FankulturDokumentation · Deutschland
Bieberer Berg

Ein Banner ohne Adressaten

Am Abend des 18. Dezember 2012 spielten die Offenbacher Kickers im DFB-Pokal gegen Fortuna Düsseldorf. Mit dem Anpfiff begann die Unterstützung der Gastgeber, während im Gästeblock nur ein Teil der Anhänger mitmachte. Dann wurde dort ein Banner entrollt: „Verräter!“

Die Deutung des Beitrags

Der Verfasser las es als Vorwurf an die Offenbacher Fanszene – dafür, dass sie ihre Mannschaft unterstützte, statt sich dem Schweigeprotest jener Wochen anzuschließen. Er begründete ausführlich, warum das in dieser Lage vertretbar war: Der Verein dümpelte im Mittelfeld der dritten Liga, hatte etwa sechs Millionen Euro Schulden und kämpfte um seine Existenz; viele Anhänger befürchteten, ein Pokalaus könne den Weg in die Insolvenz ebnen. Also wurde entschieden, alles für den Sieg zu geben.

Der Text endet mit einem Nachsatz an die Gäste: Bevor man andere als Verräter brandmarke, solle man vor der eigenen Tür kehren – nur ein Viertel der eigenen Anhänger habe sich am Schweigen beteiligt.

Die Korrektur

Sie kam aus den Kommentaren, von Düsseldorfer Seite, und sie war eindeutig: Das Banner richtete sich nicht gegen Offenbach, sondern gegen den eigenen Vorstand – dafür, dass dieser dem Sicherheitspapier der Liga zugestimmt hatte.

Der Protest hatte eine Vorgeschichte, die die Deutung ausschließt. Schon beim Heimspiel gegen Hannover war gegen die Zustimmung des Vorstands protestiert worden; die aktiven Anhänger hatten vorab angekündigt, auch im Pokal zu schweigen. Das Banner war die Fortsetzung, nicht eine Ansprache an den Gastgeber.

Ein weiterer Kommentator schilderte, dass er es im Fernsehen ebenso gedeutet habe wie der Autor – und ein Düsseldorfer Leser räumte ein, Zeitpunkt und Ort seien unglücklich gewählt gewesen.

Ein Spruchband ohne Adressaten liest, wer davorsteht

Ein Spruchband ohne genannten Adressaten wird von dem gelesen, der davorsteht. Das ist keine Nachlässigkeit der Zuschauer, sondern die Eigenschaft des Mittels: Ein Wort auf Stoff hat keinen Empfängerkreis, und im Auswärtsblock ist der nächstliegende Empfänger die Heimkurve.

Für die Protestwelle jenes Winters ist das ein zentraler Befund. Sie war bundesweit verabredet, aber lokal formuliert – und wo die Formulierung offenblieb, richtete sie sich gegen die Falschen. Genau dieselbe Wirkung ist in dieser Sammlung als Spaltung der eigenen Fanszenen dokumentiert.

Der zweite Befund

Die Korrektur lief über die Kommentarspalte eines Fanblogs, innerhalb von Stunden, mit Belegen und Verweisen auf zwei Berichte. Die Kommentatoren forderten anschließend eine Richtigstellung.

Dass so etwas funktionierte, ist die eigentliche Leistung dieser Publizistik. Eine Redaktion hätte am Folgetag eine Korrektur gedruckt oder auch nicht; hier standen Deutung und Gegendarstellung von Anfang an auf derselben Seite – nachlesbar, mit beiden Fanszenen im Gespräch.

Der Beitrag hält den Fehler fest

Sein Wert liegt im dokumentierten Irrtum. Ein Text, der eine falsche Deutung enthält und die Korrektur gleich darunter, dokumentiert mehr als einer, der von Anfang an richtig lag: Er zeigt, wie diese Missverständnisse entstehen, wie schnell sie sich ausbreiten – und dass in diesem Fall zwei Fanszenen sie selbst aufgelöst haben, ohne Verein und ohne Verband.

Sportlich gewann Offenbach und kam eine Runde weiter.