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Rotstift

Leere Reihen ohne Protest

Leere Plätze in einer Kurve werden im Fußball fast immer als Botschaft gelesen. Im September 2012 blieben beim Champions-League-Heimspiel des FC Bayern gegen Valencia in der Südkurve viele Reihen frei, und die Deutung stand sofort fest: ein Protest der Ultras.

Was tatsächlich der Fall war

Es war kein Protest, und es waren nicht die organisierten Gruppen. Ein Teil der üblichen Stehplatzbesucher hielt sich an diesem Abend lediglich an die Stadionordnung – also an die Regel, dass man nur den Block betritt, für den die eigene Karte gilt.

Damit war die Lücke sichtbar, die vorher durch einen Regelbruch gefüllt worden war. Das ist die genaue Umkehrung dessen, was berichtet wurde: Nicht ein Protest ließ die Reihen leer, sondern das Ende einer eingespielten Praxis.

Die Ursache liegt im Umzug

Mit dem Wechsel vom Olympiastadion in den Neubau im Norden Münchens sank die Zahl der Stehplätze deutlich, und die verbleibenden wurden geteilt: eine Hälfte in der Südkurve, die andere am gegenüberliegenden Ende.

Für eine Fanszene, deren Funktionsweise auf einem zusammenhängenden Block beruht, ist eine Teilung kein kleineres Kontingent, sondern ein anderes Produkt. Wer im Norden steht, kann im Süden nicht mitsingen – und beide Hälften sind zu klein, um allein zu tragen.

Warum daraus ein Regelbruch wurde

In einem Stadion, das jedes Spiel ausverkauft ist, ist eine Stehplatzkarte für Nachwuchs praktisch nicht zu bekommen. Wer trotzdem im Stehplatzbereich sein wollte, verschaffte sich den Zugang mit einer Karte für einen anderen Block.

Das ist illegal, es war es immer, und es ist auch nicht auf Fußball beschränkt – bei großen Konzerten passiert dasselbe mit dem Innenraum. Der Verein sah lange nicht hin und ging dann gegen das Symptom vor, mit verschärften Kontrollen am Übergang.

Der Unterschied zwischen verhindern und überflüssig machen

Der Einwand aus der Fanszene war nicht, dass die Kontrolle unrechtmäßig sei, sondern dass sie am falschen Punkt ansetzt. Verhindert wird der Zugang; erzeugt wurde er von einem Kontingent, das zu klein und geteilt ist.

Konzepte für eine Umgestaltung lagen vor, mehrere davon von Faninitiativen erarbeitet und mit Polizei und Feuerwehr abgestimmt. Umgesetzt wurde davon zunächst ein kleiner Teil: rund hundert Stehplatzkarten, die Besuchern unter 21 Jahren vorbehalten sind.

Was der Vorgang über Deutungen sagt

Er ist das beste Beispiel dafür, wie schnell ein Bild eine Erklärung bekommt, die niemand geprüft hat. Innerhalb von Minuten stand in Stadion, Berichterstattung und Netzwerken die Version fest, es handele sich um einen Protest – und die Kritik richtete sich gegen eine Gruppe, die an dem Vorgang keinen Anteil hatte.

Die Regel, die daraus folgt, ist unspektakulär: Ein leerer Block ist zuerst eine Beobachtung, nicht eine Aussage. Wer wissen will, warum er leer ist, muss die Kartensituation kennen – und die steht in keinem Livebild.