Was eine Stadionführung erzählt
Stadionführungen sind Marketing, und deshalb erwartet man von ihnen keine unangenehmen Auskünfte. Eine nächtliche Sonderausgabe der Arenaführung in Gelsenkirchen im Winter 2015 lieferte zwei, die den Rundgang über den Tag hinaus interessant machen.
25.000 Euro für die Dunkelheit
Vor Abendspielen wird das Stadion während des Steigerlieds verdunkelt – das Bild, das von diesem Klub am häufigsten gezeigt wird. Was in der Führung dazu genannt wurde: Jede dieser Verdunkelungen kostet den Verein 25.000 Euro Strafe, weil sie gegen Vorgaben verstößt. Nach Auskunft des Sportvorstands ist die Atmosphäre das wert.
Diese Zahl ist der genaueste Ausdruck dafür, wie ein Klub Stimmung bewertet: nicht als Nebenprodukt, sondern als Posten mit einem Preis, der jedes Mal anfällt und jedes Mal bezahlt wird.
Was das Museum zeigt
Der Rundgang beginnt um 19.04 Uhr im Vereinsmuseum, und die Auswahl der Stücke erzählt eine Geschichte über Prämien: Für die Meisterschaft 1934 gab es einen Lederkoffer. Daneben stehen eine Replik der Meisterschale von 1958, die Elf des Jahrhunderts, die Fußabdrücke der Eurofighter, Zeitungsausschnitte, Spielplakate und Trikots.
Gezeigt wurden außerdem Originalaufnahmen aus dem Trainingslager 1934 in Freienohl, die kurz zuvor im Keller eines Hauses in Wattenscheid gefunden worden waren – Zirkeltraining auf einer Wiese, dazu Spiele, die man heute für einen Betriebsausflug halten würde. Solche Funde sind der Grund, aus dem Vereinsarchive nicht abgeschlossen sind.
Die Auskunft, die niemand erwartet
Dann kam der Teil, der eine Führung von einer Werbeveranstaltung unterscheidet. Der Tourguide erklärte, warum Fritz Szepan trotz seiner Verdienste nie mit einer Straße auf dem Vereinsgelände geehrt werden wird: Er profitierte im Zuge der „Arisierung“ von der Übernahme des jüdischen Kaufhauses Julius Rode & Co.
An den Reaktionen der Gruppe war zu erkennen, dass dieser Teil der Vereinsgeschichte den meisten unbekannt war. Genau darin liegt die Bedeutung des Vorgangs: Ein Verein, der diese Auskunft in seine eigene Führung aufnimmt – und nicht in eine Fußnote einer Jubiläumsschrift – erreicht damit ein Publikum, das kein Buch über die NS-Zeit des Klubs aufschlagen würde.
Vergleichbar ist das mit der Choreografie für Jenő Konrád in Nürnberg: Erinnerungsarbeit wirkt dort, wo sie im normalen Betrieb vorkommt, und nicht nur an Gedenktagen.
Die Nebenbefunde
Zur Ortsgeschichte gehörte die Feststellung, dass der Stadtteil Schalke nicht mehr dort liegt, wo er lag: Teile des alten Schalke gehören heute zu Feldmark, dafür kamen Teile von Heßler und Bismarck hinzu. Die Glückaufkampfbahn liegt streng genommen in der Gemarkung Heßler, die Arena in Erle.
Und zwei ehemalige Bergleute in der Gruppe bestätigten, was die Vereinserzählung über den „Malocherclub“ gern in eine Formel packt: Die Arbeit unter Tage war mit Leistungssport kaum zu vereinbaren.