Das Trikot als Verdacht
Sicherheitsdebatten werden über Statistiken, Verbandsbeschlüsse und Polizeikosten geführt. Ihre Wirkung entsteht an anderen Stellen: an einer Supermarktkasse, an einer Tankstelle, in einer Regionalbahn. Ein Bericht vom August 2014 hält genau diese Ebene fest.
Ein 1:1 in der Grotenburg nach dem Wolkenbruch
Beim Regionalliga-Auftaktspiel des KFC Uerdingen gegen die zweite Mannschaft des FC Schalke 04 in der Grotenburg endete die Partie nach einem Wolkenbruch 1:1. Es gab keine Auseinandersetzungen und keine Anzeichen dafür. Die anwesenden Gäste wurden dennoch gesammelt zum Bahnhof gebracht, und im Anschluss folgten für eine einzelne Besucherin im Vereinstrikot mehrere Situationen an einem Nachmittag: misstrauische Blicke und ein Mitarbeiter als Begleiter im Lebensmittelmarkt, in dem sie seit Jahren einkauft.
Was daran systematisch ist
Aufgezählt werden weitere Formen desselben Musters: die Frage, ob man bezahlen könne; das Verlangen des Personalausweises bei einer Kartenzahlung; Personenkontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne anderen Anlass als die Kleidung.
Keiner dieser Vorgänge ist rechtswidrig, jeder einzelne ist unauffällig, und zusammen ergeben sie eine Zuschreibung, gegen die es kein Verfahren gibt. Ein Stadionverbot kann man angreifen, eine Speicherung in einer Polizeidatei kann man auskunftsweise erfragen – gegen einen Blick oder eine Begleitung durch den Laden gibt es kein Rechtsmittel.
Woher die Zuschreibung kommt
Sie ist das Ergebnis jahrelanger Zuspitzung: einzelne Vorfälle, groß berichtet, verbunden mit Forderungen aus Polizeigewerkschaften nach immer schärferen Maßnahmen. Der Effekt ist keine Meinung über Ultras, sondern eine Erwartung an eine Kleidungsfarbe.
Genau darin unterscheidet sich diese Ebene von jeder Sanktion. Eine Blocksperre trifft die Besucher eines Blocks; eine öffentliche Erwartung trifft jeden, der erkennbar ist – auch Menschen, die nie in einem gesperrten Block standen, nie kontrolliert wurden und nie eine Anzeige erhielten.
Warum ausgerechnet solche Berichte zählen
Sie sind der einzige Ort, an dem diese Ebene überhaupt vorkommt. In den Zahlen, mit denen über Fußballfans verhandelt wird – Verletzte, Verfahren, Einsatzstunden –, taucht sie nicht auf, weil sie nichts hinterlässt, was gezählt werden könnte.
Und sie liefern das Gegenargument in der Form, in der es am schwersten zu bestreiten ist: nicht als Behauptung über Millionen Stadionbesucher, sondern als Beschreibung eines Nachmittags, an dem ein Trikot genügte. Die Zuschauerzahlen der Liga belegen den Rest: Ein Publikum, das als Sicherheitsproblem verhandelt wird, füllt die Stadien seit Jahren an der Kapazitätsgrenze.
Was sich daran nicht ändert
Diese Ebene ist gegen jede Verbesserung im Regelwerk immun. Kürzere Stadionverbote, eine vorgeschriebene Anhörung, der Verzicht auf Kollektivstrafen – alles davon betrifft Verfahren, in denen jemand als Betroffener auftritt und Rechte hat. Die Erwartung, die ein Trikot an einer Kasse auslöst, kennt kein Verfahren und keinen Betroffenenstatus.
Sie verschwindet nur mit der Erzählung, aus der sie entstanden ist, und Erzählungen halten sich länger als Beschlüsse. Genau deshalb sind Berichte über einzelne Nachmittage der langlebigere Teil dieser Dokumentation: Die Regelwerke von 2013 und 2014 sind mehrfach geändert worden, die Blicke im Supermarkt sind dieselben geblieben.