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Kurvenstar

Warum Vereinsfans die Nationalelf verloren haben

Es gibt eine Sorte Fußballfan, die im Verein alles mitmacht – Auswärtsfahrten, Dauerkarte, Mitgliedschaft – und die Nationalmannschaft nicht mehr einschaltet. Das ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Land und auch kein Urteil über die Spielweise. Es ist eine Entfremdung mit benennbaren Gründen, und im Frühjahr 2013 waren sie in der Bundesliga verbreitet genug, um sie aufzuschreiben.

Der Personenkult

Der erste Grund ist die Erzählweise. Bei einem Verein steht die Mannschaft im Mittelpunkt, bei der Nationalmannschaft zunehmend eine Person. Wenn die Sitzform eines Hemdes oder ein Pullover des Bundestrainers zum Thema wird, wenn ein mühsamer Sieg gegen einen deutlich schwächeren Gegner zur Inszenierung einer Figur benutzt wird, dann verschiebt sich die Aufmerksamkeit von dem, was auf dem Platz passiert, auf das, was am Spielfeldrand darstellbar ist.

Für einen Vereinsfan ist das nicht nur befremdlich, es ist auch der Umgangston, der ihm im eigenen Umfeld verwehrt bleibt: Was bei einem Bundestrainer als Charakterzug erzählt wird, würde bei einem Vereinstrainer als Verfehlung berichtet.

Die doppelten Maßstäbe

Der zweite Grund ist der Vergleich, den man unfreiwillig anstellt, wenn man beides verfolgt. Dieselbe Presse, die im Vereinsfußball in den Anhängern regelmäßig ein Sicherheitsproblem beschreibt, verkauft das Public Viewing als Volksfest – obwohl dort nicht weniger getrunken und nicht weniger enthemmt gefeiert wird. Dieselbe Presse, die einen zweiten Platz in der Liga als Enttäuschung verbucht, feiert einen zweiten oder dritten Platz bei einem Turnier.

Daraus entsteht der Eindruck, der die Entfremdung trägt: Es geht nicht um die Bewertung von Leistungen, sondern darum, welches Publikum gerade als Problem und welches als Erfolg gebraucht wird.

Am deutlichsten wird die Asymmetrie an einer Lücke: Die Sicherheitsdebatte jener Jahre, die Eingangskontrollen, Risikospiel-Definitionen und gekürzte Gästekontingente hervorbrachte, hat das Public Viewing nie erfasst. Für eine Veranstaltung mit Zehntausenden Besuchern, Alkohol und ohne Sitzplatzordnung galten die Maßstäbe nicht, die für ein Zweitligaspiel mit achttausend Zuschauern diskutiert wurden. Das ist kein Vorwurf gegen Public Viewing – es ist der Beleg dafür, dass die Maßstäbe nicht am Risiko hängen, sondern am Publikum.

Die Nähe zwischen Verband und einem Verein

Der dritte Grund ist der konkreteste und der, über den in den Kurven am meisten geredet wurde. Wer einem Bundesligaverein anhängt, verfolgt neun Monate im Jahr eine Konkurrenz zwischen 18 Klubs und im Sommer eine Auswahl, die von einem dieser Klubs geprägt wird – personell und in der Wahrnehmung.

Dazu kamen zwei wiederkehrende Beobachtungen: dass Nationalspieler aus kleineren Klubs gefühlt vor allem in den unattraktiven Spielen aufliefen, während Absagen aus München leichter akzeptiert wurden; und dass öffentliche Äußerungen des Bundestrainers die Bundesliga-Konkurrenz gelegentlich herabsetzten. Ob dieser Eindruck in jedem Einzelfall zutraf, ist die eine Frage; dass er verbreitet war, die andere – und für die emotionale Bindung an eine Auswahlmannschaft zählt die zweite.

Klatschpappen

Der vierte Grund steht im Titel des ursprünglichen Textes und ist der ästhetische. Die Stimmung bei Länderspielen wird produziert: ausgegebene Klatschpappen, vorgegebene Choreografien, Einspieler, die den Applaus anleiten. In einer Kurve entsteht Stimmung durch Verabredung unter Zuschauern; bei einem inszenierten Ereignis wird sie ausgeteilt.

Für jemanden, der das eine kennt, ist das andere nicht dieselbe Sache mit anderem Publikum, sondern ein anderes Produkt. Genau darin liegt die Pointe des Vorgangs: Die Entfremdung betrifft nicht die Mannschaft, sondern das Format.

Was daran über Fankultur zu lernen ist

Die Frage, warum ein glühender Vereinsfan bei Länderspielen abschaltet, hat eine Antwort, die über den Fußball hinausreicht: Bindung entsteht an dem, wo man vorkommt. Ein Verein gehört seinen Mitgliedern, hat eine Mitgliederversammlung, eine Kurve und einen Ort. Eine Nationalmannschaft hat Zuschauer, und zwar wechselnde: Wer bei einem Länderspiel neben wem steht, entscheidet ein Vergabeverfahren und keine Dauerkarte.

Bemerkenswert ist deshalb weniger die Ablehnung als ihr Zeitpunkt. Sie wuchs in denselben Jahren, in denen die Sicherheitsdebatte den Vereinsfan öffentlich zum Problem erklärte – und in denen dieselbe Öffentlichkeit ihm im Sommer erklärte, wie ein guter Fan aussieht.