Kriegsvokabular
In der Sicherheitsdebatte des Jahres 2012 hatte sich eine Sprache etabliert, die aus anderen Zusammenhängen stammt: kriegsähnliche Zustände, und in einer Talkshow der Vergleich von Fußballfans mit Taliban. Im Dezember 2012 erschien in einem Nachrichtenmagazin ein Kommentar, der auf dieser Linie lag und den Ultras absprach, überhaupt Dialog zu wollen.
Die Behauptung und die Gegenrechnung
Als Belegzahl diente der Anstieg der Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz um 77 Prozent nach der Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze.
Die Zahl ist richtig. Nur nennt derselbe Bericht auch eine Ursache: Die abgebrochenen Gespräche zwischen Verbänden und Fanvertretern hatten zu der Eskalation beigetragen – der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit hatte im Anschluss an das Ende der Gespräche selbst darauf hingewirkt, dass sie wieder aufgenommen werden.
Damit steht in der Quelle, aus der die Zahl stammt, das Gegenteil dessen, was mit ihr belegt werden sollte. Ein Anstieg nach dem Abbruch von Gesprächen ist kein Argument gegen Gespräche.
Die „Geisterdiskussion“
Der Kommentar bestritt zudem, dass es je eine belastbare Aussicht auf einen Kompromiss zur Pyrotechnik gegeben habe – angeblich habe ein früherer Verbandsfunktionär etwas in Aussicht gestellt.
Belegt war das Gegenteil bereits damals, unter anderem in einem auf dieser Domain veröffentlichten Interview mit dem früheren Sicherheitsbeauftragten des Verbandes. Es gab Gespräche, es gab eine Arbeitsgrundlage, und es gab ein Ende dieser Gespräche – was man davon halten will, ist eine Meinung; dass es sie gab, ist es nicht.
Der Vorwurf, den das Schweigen widerlegte
Behauptet wurde weiter, Ultras beanspruchten für sich, die einzigen echten Fans zu sein und hielten sich für unverzichtbar.
In denselben Wochen schwiegen die Kurven an drei Spieltagen jeweils zwölf Minuten und zwölf Sekunden. Dieses Mittel setzt genau das Gegenteil voraus: Es funktioniert nur, weil alle anderen im Stadion merken, dass etwas fehlt – und es ist die freiwillige Aufgabe der eigenen Rolle für eine begrenzte Zeit. Eine Gruppe, die sich für unverzichtbar hält, streikt nicht; sie eskaliert.
Wirkung hatte es entsprechend. Spieler, Trainer, Funktionäre und Berichterstattung waren sich in diesen Wochen einig, dass man ein solches Szenario nicht wollen kann – was zugleich die Wirksamkeit des Mittels und den Wert dessen belegt, was da ausgesetzt wurde.
Warum die Sprache das eigentliche Thema ist
Ein Vokabular aus Krieg und Terrorismus entscheidet die Debatte vor dem ersten Argument. Wer Zuschauer als Kämpfer beschreibt, kann anschließend keine Verhältnismäßigkeit mehr prüfen – gegen einen Gegner gibt es Mittel, gegen ein Publikum nur Regeln.
Genau deshalb war der Streit über einzelne Formulierungen in diesen Monaten kein Nebenschauplatz. Er entschied darüber, in welchem Rahmen über 13 Millionen Stadionbesucher gesprochen wird, und dieser Rahmen hat länger gehalten als jeder einzelne Beschluss der Saison 2012/13.