Eine Anleitung zur Eskalation
Der Beitrag vom März 2013 war als Ratgeber geschrieben: zwölf Schritte, adressiert an Sicherheitskräfte und Vereinsverantwortliche, mit dem Ziel, einen Spieltag zuverlässig zum Kippen zu bringen. Ernst gemeint war davon kein Satz – und genau darin lag die Wirkung.
Warum die Umkehrung funktioniert
Eine Beschwerde über einen Einlass, eine Kontrolle oder eine Absperrung ist angreifbar: Sie kommt von Betroffenen, sie schildert einen Einzelfall, und sie lässt sich mit dem Verweis auf Sicherheitserfordernisse beantworten.
Eine Handlungsanweisung ist das nicht. Wer dieselben Vorgänge als Empfehlung formuliert, muss nichts belegen – er benennt nur, was die Erfahrung als wirksam kennt. Der Widerspruch dagegen müsste lauten, dass die beschriebene Maßnahme gar nicht eskalierend wirkt, und das ist schwerer zu behaupten als eine einzelne Schilderung zu bestreiten.
Was in solchen Aufzählungen regelmäßig steht
Die Punkte, die in dieser Zeit in Fanmedien immer wieder als Auslöser benannt wurden, sind gut dokumentiert und decken sich weitgehend: eine Anstoßzeit, die die Aufenthaltsdauer in der Stadt verlängert; ein Einlass mit zu wenigen Kontrollstellen, sodass Tausende bei Anpfiff draußen stehen; Kontrollen, deren Umfang vorher nicht angekündigt wurde; eine Präsenz in Vollausrüstung dort, wo nichts passiert; das Filmen von Personen ohne erkennbaren Anlass; das Fehlen jeder Ansage darüber, was gerade geschieht und warum; und die Weigerung, im Nachhinein zu erklären, wer eine Maßnahme angeordnet hat.
Keiner dieser Punkte ist für sich genommen ein Fehlverhalten. Zusammen ergeben sie einen Ablauf, in dem eine Menschenmenge über Stunden hinweg keine Information und keine Zuständigkeit vorfindet – der zuverlässigste Weg, aus Unmut Aggression zu machen.
Die Grenze des Mittels
Satire erreicht die eigene Seite. Sie wird von denen gelesen, die die beschriebenen Abläufe kennen und im Text ihren eigenen Spieltag wiedererkennen; wer sie ändern könnte, liest sie nicht – und dieser Einwand stand schon damals in der Diskussion unter dem Beitrag.
Deshalb ist ein solcher Text kein Ersatz für die Dokumentation eines konkreten Abends, mit Ort, Datum und benannten Entscheidungen. Er ist die Zusammenfassung dessen, was aus vielen solchen Abenden gelernt wurde – und in dieser Funktion ist er länger brauchbar geblieben als die Einzelfälle, aus denen er entstand.
Auch die Form wurde gewählt
Er zeigt, dass in dieser Debatte auch die Form gewählt wurde. 2013 war das Jahr, in dem Fanszenen erstmals systematisch versuchten, mit den Mitteln der Öffentlichkeit zu arbeiten statt nur mit denen der Kurve: mit Stellungnahmen, mit Datenauswertungen, mit angemeldeten Demonstrationen – und mit einem Ratgeber, der das Gegenteil dessen empfiehlt, was er meint.
Ein Detail aus der Diskussion unter dem Beitrag gehört dazu, weil es den Ton der Zeit festhält: Angemerkt wurde dort die Verwechslung von „informeller“ und „informationeller“ Selbstbestimmung – ein Begriff aus dem Datenschutzrecht, der in dieser Debatte eine Rolle spielte, weil Stadionverbote, Datenspeicherungen und Anreisekontrollen sämtlich an der Frage hängen, welche Daten über Zuschauer erhoben werden dürfen.