Eine Geschichte der Fangesänge
Dieser Beitrag verfolgt die Fangesänge eines Vereins über fünf Jahrzehnte. Er ist die aktualisierte Fassung eines Textes aus einem Fan- und Satiremagazin, dessen Erstfassung 2010 erschien, und er ist die kulturhistorisch dichteste Quelle dieser Sammlung.
Woher die Gesänge kamen
Fangesänge in der heutigen Form eroberten die deutschen Stadien ab etwa den 1970er Jahren; vorher galten sie als verpönt. Der Beitrag nennt einen Auslöser: Bei der Weltmeisterschaft 1958 schwenkten schwedische Zuschauer ihre Flagge und sangen ihre Anfeuerung, während die deutsche Mannschaft verlor – und die deutsche Presse behandelte das als Frevel, mit einer antischwedischen Welle als Folge.
Die Ironie, die er daraus zieht, ist der beste Satz des Textes: Einer der ersten Kultgesänge seines eigenen Vereins war die deutsche Fassung genau dieser schwedischen Anfeuerung – nach ihr wurde in den 1970er Jahren sogar eine Vereinschronik benannt. Heute wird sie nur noch in Blöcken älterer Besucher angestimmt und ist aus dem Repertoire der jüngeren verschwunden.
Der geliehene Grundstock
Der Beitrag zählt auf, was überall gleich ist: ein Walzer, ein Anfeuerungsruf mit dem Vereinsnamen, eine Aufforderung zum Aufstehen, eine Siegesbekundung. Bei allen wird lediglich der Vereinsname eingesetzt.
Von einem dieser Gesänge hält er fest, dass er deutschlandweit inzwischen mit einem anderen Verein verbunden werde, obwohl er älter sei. Das ist die Mechanik, um die es geht: Ein Gesang gehört dem, der ihn am lautesten singt, nicht dem, der ihn zuerst hatte.
Dieselbe Beobachtung wird in dieser Sammlung an anderer Stelle als Vorwurf erhoben – gegen einen Verein, dessen Gesänge sämtlich vorhandene Lieder mit getauschtem Namen seien. Der Saarbrücker Beitrag zeigt, dass das für jede Fanszene gilt und nur unterschiedlich lange zurückliegt.
Was eigen ist
Zwei Beispiele nennt er. Ein selbstironischer Gesang über die eigene Region, dem er den Witz zuschreibt, der englische Fangesänge kennzeichne. Und einen Spottgesang gegen einen ostdeutschen Verein, der auf der Herkunft eines Politikers aus derselben Region beruht – in den 1990er und 2000er Jahren gern gesungen.
Sein Urteil über die eigene Szene ist dabei streng: Solche Gesänge seien die Ausnahme, und den deutschen Anhängern fehle die englische Eigenschaft, spontan etwas Witziges zu erfinden.
Der Bruch von 2005
In diesem Jahr gründete sich in einem anderen Block eine ultra-orientierte Gruppe, und mit ihr kamen erstmals mehrstrophige Lieder – ein Repertoire, das es in dieser Form vorher nicht gab. Der Beitrag nennt eines davon, das stadionweit übernommen wurde, und hält fest, dass Teile der Fanszene diese Lieder als einschläfernden Singsang verspotten und dass sie trotzdem Qualität haben.
Die Folge beschreibt er als Wanderung: Der frühere traditionelle Fanblock ist nach einem großen Wechsel fast verwaist und wird nur noch bei Wechselgesängen einbezogen; eigene Akzente kann er nicht mehr setzen.
Das ist ein Vorgang, der jede deutsche Fanszene dieser Jahre betraf und selten aufgeschrieben ist: Die Gründung einer Ultragruppe verlagert das akustische Zentrum eines Stadions von einem Block in einen anderen.
Die Frage, die dabei offen bleibt
Der Beitrag nennt sie beim Namen – Qualität gegen Quantität. Die Gruppe stehe seit ihrem Zuwachs vor dem Problem, den eigenen Weg zu halten und gleichzeitig Neuzugänge zu integrieren.
Er belegt das an einem Auswärtsspiel, für das der eigene Supporters Club zu einem Old-School-Auftritt in alten Trikots aufgerufen hatte: Das Bild war einheitlich, gesungen wurden alte Gassenhauer, und ab dem 0:2 blieben nach seiner Beobachtung genau diejenigen stumm, die sonst die neuen Lieder kritisieren.
Damit ist die Debatte entschieden, jedenfalls für diesen Tag – und der Beitrag sagt es ohne Häme, was ihn von den meisten Texten dieser Art unterscheidet.
Der Lieblingsgesang
Ein französischer Wechselgesang, begründet mit der Nähe zu Frankreich und einer seit 1998 bestehenden Fanfreundschaft in eine lothringische Stadt. Der Beitrag räumt ein, dass der Anteil französischen Liedguts im Stadion umstritten ist, und hält dagegen, dass es dafür anders als bei anderen deutschen Vereinen einen Anlass gibt.
Sein Schlusssatz führt zum Anfang zurück: Vielleicht seien es die Wechselgesänge, die dem Gedanken der Anbetung am nächsten kommen – womit er den Begriff Kult, mit dem er begonnen hatte, am Ende einlöst.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWann kamen Fangesänge in deutsche Stadien?
Etwa ab den 1970er Jahren. Zuvor galten sie als verpönt – der Beitrag nennt als Auslöser das schwedische Publikum bei der Weltmeisterschaft 1958, dessen Anfeuerung in der deutschen Presse als Frevel behandelt wurde.
Was änderte sich 2005?
Mit der Gründung einer ultra-orientierten Gruppe in einem anderen Block entstanden erstmals richtige, mehrstrophige Lieder – vorher bestand das Repertoire überwiegend aus übernommenen Melodien mit eingesetztem Vereinsnamen.
Warum wird französisch gesungen?
Wegen der Nähe zu Frankreich und einer seit 1998 bestehenden Fanfreundschaft nach Nancy. Der Beitrag nennt einen französischen Wechselgesang als seinen Lieblingsgesang.