FankulturDokumentation · Deutschland
Hinweis

Italienische Fankultur in der Krise

In den neunziger Jahren war die italienische Serie A das Nonplusultra des europäischen Fußballs – dorthin gingen die deutschen Spitzenspieler jener Zeit. Der Programmhinweis von November 2012 kündigt eine Reportage an, die fragt, was daraus geworden ist.

Der Widerspruch, den die Reportage aufgreift

Italien gilt als eines der fußballverrücktesten Länder der Welt, mit mehreren täglich erscheinenden Sportzeitungen – und hat gleichzeitig leere und maroder werdende Stadien, sinkende Zuschauerzahlen und wiederkehrende Skandale, sei es um Wetten oder um rechtsextreme Vorfälle.

Drei deutsche Fußballfans reisen dafür durch das Land. Das ist die Form, in der solche Reportagen funktionieren: nicht als Länderbericht, sondern als Besuch von Leuten, die den Vergleichsmaßstab aus der eigenen Liga mitbringen.

Die Ultrabewegung kommt aus Italien

Die Ultrabewegung, um die in dieser Sammlung an vielen Stellen gestritten wird, kommt aus Italien. Choreografien, Vorsänger, Zaunfahnen, die Organisationsform selbst – all das ist in den achtziger und neunziger Jahren von dort übernommen worden.

Ein Land, dessen Fankultur als Vorbild galt und dessen Stadien anschließend leer wurden, ist damit der interessanteste Vergleichsfall für die deutsche Debatte. Wer wissen will, was passiert, wenn Sicherheitsauflagen, Anstoßzeiten und Kartenvergabe über Jahre gegen das Publikum entschieden werden, findet dort eine Antwort.

Was die italienischen Maßnahmen waren

Sie sind in Deutschland regelmäßig als Warnung zitiert worden: die Tessera del Tifoso, eine personalisierte Fankarte als Voraussetzung für den Kartenkauf, eingeführt ab 2009/10, sowie weitreichende Aufenthaltsverbote und Auswärtsreisebeschränkungen.

Genau dieses Modell stand im Hintergrund der Debatten dieser Sammlung. Die Vorstellung eines registrierten Publikums, die ein Zukunftsentwurf von 2012 als Schreckbild formulierte, existierte in Italien bereits – und die Zuschauerzahlen sind danach weiter gesunken.

Der Hinweis belegt die Aufmerksamkeit

Belegt ist damit, dass hingesehen wurde. Eine Reportage über italienische Fankultur im deutschen Fernsehen und ihr Hinweis auf einer deutschen Fanseite zeigen, dass der Vergleich in dieser Zeit gesucht wurde – nicht von Verbänden, sondern von den Kurven.

Die Liga hat sich erholt, die Fankarte blieb

Die italienische Liga hat sich seither erholt, mehrere Vereine haben neue Stadien gebaut oder geplant, und die Zuschauerzahlen sind gestiegen. Die personalisierte Fankarte ist mehrfach überarbeitet und in Teilen zurückgenommen worden.

Damit ist der Vergleich in beide Richtungen brauchbar geblieben: als Warnung, wohin ein Umgang mit dem Publikum führen kann – und als Beleg, dass sich eine solche Entwicklung umkehren lässt.

Was drei Reisende leisten können

Sie können nicht erklären, warum eine Liga in zwanzig Jahren ihre Stellung verliert – dafür braucht es Wirtschaftsdaten, Fernsehverträge und Stadionbesitzverhältnisse. Sie können zeigen, wie es aussieht: welche Ränge leer sind, welcher Beton bröckelt, wie ein Einlass abläuft und was auf den Tribünen gesprochen wird.

Für die Fanszenen, an die sich ein solcher Hinweis richtet, ist das der brauchbarere Zugang. Über Erlösverteilung entscheidet niemand auf einer Tribüne; darüber, ob man in ein Stadion gehen will, entscheidet man dort.

Der eigentliche Grund für den Hinweis

Er steht nicht im Text und ergibt sich aus dem Datum. Der Hinweis erschien in den Wochen, in denen über das Sicherheitspapier der deutschen Liga verhandelt wurde – und ein Land, in dem vergleichbare Maßnahmen bereits eingeführt waren, war in dieser Lage das nächstliegende Argument.

Fußballverrückt bei leeren Stadien

Der Titel nennt Italien fußballverrückt und behandelt eine Liga mit leeren Stadien – dieser Widerspruch ist die Klammer des Films und der Grund, aus dem er in einer deutschen Fanszene angekündigt wurde.

Denn er beschreibt einen Zustand, den es hier nicht gibt: In Deutschland waren die Stadien in denselben Jahren so voll wie nie, und die Auslastungsdaten dieser Sammlung zeigen die Größenordnung. Ein Land mit mehr Fußballbegeisterung und weniger Zuschauern ist deshalb genau der Fall, an dem sich zeigen lässt, dass Begeisterung und Stadionbesuch zwei verschiedene Dinge sind.