Wie schnell eine Kultfigur entsteht
Ein Heimspiel unter Flutlicht, das erste des Jahres, 3:0 gegen Dynamo Dresden. Sportlich war der Abend im Februar 2013 kein Ereignis – für die Frage, wie eine Kurve ihre Figuren bestimmt, ist er ein brauchbares Beispiel.
Zwei Spiele genügen
Der Torschütze zum 1:0 war zu diesem Zeitpunkt seit zwei Partien im Verein und galt bereits als Identifikationsfigur: als Nachfolger eines Abwehrspielers, dessen Name in Kaiserslautern für Kampf und Bodenständigkeit steht. Begründet wurde das nicht mit Statistik, sondern mit Auftreten.
Das ist der eigentliche Befund. Eine Kurve entscheidet nicht nach Leistungsdaten, sondern nach Lesbarkeit: Wer erkennbar arbeitet, wird schnell angenommen; wer technisch besser ist und dabei mühelos wirkt, braucht länger. Zwei Spiele reichen für das eine, eine halbe Saison genügt manchmal nicht für das andere.
Die andere Richtung geht genauso schnell
Im selben Spiel stand ein Angreifer zwischen Held und Sündenbock – begleitet von hörbarem Stöhnen nach jedem misslungenen Ball. Und ein dritter Spieler traf in der 81. Minute, nachdem sein Name den ganzen Abend über gerufen worden war.
Damit sind drei Zustände in neunzig Minuten belegt, die derselbe Block gegenüber drei Spielern einnimmt: Annahme, Zweifel, Bestätigung. Wer erklären will, warum ein Publikum als launisch gilt, findet die Antwort weniger in der Laune als in der Geschwindigkeit – ein Urteil, das sich in zwei Spielen bildet, hält keine schwache Phase aus.
Was daraus im Extremfall wird, ist an anderer Stelle dieser Sammlung dokumentiert: Beim Saisonauftakt 2013/14 richtete sich die Wut eines Teils des Publikums gegen einen eigenen Nachwuchsspieler – derselbe Mechanismus, nur ohne Bremse.
Die Siegesgewissheit
Der zweite Teil des Textes beschreibt etwas, das jeder Stadiongänger kennt und niemand belegen kann: das Gefühl vor dem Anpfiff, dass an diesem Abend nichts schiefgehen kann. Flutlicht, erstes Heimspiel im Jahr, ein Gegner ohne Form – und daraus eine Erwartung, für die es keine rationalen Argumente gibt.
Solche Sätze sind der Grund, aus dem Fankolumnen anders funktionieren als Spielberichte. Sie halten fest, was ein Publikum vor einem Spiel erwartet, und dieser Erwartungswert ist in keiner Statistik enthalten – obwohl er darüber entscheidet, wie dasselbe Ergebnis hinterher bewertet wird. Ein 3:0 an einem solchen Abend gilt als selbstverständlich; das gleiche Ergebnis im November wäre eine Nachricht gewesen.
Was das für Spieler bedeutet
Ein Publikum, das nach Auftreten urteilt, belohnt eine bestimmte Art zu spielen und bestraft eine andere – unabhängig davon, welche der Mannschaft mehr hilft. Der Verteidiger, der einen Ball wegköpft und danach die Faust hebt, wird angenommen; der Mittelfeldspieler, der denselben Angriff durch Stellungsspiel verhindert hat, kommt in keinem Gesang vor.
Spieler wissen das, und manche richten ihr Verhalten danach aus. Das ist keine Kritik an den Kurven, sondern eine Beschreibung des Anreizes, den sie setzen: Sichtbarer Einsatz ist die Währung, in der ein Block bezahlt, und sie wird schneller ausgezahlt als jede Vertragsverlängerung.