FankulturDokumentation · Deutschland
Pusteblume

Der Fangipfel in Berlin

Einen Monat vor der Abstimmung über das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ kamen in Berlin Fanvertreter aus den Vereinen zusammen. Medienvertreter waren nicht zugelassen, damit ungestört diskutiert werden konnte – und genau deshalb existieren über den Abend fast nur Berichte von Teilnehmern.

Die Frist

Ein Vertreter aus Berlin rechnete den Ablauf vor: Den Vereinen war von Mitte September bis zum 22. Oktober Zeit gegeben worden, zu dem Papier Stellung zu nehmen; entschieden werden sollte am 12. Dezember.

Sechs Wochen sind für ein Regelwerk, das Einlasskontrollen, Kartenkontingente und Stadionverbote betrifft, eine kurze Frist – vor allem für Vereine, die die Stellungnahme mit Ordnungsdienst, Sicherheitsbeauftragten und Fangremien abstimmen müssten. Die Kritik richtete sich also nicht zuerst gegen den Inhalt, sondern gegen das Verfahren: Ein Zeitplan, der Beteiligung praktisch ausschließt, produziert Widerspruch unabhängig davon, was in dem Papier steht.

Die Forderung

Verhandelt wurde das Verhältnis zwischen Fans, Verbandsvertretern und Vereinsfunktionären. Kritisiert wurde die Hierarchie, sobald es um Belange der Anhänger geht, und gefordert wurde, Fans in die Vereinsgremien einzubeziehen und gleichzustellen.

Diese Forderung ist die dauerhafte, und sie ist die einzige, die eine Struktur ändern würde. Alle anderen Punkte jener Monate – Pyrotechnik, Kontrollen, Anstoßzeiten – sind Einzelfragen, die immer wieder neu verhandelt werden müssen; ein Sitz in einem Gremium verhandelt sie dauerhaft mit.

Die Berichterstattung

Scharf kritisiert wurde die aufgeregte Berichterstattung nach Vorfällen im Umfeld von Spielen. Der Bericht hält dazu eine Einschränkung fest, die aus einer Fanszene selten kommt: Presseleute geraten bei solchen Vorgängen oft unfreiwillig selbst in körperliche Auseinandersetzungen und berichten anschließend unter dem Eindruck des Erlebten – so beim Hamburger Hallenturnier im Januar 2012.

Damit ist die Kritik präziser als die üblichen Pauschalvorwürfe. Sie unterscheidet zwischen einer Redaktionslinie und der Lage eines Berichterstatters, der eben noch selbst bedrängt wurde.

Der Satz von der Gegenseite

Der künftige Geschäftsführer des Ligaverbandes äußerte den Wunsch, Fußballfans sollten sich ihrem Verein gegenüber loyaler zeigen, statt Straftäter aus der eigenen Szene zu decken.

Das ist die Kernforderung der Verbandsseite in diesen Jahren, und sie beschreibt genau die Stelle, an der beide Seiten aneinander vorbeireden. Aus Verbandssicht geht es um Mitwirkung bei der Aufklärung; aus Kurvensicht darum, dass jemand, der Namen nennt, in der eigenen Gruppe nicht mehr existieren kann – und dass die Aufforderung von einer Seite kommt, die für den Schutz des Betreffenden nicht zuständig ist.

Der eigentliche Anlass des Beitrags

Auf dem Gipfel sprach auch der Sicherheitsbeauftragte des FC St. Pauli, dessen Arbeit am Millerntor der zweite Teil des Beitrags behandelt. Der Verein galt in dieser Debatte als Gegenbeispiel: ein Standort mit ausgeprägter aktiver Fanszene, in dem Sicherheitsfragen über Jahre mit denselben Ansprechpartnern verhandelt wurden statt über Auflagen.

Genau darin liegt der Wert dieses Dokuments. Es hält fest, dass es in derselben Liga und im selben Jahr beide Modelle gab – und dass das Papier, über das im Dezember abgestimmt wurde, für alle Standorte gleichzeitig gelten sollte.