FankulturDokumentation · Deutschland
Matzes Viererkette

Die Fünfjahreswertung und die Loyalität

Wenn deutsche Klubs international spielen, folgt in jeder Saison dieselbe Aufforderung: mit den anderen mitfreuen, der Fünfjahreswertung zuliebe. Der Beitrag vom September 2012 widerspricht ihr.

Was die Wertung tatsächlich ist

Die UEFA führt für jeden nationalen Verband einen Koeffizienten, der sich aus den Ergebnissen seiner Klubs in den europäischen Wettbewerben der letzten fünf Jahre errechnet. Aus der Rangfolge dieser Koeffizienten ergibt sich, wie viele Startplätze eine Liga in der folgenden Saison bekommt und in welcher Runde ihre Vertreter einsteigen.

Damit ist die Aufforderung sachlich begründet: Der Erfolg eines Konkurrenten kann dem eigenen Verein einen Startplatz einbringen, den er sonst nicht hätte. Das ist keine Erfindung von Fernsehredaktionen, sondern eine Rechnung.

Der Einwand

Er ist keiner gegen die Rechnung, sondern gegen die Erwartung, aus einer Rechnung ein Gefühl zu machen. Der Autor formuliert es als Frage: Warum muss er sich als Anhänger seines Vereins über den Finaleinzug des Meisterschaftskonkurrenten freuen?

Und er nennt den Widerspruch, an dem die Aufforderung scheitert: National werden zwischen denselben Anhängerschaften die schwersten Beschimpfungen ausgetauscht, international soll man Verbündeter sein. Wer das eine ernst nimmt, kann das andere nicht mitmachen.

Zwei Rollen, die vermischt werden

Vermischt werden hier zwei verschiedene Rollen. Als Interessent an der eigenen Liga hat ein Anhänger einen Vorteil vom Erfolg der anderen; als Anhänger seines Vereins hat er keinen. Beides gilt gleichzeitig, und die Frage ist nur, welche Rolle jemand am Dienstagabend einnimmt.

Der Beitrag entscheidet sich für die zweite, und er begründet es mit Konsequenz statt mit Sportlichkeit: Er habe einen Verein, dem sein Herz gehört, und werde für einen anderen keine Freudentränen vergießen. Das ist eine Haltung, die niemandem etwas nimmt – die Startplätze kommen ohnehin, ob man sich freut oder nicht.

Zwei Beobachtungen, seither bestätigt

Zwei Beobachtungen, die sich in den Jahren danach bestätigt haben. Erstens: Die Wertung begünstigt die Klubs, die ohnehin international spielen, weil ihre Ergebnisse sie erzeugen – ein zusätzlicher Startplatz landet in der Regel nicht bei dem Verein, dessen Anhänger zum Mitfreuen aufgefordert wurden.

Zweitens: Die Aufforderung kommt fast immer von außen – aus Berichterstattung und Verbänden, nicht aus den Kurven. In der Kurve wird die Frage anders gestellt, nämlich als Frage nach der eigenen Glaubwürdigkeit.

Der Punkt, an dem es praktisch wird

Zugespitzt wird der Einwand mit einer einfachen Probe: Wer die Solidarität ernst meint, müsste konsequenterweise auch Karten für ein Auswärtsspiel des Konkurrenten in Frankreich kaufen und mitfahren. Das tut niemand – und damit ist die Grenze der Solidarität beschrieben, ohne dass darüber gestritten werden müsste.

Genau daran hängt der Wert dieses kurzen Beitrags. Er widerlegt keine Rechnung, sondern eine Erwartung, und er tut es mit dem einzigen Maßstab, der in Fanfragen zählt: Was jemand tatsächlich tut.