Sechzig Jahre nach Bern
Am 4. Juli 2014 lag das Endspiel von Bern genau sechzig Jahre zurück, und am Abend desselben Tages spielte die deutsche Mannschaft in Rio de Janeiro um den Einzug ins Halbfinale. Sie gewann gegen Frankreich mit 1:0.
Die Tageskolumne dieser Sammlung zur Weltmeisterschaft 2014 nutzte das Datum für etwas anderes als eine Vorschau: für eine Prüfung der Erzählung, die sich um 1954 gelegt hat.
Die Behauptung, die sie prüft
Dass der Titelgewinn vom 4. Juli 1954 die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik gewesen sei. Diese Formel wird regelmäßig vorgetragen, und die Kolumne hält ihr die Quellen entgegen.
Was die Quellen hergeben
Erstens: Vor dem Turnier gab es keine Begeisterung. Die Nachkriegsgesellschaft war mit dem Wiederaufbau und mit der NS-Zeit beschäftigt, die Vorrundenspiele fanden kaum Beachtung, und auch die Politik rechnete dem Turnier keine Bedeutung zu. Fachleute hielten die Mannschaft für chancenlos, was die Kolumne für einen Irrtum hält – die Mannschaft hatte gute Spieler.
Zweitens: Die Begeisterung stieg im Turnierverlauf, richtete sich aber nach der Darstellung der Kolumne nicht auf die Nation. Dass die Zuschauer im Stadion nach dem Abpfiff die erste Strophe des Deutschlandliedes sangen, erklärt sie damit, dass die Hymnenfrage noch offen war – Kanzler und Bundespräsident stritten darüber, und erst bei der Siegesfeier in Berlin legte der Bundespräsident die dritte Strophe fest und trug den Text vor Ort vor.
Drittens, und das ist das stärkste Argument: Bei den Empfängen entlang der Rückreise des Sonderzuges waren vor allem die Fahnen der regionalen Vereine zu sehen. Wer sich mit einem Staat identifiziert, bringt keine Vereinsfahne mit.
Was sie daraus schließt
Dass der Titel in erster Linie den Anlass gab, nach Kriegsende erstmals öffentlich und gemeinsam zu feiern. Sie bestreitet nicht, dass die Menschen ihren neuen Staat bei dieser Gelegenheit näher kennenlernten – vor der Feier in Berlin wurden Fahnen verteilt und verkauft, und die Hymnenentscheidung fiel dort.
Was in den Aufzeichnungen fehlt, ist der Moment, den man staatsbildend nennen könnte. Die Kolumne setzt dagegen eine kleinere Formel: nicht die Geburtsstunde der Bundesrepublik, sondern die Geburtsstunde ihrer ersten Helden.
Sie stützt das mit zwei weiteren Punkten. Die Olympischen Spiele 1952 hatten bereits gezeigt, dass die Bundesrepublik sportlich nicht abgeschlagen war, und die wirtschaftliche Erholung war 1954 im Gange – die Lage war nicht so schlecht, wie die Erzählung sie braucht.
Der Vorbehalt, den sie selbst formuliert
Der Beitrag sagt ausdrücklich, dass er keine Kritik an der Darstellung sein soll. Sie werde meist nicht für nationalistische Zwecke benutzt, sondern um Begeisterung für den Sport zu entfachen und daran zu erinnern, dass bei einem Turnier alles möglich ist.
Damit endet die Kolumne mit einer Unterscheidung, die selten getroffen wird: Eine Erzählung kann historisch überdehnt und trotzdem harmlos sein. Sie sei weniger eine Geschichte der Nation als eine des Fußballs – kein Staatsgründungsmoment, sondern ein Märchen.
Die Verbindung zum Abend
Der Schluss stellt beide Tage nebeneinander. Vor dem Viertelfinale wünscht die Kolumne sich ein Spiel, wie es 1954 gespielt wurde: nicht schön, aber erfolgreich – und sie erinnert an die Kritik nach dem vorangegangenen Spiel, in dem die Mannschaft mühsam weitergekommen war.
Das Spiel endete 1:0 durch ein Kopfballtor in der ersten Halbzeit. Vier Tage später gewann diese Mannschaft ihr Halbfinale mit 7:1, und am 13. Juli 2014 den Titel.
Vier Wochen, jeden Tag ein Text
Ein Turnier verlangt vier Wochen lang jeden Tag einen Text, und nicht jeder Tag gibt ein Spiel her. Diese Sammlung hatte für die Weltmeisterschaft 2014 eine eigene Rubrik mit durchnumerierten Folgen, geschrieben von wechselnden Autoren.
Was daraus entstand, ist bemerkenswert: An einem Turniertag mit Viertelfinale steht ein Quellentext über die Hymnenfrage von 1954. Genau diese Mischung – Anlass aus dem Spielplan, Gegenstand aus dem Archiv – ist der Grund, aus dem eine solche Rubrik nach dem Turnier noch lesbar ist.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas war am 4. Juli 2014?
Der 60. Jahrestag des Endspiels von Bern – und der Tag des Viertelfinales gegen Frankreich, das mit 1:0 endete und den Einzug ins Halbfinale bedeutete.
Was prüft die Kolumne?
Die verbreitete Darstellung, der Titel von 1954 sei die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik gewesen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Quellen das nicht tragen.
Was war die Rolle der Nationalhymne?
Die Hymnenfrage war 1954 noch nicht abschließend geklärt. Erst bei der Siegesfeier in Berlin legte der Bundespräsident die dritte Strophe des Deutschlandliedes fest und trug den Text vor Ort vor.