Zwischen Hooligans und Pfefferspray
Nach dem Bundesligaspiel des FC Bayern gegen den 1. FC Nürnberg im April 2013 stand in der Berichterstattung eine Version des Tages, die ein Mitreisender nicht wiedererkannte. Er schrieb seine eigene auf und veröffentlichte sie, ausdrücklich im Bewusstsein möglicher Folgen für sich.
Wer da schreibt
Der Verfasser stellt sich vor der Schilderung selbst vor: 22 Jahre, technischer Beruf, Vereinsheimgänger, gelegentlicher Auswärtsfahrer – und mit einem bis dahin nach eigener Aussage vollständig positiven Bild von der Arbeit der deutschen Polizei.
Diese Einleitung ist kein Beiwerk. Der überwiegende Teil der Berichte über Polizeieinsätze im Fußball kommt von organisierten Gruppen, die als Partei gelten und deren Darstellung entsprechend behandelt wird. Ein Gelegenheitsfahrer ohne Gruppenzugehörigkeit ist die Ausnahme in dieser Quellenlage.
Der Ablauf nach seiner Darstellung
Der Fanzug setzte sich gegen Mittag in Bewegung; nach seiner Wahrnehmung war die Stimmung gelöst – viele Mitreisende trugen Kleidung im Stil der achtziger und neunziger Jahre, es wurde über Verkleidungen gelacht und über die erwartete Niederlage gescherzt.
Auf einer Brücke am Weg zum Stadion kam es zum entscheidenden Vorgang. Als die ersten Nürnberger Anhänger die Brücke in polizeilicher Begleitung verlassen wollten, lief eine Gruppe von etwa 70 überwiegend vermummten Personen auf sie zu, offenkundig mit dem Ziel einer Auseinandersetzung. Diese Gruppe war nicht begleitet und konnte sich, anders als der Fanzug, frei auf dem Gelände bewegen.
Die Beamten vor dem Zug drehten sich daraufhin um und setzten Pfefferspray in Richtung der Nürnberger Anhänger ein – nach seiner Einschätzung überwiegend gegen Unbeteiligte. Ein erneutes Vordringen der vermummten Gruppe verhinderten anschließend Zivilkräfte. Danach wurde der Fanzug auf der Brücke festgehalten, die Abfahrten wurden mit Fahrzeugen versperrt.
Was daran prüfbar ist und was nicht
Prüfbar ist nichts davon von außen, und der Text erhebt diesen Anspruch auch nicht. Er ist eine Zeugenaussage, keine Untersuchung: Es fehlen die Einsatzdokumentation, die Zahl der Anzeigen und jede Auskunft darüber, wie die unbegleitete Gruppe an diese Stelle kam.
Genau daran hängt die Bewertung solcher Berichte. Sie belegen nicht, was geschehen ist – sie belegen, was Anwesende gesehen haben, und sie sind die einzige Quelle dieser Art, weil über Vorgänge im Umfeld eines Spiels keine öffentliche Nachbereitung stattfindet.
Das wiederkehrende Element
Es ist nicht das Pfefferspray, sondern die Ungleichbehandlung im Bewegungsraum: eine begleitete, kanalisierte Gruppe auf der einen Seite, eine unbegleitete auf der anderen. Dasselbe Muster ist in dieser Sammlung an mehreren Abenden dokumentiert – in Kaiserslautern 2013, wo der Einsatzleiter selbst erklärte, an der entscheidenden Straße hätten weniger Kräfte gestanden als geplant.
Wer wissen will, warum Auswärtsfahrer solche Berichte schreiben, findet hier die Antwort: Nicht die Maßnahme wird als ungerecht empfunden, sondern dass sie diejenigen trifft, die sich an die Vorgaben halten.
Die Quellenklasse, die in Sicherheitsdebatten fehlt
Er dokumentiert die Klasse von Quellen, die in Sicherheitsdebatten am wenigsten vorkommt und am schwersten zu ersetzen ist. Verbandsberichte, Polizeimeldungen und Presseberichte sind alle nach dem Vorgang entstanden; dieser Text ist die Erinnerung eines Menschen, der zwischen zwei Gruppen stand und in keiner war.