Zelte am Gästeeingang
Am 9. November 2012 informierten die Fanbeauftragten von Eintracht Frankfurt die eigenen Anhänger darüber, was sie am Tag darauf beim Spitzenspiel in München erwartete: Zelte am Gästeeingang, aufgestellt für mögliche Voll- und Ganzkörperkontrollen, abgestimmt zwischen dem gastgebenden Verein und der örtlichen Polizei.
Was an dieser Mitteilung ungewöhnlich ist
Nicht die Maßnahme, sondern der Absender. Hier widersprach nicht eine Ultragruppe, sondern die offizielle Fanbetreuung eines Bundesligavereins – unterstützt von einem Vorstandsmitglied und dem Sicherheitsbeauftragten desselben Klubs.
Fanbeauftragte sind Angestellte. Eine öffentliche Erklärung gegen die Sicherheitsplanung eines anderen Vereins ist für sie kein Aktivismus, sondern ein dienstlicher Vorgang mit Rückendeckung von oben. Genau das macht das Dokument wertvoll: Es belegt, dass der Einwand nicht nur aus der Kurve kam.
Die Begründung, die vorgetragen wurde
Sie ist empirisch und nicht grundsätzlich. Verwiesen wurde auf die Historie der Spiele in München: Jahrzehnte ohne nennenswerte Vorfälle, im Olympiastadion wie im Neubau. Ohne begründeten Verdacht und ohne Vorgeschichte seien solche Kontrollen unangemessen.
Dieselbe Einschätzung äußerten nach der Mitteilung auch die szenekundigen Beamten der Frankfurter Polizei: Zelte dieser Art seien nicht zielführend und würden lediglich als Provokation empfunden. Damit lag ein Einwand von der Stelle vor, die die Gästefanszene tatsächlich kennt.
Was aus der Ankündigung wurde
Die Maßnahme blieb. Mitgeteilt wurde, dass es „in Einzelfällen“ zu Ganzkörperkontrollen durch den Ordnungsdienst des Gastgebers und die Polizei kommen könne.
Die Fanbeauftragten kündigten daraufhin an, am Gästeeinlass anwesend zu sein – vor, während und nach dem Spiel –, den Gästeblock selbst aber nicht zu betreten. Zu einem Boykott rief die Erklärung ausdrücklich nicht auf, und sie erklärte ebenso ausdrücklich, niemanden zu einer Reaktion bewegen zu wollen.
Warum diese Form die wirksamere ist
Ein Boykottaufruf hätte die Debatte verschoben: Es wäre um den Aufruf gegangen und nicht um die Zelte. Der gewählte Weg – informieren, widersprechen, anwesend bleiben, den Block nicht betreten – enthält eine sichtbare Distanzierung ohne Druck auf die eigenen Anhänger.
Das ist die anspruchsvollste Variante einer Stellungnahme, und sie funktioniert nur, wenn der Absender glaubwürdig ist. Deshalb ist die Rolle der Fanbetreuung in diesen Jahren so umstritten gewesen: Sie liegt zwischen Verein und Kurve, und jede Erklärung dieser Art kostet sie auf einer der beiden Seiten Vertrauen.
Was der Vorgang über Auswärtsspiele zeigt
Die Kontrollen am Gästeeingang sind der Punkt, an dem ein Auswärtsfahrer keine Wahl hat. Auf den Weg dorthin kann er Einfluss nehmen, auf sein Verhalten im Block ebenfalls – der Einlass ist der Teil des Spieltags, der ihm vollständig zugewiesen wird.
Genau deshalb ist er in dieser Sammlung ein wiederkehrendes Thema. Ein Ablauf, den eine Person nicht beeinflussen kann, ist die Stelle, an der sich Vertrauen in eine Veranstaltung entscheidet – und die Zelte von 2012 sind das am besten dokumentierte Beispiel.