Eine Fanfreundschaft und ihre Herkunft
Fanfreundschaften gelten als Folklore, sind aber die einzigen freiwilligen Bündnisse im Fußball: Sie entstehen ohne Verein, ohne Verband und ohne Anlass, und sie halten oder halten nicht. Der Beitrag nimmt die bekannteste davon zum Anlass, sie zu sortieren.
Die Typologie
Drei Entstehungsgründe werden unterschieden, und sie decken die meisten Fälle ab.
Farbfreundschaften zwischen Vereinen mit gleichen Vereinsfarben – genannt werden der VfB Stuttgart und Energie Cottbus sowie der Hamburger SV und Arminia Bielefeld. Die Verbindung entsteht aus Wiedererkennbarkeit: Wer dieselben Farben trägt, wird auf Auswärtsfahrten verwechselt und ins Gespräch gezogen.
Zweckbündnisse über einen gemeinsamen Gegner – Borussia Dortmund und Schalke 04 auf der einen, der 1. FC Kaiserslautern und der TSV 1860 München auf der anderen Seite haben Verbündete, die vor allem eines teilen: dieselbe Abneigung.
Und die Fälle ohne belegbaren Ursprung – dazu gehört die zwischen Nürnberg und Schalke.
Warum die Herkunft unklar bleibt
Der Beitrag fragt am Tresen und im Netz nach dem Grund und erhält zahlreiche, teils romanhafte Varianten: eine Liebesgeschichte zwischen einem Jungen aus dem Ruhrgebiet und einer Frau aus Franken, eine spontane Hilfsbereitschaft in einer Notlage, und weitere.
Das ist kein Mangel an Recherche, sondern der Befund. Eine Verbindung, die über Jahrzehnte gewachsen ist, hat keinen Gründungsakt – sie hat Erzählungen, und die Vielzahl der Erzählungen ist der Beleg für ihr Alter. Wo ein Datum existiert, ist die Freundschaft in der Regel jung.
Woran sie gemessen wird
An Aufwand, und der ist im Beitrag konkret. Gemeinsam gebuchte Auswärtsfahrten zum jeweils anderen Verein. Kutten und Schals der Verbündeten bei nahezu jedem Spiel. Ein fränkischer Fanclub, der die Schalker nach Istanbul begleitete. Und als erster großer Höhepunkt die gemeinsame Feier des Nürnberger Klassenerhalts im Frühjahr 1991 im Wattenscheider Lohrheide-Stadion.
Diese Aufzählung ist die eigentliche Definition. Eine Fanfreundschaft besteht nicht in Sympathie, sondern darin, dass Menschen Urlaubstage und Fahrtkosten für ein Spiel aufwenden, das ihren eigenen Verein nicht betrifft.
Was sie aushalten musste
Beide Vereine sind in dieser Zeit abgestiegen, und der Beitrag hält fest, dass es dabei Schwierigkeiten und kurzfristige Verstimmungen gab. Genau das unterscheidet eine Fanfreundschaft von einer Zweckgemeinschaft: Sie wird geprüft, wenn sich die Spielklassen trennen und die gemeinsamen Termine wegfallen.
Über Gruppierungsgrenzen hinweg ist sie trotzdem gewachsen – also gerade nicht auf einzelne Ultragruppen beschränkt, sondern in Fanclubs, auf Sitzplätzen und in den Kurven verankert. Das ist der Grund für ihre Stabilität und zugleich der Grund, aus dem niemand sie kündigen könnte: Es gibt keine Instanz, die dafür zuständig wäre.
Beschrieben wird meist der Bruch
Über Fanfreundschaften wird fast nur berichtet, wenn eine zerbricht. Eine Beschreibung im Bestand – wer mit wem, aus welchem Grund, mit welchem Aufwand – existiert für die meisten deutschen Verbindungen nirgends, obwohl sie zu den wenigen Strukturen der Fankultur gehören, die niemand von oben eingerichtet hat.