Die Kirche und die Gründung des BVB
„Fußball ist meine Religion“ ist ein Satz aus jeder Spielklasse. Bei Borussia Dortmund steht am Anfang der Vereinsgeschichte das Gegenteil: ein Konflikt mit der Kirche, aus dem die Gründung erst hervorging.
Die Vorgeschichte
Rund um den Borsigplatz im Dortmunder Norden arbeiteten Menschen in Kohle und Stahl, viele von ihnen mit polnischer Herkunft. Ab 1906 wurde dort Fußball gespielt – ein Sport, den die katholische Kirche nicht gern sah.
Im selben Jahr wurde Kaplan Hubert Dewald zum Vorsitzenden der Jünglingssodalität der Gemeinde gewählt. Er beanstandete das raue Spiel und das Umfeld und setzte eine zusätzliche Andacht am Sonntagnachmittag an – also genau zu der Zeit, in der die Arbeiter spielten. Dazu verlangte er, die Zusammenkünfte nicht mehr im Wirtshaus „Zum Wildschütz“ in der Oesterholzstraße abzuhalten, sondern im Pius-Gemeindehaus, wo sie beaufsichtigt werden konnten.
Der 19. Dezember 1909
Der Konflikt eskalierte über drei Jahre. Am 19. Dezember 1909, dem vierten Adventssonntag, trafen sich die Spieler im Wildschütz, um über die Gründung eines von der Kirche unabhängigen Vereins zu beraten.
Der Kaplan wurde informiert und eilte zur Gaststätte, um die Sitzung aufzulösen. Ihm wurde der Zutritt verwehrt. Der Verein wurde gegründet – von 18 Mitgliedern, unter ihnen Gustav Müller, Hans Debest und Hans Kahn.
Warum diese Gründungsgeschichte ungewöhnlich ist
Die meisten deutschen Vereine des Kaiserreichs entstanden aus Turnvereinen, Schulen, Betrieben oder eben aus kirchlichen Jugendorganisationen – und blieben dort eingebunden. Eine Gründung, die sich ausdrücklich gegen die Aufsicht richtet und deren Gründungsversammlung einem Geistlichen die Tür weist, ist die Ausnahme.
Damit ist auch der Charakter benannt, auf den sich der Verein bis heute beruft: eine Arbeiterschaft, die sich ihren Sonntagnachmittag nicht vorschreiben ließ. Dass die Kirche in dieser Erzählung der Gegner ist, gehört zur Vereinsgeschichte und nicht zur späteren Deutung.
Die polnische Vorgeschichte
Der Beitrag verknüpft sie mit der Gegenwart von 2012, als drei polnische Spieler in der Mannschaft standen: Der Verein sei für sie deshalb anschlussfähig, weil seine eigene Frühgeschichte polnisch geprägt ist.
Das ist historisch belegbar. Die Zuwanderung aus den preußischen Ostprovinzen in das Ruhrgebiet prägte die Bevölkerung des Dortmunder Nordens, und die Namensliste der Gründungsmitglieder enthält entsprechende Namen. Ein Verein, der aus dieser Arbeiterschaft entstand, hat eine Migrationsgeschichte im Gründungsprotokoll – lange bevor der Begriff existierte.
Was aus dem Verhältnis geworden ist
Der Beitrag stellt die Frage von 2012 sachlich: Fußball als Feind der Kirche? Immer weniger Menschen gingen in die Messe, auch weil sonntags gespielt wird.
Die Antwort ist inzwischen die umgekehrte. Kirchliche Angebote in Stadien sind Standard geworden – Kapellen, Andachten vor Heimspielen, Seelsorge für Vereine und Fanszenen –, und die Anstoßzeiten sind längst nicht mehr die Konkurrenz des Gottesdienstes, sondern die des Fernsehens. Von dem Konflikt, aus dem der Verein hervorging, ist damit nur eines geblieben: das Gründungsdatum an einem Adventssonntag.
Was an dieser Überlieferung belegt ist
Die Grundzüge sind durch den Verein selbst und durch die Vereinsliteratur dokumentiert: das Datum, der Ort, die Rolle des Kaplans, die zusätzliche Sonntagsandacht, die Verlegung der Treffen ins Pfarrheim und die Namen der 18 Gründer. Die Szene, in der dem Geistlichen die Tür gewiesen wird, gehört zum festen Bestand der Erzählung und wird in den Vereinsdarstellungen ebenso wiedergegeben.
Was sich nicht belegen lässt, ist der Wortlaut jenes Abends. Gründungsversammlungen kleiner Arbeitervereine hinterlassen kein Protokoll, das eine Diskussion abbildet; überliefert sind das Ergebnis und die Namen. Wer solche Geschichten weitererzählt, sollte diese Grenze mitnennen – nicht weil die Überlieferung zweifelhaft wäre, sondern weil sie zwei verschiedene Sicherheitsgrade enthält.
Der Name
Über die Herkunft des Vereinsnamens bestehen zwei Deutungen, die sich beide auf denselben Abend beziehen: eine Brauerei in der Nachbarschaft, die so hieß, und die lateinische Bezeichnung für Preußen. Belegt ist keine von beiden abschließend – was für einen Verein, dessen Gründung so genau datiert ist, ein bemerkenswerter Widerspruch bleibt.
Für die Rekonstruktion der Frühzeit deutscher Vereine ist das die Regel und nicht die Ausnahme: Was gesichert ist, sind Daten, Orte und Namen; was erzählt wird, ist die Szene.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWann und wo wurde Borussia Dortmund gegründet?
Am 19. Dezember 1909, dem vierten Adventssonntag, im Wirtshaus „Zum Wildschütz“ in der Oesterholzstraße im Dortmunder Norden – nach dem Streit mit dem Kaplan der Gemeinde.
Wer waren Gustav Müller, Hans Debest und Hans Kahn?
Drei der 18 Gründungsmitglieder. Zu ihnen gehörten außerdem Franz und Paul Braun, Heinrich Cleve, Paul Dziendzielle, die Brüder Jacobi, Franz Risse, Fritz Schulte, Hans Siebold, August Tönnesmann, Heinrich und Robert Unger, Fritz Weber und Franz Wendt.
Warum war die Kirche gegen den Fußball?
Beanstandet wurden das raue Spiel und das Umfeld – insbesondere die Treffen im Wirtshaus. Der Kaplan setzte deshalb eine zusätzliche Andacht am Sonntagnachmittag an und verlangte, die Zusammenkünfte ins Pfarrheim zu verlegen.