FankulturDokumentation · Deutschland
Beobachtung

Zehn Thesen zu vier Aufklebern

2013 war im Netz ein Foto unterwegs: eine Heckklappe mit vier Vereinsaufklebern, die nicht zusammenpassen – Arminia Bielefeld, Borussia Mönchengladbach, FC St. Pauli und Preußen Münster.

Der Beitrag stellt dagegen zehn Erklärungsversuche, durchnumeriert und mit Bezeichnungen wie touristische, bürgerliche, künstlerische und Karrierethese.

Ein Aufkleber gilt als Bekenntnis

Ein Vereinsaufkleber wird als Bekenntnis gelesen, und ein Bekenntnis setzt Ausschließlichkeit voraus. Diese Regel steht nirgends, und jeder kennt sie: Man hat einen Verein, man kann einen zweiten in einer anderen Liga dulden, und man hat keine vier.

Genau deshalb funktioniert das Foto. Es verstößt gegen eine Norm, die niemand formuliert hat, und der Beitrag macht den Verstoß zum Gegenstand einer Untersuchung.

Die brauchbarsten der zehn Thesen

Zwei davon sind keine Witze, sondern die naheliegenden Erklärungen.

Die eine ist die Familienthese: vier Personen in einem Haushalt, vier Vereine, ein Auto. Wer das Auto gemeinsam nutzt, klebt gemeinsam. Diese Erklärung ist banal und wahrscheinlich richtig, und der Beitrag erkennt das, indem er sich vorstellt, wie diese Familie zusammen die Sportschau sieht.

Die andere ist die touristische These: Aufkleber als Reiseerinnerung, gleichrangig mit dem Umriss einer Insel und einem Freizeitparkaufkleber. Auch das ist ernst zu nehmen – für den größeren Teil der Bevölkerung ist ein Stadionbesuch ein Ausflug und kein Bekenntnis.

Die These, die der Beitrag am liebsten hätte

Die kulturkritische: Der Fahrer nehme eine bewusste Veralberung der Fankultur mit ihren Riten, Rivalitäten und Ehrenhändeln vor. Der Autor fügt hinzu, dass er das mit Respekt zur Kenntnis nehmen würde.

Das ist der Moment, in dem die Glosse etwas über ihren Gegenstand sagt. Wer diese Möglichkeit für die beste hält, hält die Regel selbst für parodierbar – und das ist eine Position innerhalb der Fankultur, nicht außerhalb.

Wo sie schwächer wird

Die letzten Thesen steigern sich zu einem Witz über eine psychische Erkrankung und zu einem Ausruf nach einem Exorzisten. Der Diagnosenwitz ist die schwächste Stelle des Textes: Er nimmt eine reale Krankheit als Pointe, und er ist der einzige Punkt, an dem die Glosse jemanden trifft, der nichts damit zu tun hat.

Der Beitrag verwendet außerdem in einer der Thesen eine gängige abwertende Bezeichnung für die Anhängerschaft eines der vier Vereine. Sie ist hier nicht wiedergegeben.

Der Satz, mit dem er endet

Eine Bitte an den Fahrer, den Text mit dem Humor zu lesen, mit dem er geschrieben wurde.

Das ist die Selbsteinordnung eines Fanblogs, das über eine identifizierbare Person schreibt – und in dieser Sammlung eine seltene: Die meisten Beiträge, die über andere spotten, spotten über Verbände, Vereine und Ligen, also über Adressaten, die zurückschreiben können.

Was hinter dem Witz steht

Ein Vereinsaufkleber ist die günstigste und dauerhafteste Form, eine Zugehörigkeit öffentlich zu machen. Er kostet wenige Euro, hält Jahre, wird auf der Autobahn von Fremden gelesen und gelegentlich beantwortet – mit einem Gruß im Rückspiegel oder mit etwas anderem.

Damit ist er eine der wenigen Stellen, an denen Fankultur außerhalb von Stadion und Netz stattfindet, und die Sicherheitsdebatte dieser Jahre hat ihn nie erreicht. Diese Sammlung enthält viele Beiträge über Kontrollen, Verbote und Verfahren; ein Beitrag über vier Aufkleber beschreibt den Teil, über den nie verhandelt wurde.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Welche Kombination war es?

Vier Vereinsaufkleber auf einer Heckklappe: Arminia Bielefeld, Borussia Mönchengladbach, FC St. Pauli und Preußen Münster – zwei Ligen, vier Regionen und mindestens zwei Rivalitäten.

Was macht der Beitrag daraus?

Zehn Erklärungsversuche, von der Reiseerinnerung über den Kegelclub und die Familienkutsche bis zur bewussten Parodie auf Fankultur.

Warum ist die Kombination auffällig?

Weil ein Vereinsaufkleber als Bekenntnis gelesen wird, das Ausschließlichkeit voraussetzt. Vier gleichzeitig widersprechen der Regel, die niemand aufgeschrieben hat.