstimmung ist das die dichteste Quelle, die es gibt. Ergebnisse und Tabellen stehen in jeder Datenbank; welche der beiden Halbserien ein Anhänger im Nachhinein als Bruch empfand, steht nur in einem solchen Text.
Der Apfel
Das Bild, das den Beitrag zusammenhält, ist ein privates: eine jahrzehntelange Allergie, die 2014 endete, sodass der Verfasser wieder Äpfel essen konnte – für ihn das Highlight des Jahres. Daran hängt der Titel mit den sauren Äpfeln, und daran hängt am Ende die Erkenntnis.
Solche Rahmungen sind der Grund, aus dem Fanblogs anders gelesen werden als Sportjournalismus. Sie behaupten keine Objektivität, sie ordnen den Verein in ein Leben ein – und der Maßstab für ein Fußballjahr ist dann nicht die Tabelle, sondern was daneben passiert ist.