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Kurvenstar

Wenn die eigene Kurve einen Spieler zum Sündenbock macht

Zum Auftakt der Bundesligasaison 2013/14 trennte sich der FC Schalke 04 im eigenen Stadion 3:3 vom Hamburger SV. Über das Spiel wurde danach wenig geredet. Geredet wurde über das Publikum – und über einen Spieler, auf den sich ein Teil davon eingeschossen hatte.

Was im Stadion passierte

Die Reaktionen im Stadion gingen weit auseinander. Ein Teil der Zuschauer versuchte, die Mannschaft anzutreiben; ein anderer ging schon ab der zwanzigsten Minute zu Raunen, Pfiffen und Zwischenrufen über, und ein Teil davon verließ eine Viertelstunde vor Schluss bei einem offenen Spielstand das Stadion.

Adressat war vor allem Joel Matip, damals seit dreizehn Jahren im Verein und ein Produkt der eigenen Jugend. Er hatte kein gutes Spiel gemacht – was in der ersten Halbzeit für den gesamten Defensivverbund galt. Die Reaktionen richteten sich trotzdem fast ausschließlich gegen ihn, im Stadion und anschließend auf der Facebook-Seite des Vereins.

Rassismus, und was davon strafbar ist

Ein Teil dieser Äußerungen war rassistisch. Sie sind hier nicht wiedergegeben; sie bezogen sich auf die Herkunft und das Aussehen des Spielers und sind in der damaligen Dokumentation nachlesbar. Andere Äußerungen erfüllten den Tatbestand der Beleidigung.

Diese Unterscheidung ist der Punkt, an dem eine Debatte über Kritik aufhört. Kritik an einer Leistung ist Teil des Geschäfts, auch harte. Eine Beschimpfung, die an der Herkunft ansetzt, ist keine Kritik an einer Leistung – sie ist von der Leistung unabhängig und wäre auch nach einem guten Spiel dieselbe.

Warum es diesen Spieler traf

Der Vorgang hatte ein Muster, das älter war als dieses Spiel. In der Saison davor war es ein Torwart gewesen, dessen Statur zur Zielscheibe wurde. Matip zog schon seit seinem Debüt auch bei souveränen Leistungen deutlich schärfere Kritik auf sich als seine Innenverteidiger-Kollegen – obwohl er ihnen im Stellungs- und Aufbauspiel überlegen war und viele Zweikämpfe gar nicht führen musste, weil er den Ball vorher abschirmte.

Dazu kam eine Eigenschaft, die in solchen Fällen gegen den Betroffenen arbeitet: Er war kein Lautsprecher, sondern zurückhaltend, nahm sich Pfiffe zu Herzen und hinterfragte sich. Das Argument, ein Profi müsse das aushalten und werde dafür bezahlt, wird durch Wiederholung nicht besser – Pfiffe gegen einen einzelnen Spieler während des Spiels verunsichern nicht nur ihn, sondern die Mannschaft, in der er steht.

Der Widerspruch, der offen blieb

Der auffälligste Teil des Vorgangs ist ein Widerspruch in derselben Kurve. Wenige Jahre zuvor war dort „Schalker statt Söldner“ gefordert worden – mehr Spieler aus der eigenen Jugend, weniger teure Zugänge. Getroffen hat es dann genau einen Spieler aus der eigenen Jugend, der dem Verein seit der Kindheit angehörte.

Beides zusammen ergibt keine Haltung, sondern einen Reflex: In einer Mannschaft mit schwacher Defensivleistung sucht ein Teil des Publikums nicht das Problem, sondern eine Person. Die Suche nach Sündenböcken, hieß es damals, sei von allen Jagdarten die einfachste – und die sozialen Netzwerke haben ihr die letzte Hürde genommen, weil man dafür nicht einmal mehr aufstehen muss.

Was von einem Verein zu erwarten war

Die Forderung jener Tage war doppelt. Was ein Verein in dieser Lage tatsächlich in der Hand hat, ist mehr, als damals genutzt wurde. Eine Beleidigung ist ein Antragsdelikt: Sie wird nur verfolgt, wenn der Verletzte oder – bei einem Angestellten im Dienst – sein Arbeitgeber Strafantrag stellt. Wer eine Vereinsseite in einem Netzwerk betreibt, entscheidet außerdem selbst über Moderation und Ausschluss, und wer Hausrecht über ein Stadion hat, kann es auf Zurufe anwenden, die eine Grenze überschreiten. Der Verein kann also handeln – er muss es nur wollen. Erstens: dass sich der Verein öffentlich vor den Spieler stellt und die strafrechtlich relevanten Beleidigungen verfolgt, um die Grenze zwischen Kritik und Beschimpfung sichtbar zu machen. Zweitens: dass die Aufmerksamkeit für Nachwuchsspieler nicht nur denen zufällt, die sich als Werbegesicht eignen.

Der weitere Verlauf hat dem Spieler recht gegeben – Joel Matip blieb Stammspieler, Nationalspieler und wechselte später in die Premier League. Das entlastet die Kurve nicht, sondern zeigt nur, wie belastbar ein Urteil ist, das nach neunzig Minuten fällt.