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Beobachtung

Derby ohne Derby

Im August 2012 trafen Arminia Bielefeld und der SC Paderborn 07 im DFB-Pokal aufeinander, und die regionale Presse kündigte die Partie als ostwestfälisches Derby an. Der Kartenvorverkauf wurde in kurzen Abständen vermeldet, die Trainer zum Doppelinterview gebeten, die alten Oberligastatistiken hervorgeholt. Am Ende stand ein Pokalsieg der Bielefelder, ein Spielbericht und ein Foto vom Händedruck der beiden Oberbürgermeister. Ein Derby war es nicht, und das lag nicht am Spielverlauf.

Zwei Städte, die nie viel miteinander zu tun hatten

Rivalität zwischen Vereinen ruht fast immer auf einer Konkurrenz, die älter ist als der Fußball. Zwischen Bielefeld und Paderborn gibt es diese Grundlage kaum. Paderborn entstand um 770 als christlicher Stützpunkt gegen die Sachsen und wuchs im Schutz seines Doms; Bielefeld wird erstmals 1214 urkundlich erwähnt und verdankt seine Lage einem Paß durch den Teutoburger Wald und der Kreuzung zweier Handelswege. Zu diesem Zeitpunkt war Paderborn längst Hauptstadt eines eigenständigen Bistums mit eigenem Siegelrecht. Das Stadtrecht erhielt Bielefeld nicht von Paderborn, sondern vom damals zuständigen Münster.

Auch wirtschaftlich liefen die Wege auseinander statt gegeneinander. Bielefeld stieg über Herstellung und Handel von Leinentuch auf und wurde im Zuge der Industrialisierung zur größten und wirtschaftsstärksten Stadt der Region. Paderborn blieb Bistumshauptstadt. Zwei Städte, deren Branchen und Universitäten sich nie ernsthaft ins Gehege kamen, erzeugen keine Städtekonkurrenz, wie sie zwischen Köln und Düsseldorf oder zwischen Hamburg und Bremen besteht – und ohne diese Konkurrenz fehlt dem Fußball die Vorlage. Die Schmährufe, die sich daraus ableiten ließen, führen das vor: „Erzbischof“ gegen „Leineweber“ ist eine Feststellung über zwei Stadtgeschichten, kein Streit.

Der fehlende Gleichschritt

Was Rivalitäten wie BVB gegen Schalke oder Bielefeld gegen Münster trägt, ist der sportliche Gleichschritt: zwei Vereine, die über Jahre in derselben Liga stehen, sich gegenseitig Aufstiege verbauen und dieselben Tabellenplätze umkämpfen. Bielefeld und Paderborn standen fast nie so zueinander.

Arminia blickte 2012 auf 107 Jahre Vereinsgeschichte, zwei westdeutsche Meisterschaften, zwei Pokal-Halbfinals, 22 Bundesligasaisons und einen Bundesligaskandal – und spielte nach mehreren finanziellen Fehlgriffen in der Dritten Liga. Der SC Paderborn 07 stand demgegenüber in der Zweiten Liga und finanziell gesund da. Seine Vereinsgeschichte ist eine Fusionsgeschichte: die „07“ verweist auf den SV 07 Neuhaus, der 1973 mit dem TuS Sennelager zum TuS Schloß-Neuhaus zusammenging und 1985 mit dem 1. FC Paderborn zum TuS Paderborn-Neuhaus verschmolz, dessen Vereinsfarben er übernahm. Der TuS war kontinuierliches Mitglied der Oberliga Westfalen und deren letzter Meister, bevor 1994 die Regionalligen als dritthöchste Spielklasse eingeführt wurden. Der heutige Name und der sportliche Aufschwung datieren auf den Einstieg eines Möbelunternehmers etwa ein Jahrzehnt vor dem Pokalspiel.

Gemeinsame Ligazeiten gab es, aber sie erzeugten keine Reibung. In der Oberliga Westfalen zwischen 1988 und 1994 war Paderborn für Arminia ein Gegner unter vielen auf dem Weg zurück in die Zweite Liga, zumal in dieser Liga alles Nachbarschaft war und Verl und Gütersloh näher an Bielefeld liegen. Die eine Ausnahme war die Saison 1989/90: Arminia führte früh die Tabelle an, der TuS blieb hartnäckig dran, im Herbst 1989 gewann Arminia das Spitzenspiel auf der ausverkauften Alm mit 6:1, und Paderborn brach in der Rückrunde ein. 1993/94, als der TuS Meister wurde, war Arminia keine ernsthafte Konkurrenz. Die beiden gemeinsamen Zweitligasaisons 2009 bis 2011 endeten aus Bielefelder Sicht mit zwei Siegen, einem Unentschieden und einer Niederlage – und fielen in eine Zeit, in der die Arminia mit der eigenen Misswirtschaft beschäftigt war. Beim Heimspiel gegen Paderborn blieben die Zuschauer die ersten fünfzehn Minuten aus Protest gegen den Vorstand vor der Südtribüne stehen; der 3:0-Sieg trat dahinter zurück.

Wo Arminias Rivalität tatsächlich lag

Bis in die 1960er Jahre hatte Bielefeld einen echten Lokalrivalen: den VfB 03 Bielefeld. Das Duell hatte alles, was Paderborn fehlt – Arbeiter gegen Bürgertum, „Mitte“ gegen „West“, Rote gegen Blaue, „Hüpker“ gegen „Arminen“. Arminias Chronik berichtet von Platzstürmen, Massenschlägereien und einer Trennung der Zuschauerlager durch starke Polizeikräfte. Diese Rivalität endete nicht durch Versöhnung, sondern durch den Gleichschritt: als Arminia sich in Richtung höhere Ligen verabschiedete, war die Grundlage weg.

Eine Szene, die sich noch sortiert

Auf Paderborner Seite kam ein zweiter Umstand hinzu. Die Vereinsstrukturen bestanden 2012 seit 27 Jahren, der Name gut ein Jahrzehnt, und die Fanszene war entsprechend jung. In den Foren der Fanclubs wurde damals offen eingeräumt, dass die Heimspielbesucher stark aus Gelegenheitspublikum bestanden, darunter Jugendliche, die auch den BVB anfeuerten, und dass man auf eine bewusste Entscheidung für den eigenen Verein hoffte. Die Debatten um Ultras und Pyrotechnik wurden mehrheitlich skeptisch verfolgt.

Damit stand die Paderborner Szene ohne Gegenüber da – und griff nach einem. Bielefeld hieß in dieser Rhetorik „Bitterfeld“ oder „die verbotene Stadt“, Arminia „Bielesau“ oder „Bieleschiss“: die Sprache einer Rivalität, deren Gegenstand fehlt. Aus Bielefelder Richtung kam die Spiegelung, Paderborn seien Emporkömmlinge und Opportunisten. Beide Seiten führten dabei Argumente, die auf der anderen nicht zünden konnten, weil sie verschiedene Maßstäbe benannten: Tradition und gewachsene Szene auf der einen Seite, sportliche Höherklassigkeit auf der anderen. Beides zutreffend, und deshalb kein Streit.

Was übrig blieb

Der Pokalabend hat die Frage, wer „die Nummer eins in Ostwestfalen“ ist, nicht entschieden, weil sie mit den vorgebrachten Argumenten nicht entscheidbar ist. In beiden Vereinsgeschichten bleibt das Spiel eine Fußnote. Ob zwischen Arminia Bielefeld und dem SC Paderborn 07 einmal eine echte Rivalität entsteht, hängt an derselben Bedingung wie überall: daran, dass beide über Jahre um dieselben Plätze spielen.