Drei Stunden in der Kabine
Formate, in denen ein Vereinsvorstand mit Anhängern spricht, sind meist Veranstaltungen: Bühne, Mikrofon, ausgewählte Fragen, ein Zeitfenster. Im August 2014 fand in Gelsenkirchen eine andere Variante statt. Der Sportvorstand des FC Schalke 04 saß zehn Nutzern eines Fanforums rund drei Stunden in der Mannschaftskabine gegenüber.
Was das Format ausmachte
Kein Publikum, keine Presse, keine Moderation, die Fragen sortiert. Eingeladen hatte das Forum, und zwar ausdrücklich auch die Nutzer, die dort seit Jahren die härteste Kritik am Vorstand schrieben – was er in seiner Begrüßung selbst zum Thema machte.
Damit fiel die Schutzschicht weg, die solche Termine üblich machen. Eine Frage nach der sportlichen Zielsetzung ließ sich nicht mit einer Formel beantworten, weil die nächste Nachfrage sofort kam; ein Verweis auf die Tabelle war nicht ausreichend, weil die Fragenden die Spiele einzeln kannten.
Was verhandelt wurde
Die Themenliste des Abends ist der eigentliche Befund, denn sie deckt sich fast vollständig mit dem, was in derselben Zeit in Fanmedien stand: die Spielidee und ihre Durchgängigkeit bis in die Jugendmannschaften, das Coaching während eines laufenden Spiels, eigenmächtige Positionswechsel auf dem Feld, die Nachwuchsarbeit, die Verletztensituation, der Ausbau des Vereinsgeländes, der eingetragene Verein als Rechtsform, die Rolle der Spielerberater – und die Polizeieinsätze in der eigenen Kurve.
Das ist keine Wunschliste, sondern ein Arbeitsprogramm. Wer nach solchen Abenden behauptet, Fanszenen interessierten sich nur für Ticketpreise und Anstoßzeiten, muss diese Liste erklären.
Warum es diese Formate so selten gibt
Sie sind für den Verein riskant. Jede Antwort ist zitierbar, keine Frage ist vorher bekannt, und die Teilnehmer sind gerade nicht die Gremienvertreter, mit denen man ohnehin spricht. Ein Vorstand, der sich darauf einlässt, verzichtet auf die Möglichkeit, hinterher zu sagen, man sei falsch verstanden worden.
Umgekehrt ist der Ertrag hoch, und er ist nicht die Zustimmung der zehn Anwesenden. Er ist die Wirkung im Forum danach: Wer drei Stunden lang Antworten bekommen hat, schreibt anders über den Verein – nicht milder, aber genauer.
Was so ein Gespräch möglich macht
Die Bedingungen, unter denen so ein Gespräch etwas bringt, sind an diesem Abend gut zu erkennen: eine kleine Runde statt einer Bühne, Teilnehmer, die sich selbst benennen, keine Vorabfilterung der Themen, und ein Protokoll, das anschließend öffentlich wird.
Genau der letzte Punkt unterscheidet den Termin von einem Hintergrundgespräch. Ein Vorstand, der unter vier Augen erklärt, hat nichts gesagt; ein Vorstand, dessen Antworten nachlesbar sind, hat sich gebunden. Deshalb sind solche Runden das wirksamste der Dialogformate – und deshalb bleiben sie die Ausnahme.
Beobachtet wurde am Rand des Abends noch etwas anderes: Der Eingangsbereich der Arena war zu diesem Zeitpunkt neu gestaltet, mit großformatigen Spielerpostern und einer Formensprache, die den Bau als Marke behandelt. Der Weg zu einem Gespräch ohne Bühne führte also durch genau die Oberfläche, gegen die sich ein Teil der Kritik richtete – was den Kontrast des Abends besser beschreibt als jede Zusammenfassung der Antworten.