Istanbul und die Gastfreundschaft
Im Februar 2013 trafen Galatasaray Istanbul und der FC Schalke 04 im Achtelfinale der Champions League aufeinander. Für Auswärtsfahrer war das der Anlass, quer durch Europa zu fliegen – und der Bericht darüber besteht zum größten Teil nicht aus Fußball.
Was er stattdessen beschreibt
Die Stadt am Bosporus, die unter drei Namen – Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – Hauptstadt dreier Weltreiche war, und ihre Gegensätze: Paläste neben Abbruchhäusern, Pelzmäntel neben Menschen, die in Hausnischen kampieren.
Besucht wurden die Blaue Moschee, deren blau-weiße Fliesen dem Namen zugrunde liegen und deren Kleidungsvorschriften sich mit Vereinsmütze und blauen Socken problemlos einhalten ließen, und die Hagia Sophia – geführt von einem Architekten, der mit 66 Jahren noch ein Jurastudium aufgenommen hatte und zwei Stunden lang jeden Stein erklären konnte.
Die Erwartung, die der Bericht absichtlich verfehlt
Verfehlt wird die verbreitete Erwartung an einen Auswärtsbericht aus Istanbul mit Absicht. Über Spiele in dieser Stadt wird in deutschen Medien fast ausschließlich mit Sicherheitsvokabular berichtet – Hexenkessel, Pfeifkonzert, Polizeieskorte.
Der Bericht setzt dem eine Reise entgegen und benennt die Gastgeber ausdrücklich als herzlich. Das ist keine naive Gegendarstellung, sondern die zweite Hälfte derselben Wirklichkeit: Beide Erfahrungen finden am gleichen Ort statt, und in der Berichterstattung kommt nur eine vor.
Das Gegenstück in dieser Sammlung
Aus derselben Fanszene stammt ein Bericht von einem Europapokalspiel in Lissabon, in dem dieselbe Reiseform ganz anders verlief – mit Blocksperre, Zwangsverladung und Einlassverweigerung.
Nebeneinander gelesen ergeben die beiden etwas, was ein einzelner Bericht nicht leisten kann: Der Unterschied liegt nicht am Land und nicht an den Gästen, sondern an der Einsatzdoktrin, auf die eine Gruppe trifft. Wer nur einen von beiden liest, zieht die falsche Schlussfolgerung – in die eine oder in die andere Richtung.
Was ein solcher Bericht praktisch wert ist
Er ist eine Reiseanleitung für Leute, die eine Stadt in zwei Tagen zwischen Ankunft und Anpfiff sehen wollen: welche Wege sich verbinden lassen, welche Vorschriften an religiösen Orten gelten, was ein guter Stadtführer ausmacht.
Diese Funktion haben Fanberichte über internationale Spiele fast immer, und sie ist der Grund, aus dem sie über Jahre gelesen werden. Ein Spielbericht ist nach neunzig Minuten erledigt; eine Beschreibung, wie man vom Hotel zur Hagia Sophia und rechtzeitig zum Stadion kommt, ist beim nächsten Auswärtslos wieder brauchbar.
Eine Liedzeile über das Mitfahren
Der Titel zitiert eine Liedzeile über das Mitfahren in die halbe Welt, und darin steckt die Selbstbeschreibung dieser Reiseform. Gefahren wird nicht wegen der Stadt und nicht wegen des Gegners, sondern weil die eigene Mannschaft dort spielt – und alles andere, Moscheen und Architekten eingeschlossen, ist der Ertrag, den man nebenbei mitnimmt.