Der Heimschiedsrichter
Samstag, 16 Uhr, Kreisliga. Die Gäste hatten eine lange Anreise hinter sich, der Platz war in desolatem und ungekreidetem Zustand, an der Bude gab es Bier und eine mittelmäßige Bratwurst – aufgemacht für immerhin sechs Zuschauer.
Der Gegenstand
Nicht das Spiel, sondern die Spielleitung. Der Bericht beschreibt einen Schiedsrichter, der einen Bogen rund um den Mittelkreis ablief und an diesem Tag maximal sechzig bis hundert Meter zurückgelegt haben dürfte – mit Laufen im Sinne von Schlendern.
Der Verfasser hält ausdrücklich fest, dass er nicht gehässig wirken will: Der Mann sei älter, und Alter bringe Routine. Genau diese Erwartung wird im Folgenden enttäuscht.
Die Entscheidungen
Aufgezählt werden zwei, die keine Auslegungsfragen sind. Ein Rückpass von vorn nach hinten ist nach den Regeln kein Abseits – gepfiffen wurde Abseits. Ein Spieler blockt einen Ball, ohne einen Gegner zu gefährden – gegeben wurde Gelb.
Aus mehreren solchen Aktionen zieht der Bericht den Schluss, der Schiedsrichter habe der Heimmannschaft zum Sieg verhelfen wollen. Das ist eine Zuschreibung von Absicht, und sie ist von außen nicht belegbar; die aufgezählten Entscheidungen sind es.
Die Ebene, auf der der deutsche Fußball tatsächlich stattfindet
Über Videobeweis, Torlinientechnik und halbautomatisches Abseits wird in den obersten zwei Ligen diskutiert; in den Kreisligen leitet eine Einzelperson ohne Assistenten ein Spiel, das über Auf- und Abstiege entscheidet.
Und weil derselbe Verband, dessen Sicherheitspapiere und Sanktionsordnungen den größeren Teil dieser Sammlung füllen, für die Ausbildung und Zuteilung dieser Schiedsrichter zuständig ist. Der Aufwand, mit dem im Profibereich um Sekundenentscheidungen gestritten wird, hat auf diesem Platz kein Gegenstück.
Der Mangel, der dahintersteht
Er ist bekannt und in jeder Saison größer: Es fehlen Schiedsrichter. Wo zu wenige zur Verfügung stehen, werden Spiele von denen geleitet, die verfügbar sind – und ein Verband, der Spielleitungen absagen müsste, setzt sie lieber ein.
Daraus folgt eine unbequeme Einordnung dieses Berichts: Was er beschreibt, ist kein Einzelfall und kein Charakterproblem, sondern die Folge einer Personallage.
Sechs Zuschauer sind die übliche Größenordnung
Die Beiträge dieser Sammlung handeln von Stadien mit fünfzigtausend Plätzen, von Kartenkontingenten und Zweitmärkten – und daneben steht ein Platz, auf dem es keine Kreidelinie gibt und an dem eine Bude für sechs Leute geöffnet wird.
Die Figur am Rand
Der Bericht nennt unter den sechs Zuschauern einen selbsternannten Millionär aus dem Ort, der im Verlauf des Spiels noch seinen Auftritt bekommen sollte. Diese Ankündigung ist die Erzähltechnik des Textes: Er baut aus einem Kreisligaspiel eine Szenenfolge mit Personal.
Dass so etwas möglich ist, liegt an der Größenordnung. In einem Stadion mit fünfzigtausend Menschen gibt es kein Personal, nur Blöcke; bei sechs Zuschauern ist jeder einzelne eine Figur, und der Bericht liest sich entsprechend – als Dorfgeschichte mit Ball.