Eine Fanszene lässt sich nicht herstellen
Im Dezember 2013 spielte der SC Preußen Münster in der dritten Liga erstmals zu Hause gegen RB Leipzig. Es endete 0:0; das Hinspiel war 2:2 ausgegangen.
Der Beitrag darüber ist zu großen Teilen eine Abrechnung mit diesem Verein und in Passagen polemisch. Ein Argument darin ist es wert, herausgelöst zu werden, weil es sich an den folgenden zehn Jahren prüfen lässt.
Das Argument
Vor dem Spiel war eine Liste von Fangesängen im Netz verbreitet worden, damit die Texte möglichst schnell auswendig gelernt werden könnten. Der Beitrag fragt, wozu – und antwortet, eine Fanszene lasse sich nicht erzwingen. Sie entstehe über Jahre: Anhänger finden zusammen, gründen Gruppen, erfinden Gesänge.
Sein Beleg ist eine Beobachtung: dass die Gesänge dieses Vereins bereits existierten und nur der Vereinsname ausgetauscht war.
Die Behauptung enthält eine Prognose
Damit ist sie prüfbar. Wenn eine Fanszene nur über Jahre entsteht, dann müsste dieser Verein 2013 keine haben und zehn Jahre später eine – oder nie.
Eingetreten ist das Erste. Der Verein spielt seit 2016 in der Bundesliga, ist international vertreten, hat einen Pokalsieg und in dieser Zeit eine organisierte Anhängerschaft mit eigenen Gruppen, eigenen Bannern und eigenen Konflikten mit dem Verband entwickelt – dokumentiert in dieser Sammlung unter anderem an den Verbandsermittlungen von 2017.
Der Beitrag hatte also in der Sache recht und in der Zeitachse nicht. Eine Fanszene lässt sich nicht bestellen, aber zehn Jahre sind lang genug, dass eine entsteht – und der Beitrag sagt das an einer Stelle selbst: Leipzig werde es schaffen, es sei nur die Frage, wann.
Das zweite Argument, das trägt
Es betrifft den Unterschied zwischen Sponsoring und Zweck. Der Beitrag räumt ein, dass andere Vereine ebenfalls von Großsponsoren finanziert werden, und zieht die Grenze anders: Diese Vereine hätten sich die Möglichkeit, mit Werbung Geld zu verdienen, über Jahrzehnte erarbeitet, und ihr Daseinszweck bestehe nicht darin, Teil einer Werbeabteilung zu sein.
Das ist die belastbare Fassung der Kritik, weil sie nicht die Höhe des Geldes beanstandet, sondern die Richtung: ob ein Unternehmen einen Verein bewirbt oder ein Verein für ein Unternehmen wirbt. Dieselbe Unterscheidung steht in dieser Sammlung hinter den Lizenzauflagen des Verbandes, die Mitgliederstruktur und Namensgebung betrafen und nicht die Etatgröße.
Und das dritte
Der Beitrag hält fest, dass jeder Verein, der in der vierten Liga so viel Geld ausgegeben und zweimal den Aufstieg verpasst hätte, insolvent gewesen wäre. Der Erfolg beruhe also nicht auf Kompetenz, sondern darauf, dass Geld keine Rolle spielt.
Das ist als Vorwurf schwach – Kapital ist im Profifußball überall der Faktor – und als Beobachtung zutreffend: Ein Verein mit unbegrenzter Finanzierung kann Fehler machen, ohne dass sie Folgen haben, und das unterscheidet ihn von jedem Konkurrenten in derselben Liga.
Was im Stadion geschah
Der Gästeblock war besser besetzt als erwartet und zeigte zu Beginn beider Halbzeiten ein Fahnenmeer. Zehn Minuten vor Anpfiff machte er sich einmal akustisch bemerkbar, was mit Applaus aufgenommen wurde. Danach legte der Heimbereich los: beide Ultragruppen mit Spruchbändern, Gesänge gegen den Getränkehersteller, und – nach Darstellung des Berichts – ein Schwerpunkt auf dem Support der eigenen Mannschaft, bei dem sich häufig das ganze Stadion beteiligte.
Das Spiel endete 0:0, wobei der Bericht die eigene Mannschaft als die etwas bessere sieht, die zu selten abgeschlossen habe.
Die Bezeichnungen, bis in den Titel
Die Bezeichnungen. Der Beitrag nennt den Verein und seine Anhänger durchgehend mit Spottnamen – im Titel, der als Adresse dieses Textes unverändert bleibt, und im Text – und charakterisiert das Unternehmen mit Zuschreibungen, die als Tatsachenbehauptung nicht zu halten sind. Auch die Aggressionsbekundungen gegen die gegnerische Anhängerschaft stehen hier nicht.
Unter dem Beitrag steht dazu ein Kommentar aus der Gegenrichtung, der ihm entgegenhält, er habe sich mit dem Thema doch offenbar ausführlich beschäftigt. Der Einwand trifft: Der Text kündigt an, dem Projekt keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, und widmet ihm 800 Wörter.
Die Debatte in ihrer frühesten Form
Der Beitrag zeigt die Debatte in ihrer frühesten Form – 2013, drei Jahre vor dem Bundesligaaufstieg, in der dritten Liga, geschrieben von einem Anhänger eines Vereins, der in dieser Auseinandersetzung nichts zu gewinnen hatte.
Und weil sein Kernsatz die genaueste Beschreibung dessen ist, was Fankultur von Marketing unterscheidet: Sie ist nicht herstellbar, sie ist nur wachsen zu lassen. Dass sie in Leipzig gewachsen ist, widerlegt den Satz nicht – es zeigt nur, wie lange er braucht.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenUm welches Spiel geht es?
Um das Drittligaspiel des SC Preußen Münster gegen RB Leipzig im Dezember 2013 – das erste Heimspiel gegen diesen Verein, das 0:0 endete. Das Hinspiel hatte 2:2 geendet.
Was war der Anlass für die Kritik?
Eine im Netz verbreitete Liste von Fangesängen, mit der die Texte in Leipzig eingeübt werden sollten – und die Beobachtung, dass es vorhandene Lieder mit ausgetauschtem Vereinsnamen waren.
Wie war die Stimmung im Stadion?
Beide Münsteraner Ultragruppen zeigten Spruchbänder, es gab Gesänge gegen den Getränkehersteller, und der Schwerpunkt lag nach Darstellung des Berichts auf dem Support der eigenen Mannschaft.