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Augsburg Calling: Gastfreundschaft als Programm

Über Auswärtsfahrten wird meist im Zusammenhang mit Sicherheitskonzepten berichtet. Das Osterwochenende 2015 in Augsburg ist der dokumentierte Gegenfall: ein 0:0 zwischen dem FC Augsburg und Schalke 04, und ein Wochenende, das die mitgereisten Gäste einhellig als Reise wert bezeichneten.

Was organisiert war

Die Aufzählung liest sich unspektakulär und ist genau deshalb aussagekräftig. Im Informationsbüro am Rathausplatz hingen Flaggen beider Vereine. In den Restaurants wurden farbentragende Gäste ausdrücklich willkommen geheißen. Auf dem Volksfest gab es eine Gratis-Maß. Vor dem Spiel liefen Augsburger Kinder gemeinsam mit Kindern des Gastvereins eine Ehrenrunde.

Dazu kamen Stadt- und Fanführungen für die Gäste, kostenlos: Statt der geplanten einen Führung plus Kindertour wurden es fünf, bei ungemütlichem Wetter und mit großem Andrang. Am Samstagabend eine Vernissage mit Streetart, am Sonntag nach dem Spiel Live-Musik, am Montag ein Fanfrühschoppen.

Wer das macht

Träger ist „Augsburg Calling“, ein Zusammenschluss von Anhängern mit einem erklärten Ziel: bei gemeinsamen Veranstaltungen Kontakte zwischen den eigenen und den anreisenden Fans aufzubauen, die abseits der sportlichen Rivalität für freundlichen Austausch sorgen. Der organisatorische Mittelpunkt war eine Pizzeria und Bar, in der sich an den Tischen bald gemischte Gruppen fanden.

Die Entstehung wird auf eine Beobachtung zurückgeführt: Nach dem Zweitligaaufstieg des eigenen Vereins erlebte der Initiator bei einem Auswärtsspiel, wie es den eigenen Anhängern in der Fremde ergeht – und zog daraus den Schluss, es umgekehrt anders zu machen.

Wie so etwas funktioniert

Das Modell hat drei Bestandteile, und alle drei sind übertragbar. Es braucht einen Ort, an dem sich Gäste und Gastgeber treffen können – hier eine Bar, die als Anlaufstelle bekannt ist. Es braucht ein Angebot, das ohne Voranmeldung angenommen werden kann: eine Führung, ein Frühschoppen, eine Ausstellung. Und es braucht Ansprechpartner, die vorher benannt sind, damit anreisende Gruppen wissen, an wen sie sich wenden.

Was es ausdrücklich nicht braucht, ist eine Vereinbarung zwischen den Vereinen. Beide Fanszenen bleiben Rivalen, und niemand muss auf Gesänge verzichten. Der Unterschied entsteht davor und danach – an den Stunden eines Auswärtsspiels, die nicht auf dem Platz verbracht werden und über die kein Sicherheitskonzept etwas sagt.

Warum das mehr ist als eine freundliche Geste

Zwei Dinge fallen an diesem Modell auf.

Erstens ist es billig. Flaggen, eine Führung, ein Willkommensschild im Restaurant, eine Ehrenrunde für Kinder – nichts davon braucht ein Budget, das mit den Kosten eines Polizeieinsatzes vergleichbar wäre. Die Wirkung auf die Stimmung eines Spieltags ist gleichwohl größer.

Zweitens kommt es nicht vom Verein. Es ist eine Fanleistung, und darin liegt der Unterschied zu einem Marketingprogramm: Wer als Gast von Anhängern des Gastgebers empfangen wird, erlebt nicht Kundenbetreuung, sondern eine Einladung.

Dieselbe Stadt kommt in dieser Sammlung auch mit dem gegenteiligen Vorgang vor – dem offenen Brief des Vereins an den Innenminister nach einem Polizeieinsatz gegen die eigenen Anhänger. Beides gehört zusammen: Eine Fanszene, die Gäste einlädt, ist dieselbe, die zwei Jahre zuvor zusammengetrieben wurde.